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Zukunft der Megagalerien: Wie groß ist zu groß in der Kunst?
Kultur · 25.08.2026 19:13

Zukunft der Megagalerien: Wie groß ist zu groß in der Kunst?

Kurz: Die Ära der ungebremsten Expansion bei Megagalerien wie Pace und Gagosian scheint vorbei. Ein Blick auf die Krise, den Strukturwandel und die Zukunft des Markte

Die Wende im Kunstmarkt: Wenn Giganten schrumpfen

Die Welt der Megagalerien, die über Jahrzehnte hinweg eine beispiellose Expansion erlebte, steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Was lange als Erfolgsrezept galt – globale Präsenz, ständiges Wachstum und eine schiere Masse an Künstlern und Standorten –, wird zunehmend infrage gestellt. Marc Glimcher, der 62-jährige Leiter der renommierten Pace Gallery, sorgte für ein Beben in der Branche, als er das aktuelle System öffentlich als „kaputt“ und „nicht mehr zu reparieren“ bezeichnete. Die Kritik ist fundamental: Das Modell sei zu groß, zu kommerziell und habe den persönlichen Bezug verloren. Diese Einschätzung kommt nicht von einem Außenseiter, sondern von einem der einflussreichsten Akteure des Marktes. Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Pace reagierte auf die eigene Analyse mit drastischen Einschnitten: Etwa fünfzig Künstler wurden aus dem Programm gestrichen, und ebenso viele Mitarbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Dies entspricht einer Reduzierung des Bestands um ein Drittel beziehungsweise einem Fünftel der Belegschaft. Auch der Branchenriese Gagosian vollzog ähnliche Schritte und kündigte die Schließung eines Londoner Standorts sowie der Dependance in Basel an, um sich dort neu zu orientieren. Diese Entwicklungen markieren das Ende einer Ära des ungebremsten Wachstums und werfen die Frage auf, ob das Oligopol der großen Galerien – zu denen neben Pace und Gagosian auch David Zwirner, Hauser & Wirth und White Cube zählen – in seiner bisherigen Form noch zukunftsfähig ist.

Struktur und Ausmaß der Krise

Die Zahlen und Namen hinter der aktuellen Entwicklung verdeutlichen die Tragweite der Entscheidung. Marc Glimcher vertritt Künstler von Weltrang, darunter Yoshimoto Nara und den verstorbenen David Hockney, sowie bedeutende Nachlässe wie die von Mark Rothko, Alexander Calder und Agnes Martin. Auch zeitgenössische Positionen wie Alicja Kwade oder das Duo Elmgreen & Dragset gehören zum Portfolio. Sein Vater Arne Glimcher, der die Galerie 1960 in Boston gründete, unterstützte die Kritik seines Sohnes und nannte das „Megagalerien-Ding“ schlicht „lächerlich und nicht haltbar“. Die betroffenen Standorte von Pace erstrecken sich über New York, London, Paris, Hongkong und Seoul, ergänzt durch eine Kooperation in Berlin. Bei Gagosian führte die strategische Neuausrichtung zur Aufgabe von Räumlichkeiten in London und Basel. Diese Maßnahmen sind Reaktionen auf eine Marktstruktur, die nach zwei Jahrzehnten aggressiver Expansion an ihre Grenzen gestoßen ist. Der Kunstmarkt, der den Löwenanteil des Primärmarktumsatzes unter wenigen Akteuren aufteilt, sieht sich nun mit einer stagnierenden Umsatzentwicklung konfrontiert, während die Kosten für Logistik, Transport und Messeauftritte weiter steigen. Die Branche, die einst von stetigem Aufstieg geprägt war, muss nun mit einer neuen Realität umgehen, in der Größe nicht mehr automatisch gleichbedeutend mit Erfolg ist.

Der Weg in die Sackgasse: Eine historische Einordnung

Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Die Entwicklung lässt sich als eine Folge von zwei Jahrzehnten intensiver Globalisierung und Kommerzialisierung beschreiben. Der Kunstmarkt hat sich in dieser Zeit eng mit der Luxusgüterindustrie und der Popkultur verzahnt. Marc Spiegler, der ehemalige globale Direktor der Art Basel, beschreibt die aktuelle Lage als ein Problem der Verhältnismäßigkeit. Obwohl die Zahl der Superreichen weltweit stetig wächst, stagniert der Umsatz aus Kunstverkäufen seit Jahren. Das System hat sich in ein globales Karussell verwandelt, bei dem Galeristen, Sammler, Kuratoren und VIPs ständig um den Globus reisen, getrieben von der Angst, etwas zu verpassen – dem sogenannten FOMO-Effekt. Diese permanente Rotation hat ökologische und ökonomische Kosten, die besonders für kleinere Galerien kaum noch tragbar sind. Zudem hat sich die Erwartungshaltung des Publikums verändert. Die großen Galerien sind dazu übergegangen, ihr Programm auf ein immer gleiches, globales Publikum auszurichten, was zu einer gewissen Konformität geführt hat. Die künstlerische Vielfalt leidet unter dem Druck der Skalierbarkeit, und ein Gefühl der Erschöpfung macht sich in der Szene breit. Die Geister, die die Branche rief, scheinen nun die Akteure selbst zu überfordern.

Die Akteure im Spannungsfeld

Die Protagonisten dieses Wandels sind dieselben, die das System einst groß gemacht haben. Marc Spiegler, der die Art Basel unter anderem nach Hongkong, Paris und Doha brachte, reflektiert heute kritisch über die Strukturen, die er mitgestaltet hat. Er weist auf das Problem des „Art Flippings“ hin, bei dem Kunst als reines Spekulationsobjekt behandelt wird. Dies führt dazu, dass Galerien bei der Preisgestaltung vorsichtig agieren müssen, da die Produktion von Kunst Zeit benötigt, während der Markt auf schnelle Renditen drängt. Auf der anderen Seite stehen Sammler, deren Interesse an physischem Besitz und kultureller Förderung laut Berichten abnimmt. Die Megagalerien selbst versuchen, durch Diversifizierung und neue Konzepte gegenzusteuern. Pace beispielsweise kooperiert in Berlin mit dem Händler Emmanuel Di Donna und dem ehemaligen Sotheby’s-Experten David Schrader, um in einer ehemaligen Tankstelle neue Wege zu gehen. Diese Versuche zeigen, dass die großen Akteure erkannt haben, dass das bisherige Modell der reinen Masse nicht mehr ausreicht, um die Bindung zu Künstlern und Sammlern aufrechtzuerhalten, deren Zahl pro Galerie im Schnitt laut Art-Basel-Report nur noch 57 beträgt.

Einordnung der Marktdaten

Einzuordnen ist die aktuelle Krise anhand der Daten des „Art Basel and UBS Art Market Report“. Entgegen der pessimistischen Stimmung im Megasegment ist der Gesamtumsatz der Galerien weltweit im vergangenen Jahr um zwei Prozent gestiegen. Es wurden sogar mehr Galerien eröffnet als geschlossen. Das Wachstum findet jedoch an den Rändern der Pyramide statt: bei sehr kleinen Händlern mit einem Umsatz unter 500.000 Dollar und bei den ganz Großen mit mehr als zehn Millionen Dollar Umsatz. Der Mittelmarkt hingegen leidet massiv unter steigenden Mieten und dem Verlust von Künstlern, die zu den großen Playern abwandern. Den Berichten zufolge ist der Kunsthandel eine auf der Spitze stehende Pyramide, in der sich das Kapital bei wenigen Akteuren konzentriert, während an der Basis oft Selbstausbeutung herrscht. Die großen Auktionshäuser profitieren derweil in der Hochpreisklasse von der restriktiven Politik der Galerien, die Kunden mit ihrer Preisgestaltung oft in die Arme der Auktionshäuser treiben. Die Situation ist somit kein allgemeiner Niedergang des Kunstmarktes, sondern eine schmerzhafte Konsolidierung und eine Verschiebung der Machtverhältnisse innerhalb des Systems.

Offene Fragen und strukturelle Lücken

Der Quelltext lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet, die für die zukünftige Entwicklung des Kunstmarktes von Bedeutung wären. Es bleibt unklar, wie genau die „neue regionale Verankerung“ der Megagalerien langfristig finanziert werden soll, wenn die Kosten für den Betrieb globaler Standorte bereits jetzt als Belastung wahrgenommen werden. Ebenso wenig wird detailliert erläutert, welche spezifischen Kriterien bei der Auswahl der Künstler für die massiven Kürzungen bei Pace angewandt wurden – ob es sich primär um ökonomische Entscheidungen oder eine inhaltliche Neuausrichtung handelt, bleibt offen. Zudem fehlen konkrete Angaben dazu, wie die nächste Generation der Familiengeschäfte, etwa bei Pace oder Hauser & Wirth, den Generationenwechsel konkret gestalten will. Auch die Frage, wie die Diskrepanz zwischen der schwindenden Aufmerksamkeitsspanne jüngerer Wohlhabender und dem Wunsch der Galerien nach langfristiger Kundenbindung gelöst werden soll, bleibt eine offene Leerstelle. Die Auswirkungen der ökologischen Kosten, die im Text als kaum diskutiertes Thema erwähnt werden, auf die zukünftige Messeplanung werden ebenfalls nicht weiter spezifiziert.

Die Transformation zum Lifestyle-Brand

Ein interessantes Gegenmodell zur reinen Galerie bietet Hauser & Wirth. Das 1992 in Zürich gegründete Unternehmen hat sich längst zu einer luxuriösen Lifestyle-Marke entwickelt. Mit achtzehn Standorten weltweit, darunter eine historische Farm in Somerset, England, setzt das Unternehmen auf ein Konzept, das weit über den klassischen Verkauf von Kunst hinausgeht. Hier werden Gastronomie, Hofläden, Künstlerresidenzen und Bildungsprogramme miteinander verknüpft. Auch auf der Isla del Rey vor Menorca wurde ein ehemaliges Marienkrankenhaus aus dem 18. Jahrhundert in ein Kunstzentrum mit Restaurant und Geschäft umgewandelt. Iwan und Manuela Wirth investieren zudem in Bereiche wie das Hotelgewerbe, etwa in Schottland. Diese Strategie zielt darauf ab, Kunden durch „Verweilen und Verzaubern“ zu binden, anstatt sie nur über den schnellen Verkauf zu erreichen. Es ist ein Versuch, Kunst in einen umfassenden Erlebnisraum einzubetten, der den veränderten Bedürfnissen einer kaufkräftigen Klientel entgegenkommt. Ob dieses Modell der Lifestyle-Integration jedoch für alle Megagalerien als Vorbild dienen kann oder ob es eine exklusive Nische bleibt, ist eine der zentralen Fragen für die kommenden Jahre.

Ausblick: Wohin die Reise geht

Die Zukunft des Kunstmarktes scheint in einer stärkeren Differenzierung zu liegen. Auch die Messeunternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Die Frieze in London konzentriert sich verstärkt auf aufstrebende Talente, während die Art Basel in Doha nicht auf eine weitere riesige Weltausstellung setzt, sondern auf eine kuratierte, überschaubare Regionalmesse. Für die Megagalerien bietet ihre Substanz genug Spielraum, um sich zu transformieren und den notwendigen Generationenwechsel zu vollziehen. Die kritische Situation betrifft vor allem die mittleren und kleinen Galerien, die die grundlegende Aufbauarbeit leisten, aber im aktuellen Gefüge zwischen den Giganten und den Auktionshäusern zerrieben werden. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der eingeschlagene Weg der Schrumpfung und Regionalisierung ausreicht, um die strukturellen Probleme des Kunstmarktes zu lösen. Fest steht nur, dass das Modell der ungebremsten Expansion, das den Markt über Jahrzehnte dominierte, in seiner bisherigen Form an ein Ende gekommen ist. Die Branche befindet sich in einem Prozess der Selbstfindung, in dem Qualität, lokale Verankerung und neue Erlebnisformen wichtiger werden als die bloße globale Präsenz.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/bau-brucke-kanal-fluss-12073044/ · Foto: Egor Komarov
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/pace-gagosian-co-sind-die-megagalerien-in-der-krise-201140141.html