Ein Leben zwischen Kunst und Wissenschaft: Die Wiederentdeckung der Erna Pinner
Die Frankfurter Kulturszene widmet sich in einer neuen Theaterproduktion einer bemerkenswerten Persönlichkeit, die lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden war: Erna Pinner. Die jüdische Künstlerin, die zeitlebens die Grenzen zwischen den Disziplinen ignorierte, war als Illustratorin, Fotografin und Naturwissenschaftlerin tätig. Ihr Lebensweg, der von intellektueller Neugier und künstlerischem Schaffen geprägt war, wurde durch die nationalsozialistische Verfolgung jäh unterbrochen. Die Regisseurin Martha Kottwitz hat nun das Leben dieser vielseitigen Frau für die Bühne adaptiert. Unter dem Titel "Ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt" feiert das Stück im Rahmen der "Tage des Exils" bei den Landungsbrücken Frankfurt Premiere. Die Inszenierung versteht sich nicht als klassisches Theaterstück, sondern als eine interdisziplinäre Installation, die das Schicksal Pinners durch Archivmaterial, Musik und performative Elemente greifbar macht. Damit wird eine Künstlerin gewürdigt, die nach ihrer Flucht aus Deutschland zwar im Londoner Exil beruflich Fuß fassen konnte, deren Verbindung zur Heimat jedoch durch die traumatischen Erfahrungen der Ausgrenzung und Vertreibung dauerhaft gestört blieb. Das Projekt ist ein Versuch, die Geschichte einer Frankfurterin zu rekonstruieren, die einst als etablierte Künstlerin in ihrer Heimatstadt wirkte, bevor sie durch den Terror des NS-Regimes zur Emigration gezwungen wurde.
Facettenreiche Biografie: Von Frankfurt in die Welt und ins Exil
Der Lebenslauf von Erna Pinner ist ein Zeugnis intellektueller Weite und persönlicher Resilienz. Bereits im Jahr 1907, im Alter von erst 17 Jahren, begann sie ihr Studium der Malerei am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main. Ihre künstlerische Ausbildung bildete das Fundament für eine Laufbahn, die sie weit über die Grenzen Deutschlands hinausführen sollte. Pinner lebte und arbeitete in Berlin und Paris, unternahm zudem ausgedehnte Reisen in den Nahen Osten, nach Afrika und Mittelamerika. Diese Erfahrungen hielt sie nicht nur in zahlreichen Zeichnungen fest – etwa von mosambikanischen Landschaften, Stierkämpfen oder bolivianischen Hochebenen –, sondern verarbeitete sie auch literarisch. In ihren Werken "Eine Dame reist durch Griechenland" und "Ich reise durch die Welt" setzte sie sich kritisch mit gesellschaftlichen Themen wie Rassismus und Frauenfeindlichkeit auseinander. Der Aufstieg der Nationalsozialisten beendete diese Phase der Freiheit abrupt: Im Jahr 1935 wurde Pinner aus der Reichskünstlerkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Während viele andere Vertriebene im Exil scheiterten, gelang es Pinner in London, ihre künstlerische Begabung erfolgreich mit ihrem wissenschaftlichen Interesse für Zoologie und Biologie zu verknüpfen. Sie etablierte sich dort als gefragte Illustratorin für naturwissenschaftliche Publikationen, blieb jedoch zeitlebens von den Erfahrungen der Flucht und der Entfremdung gezeichnet.
Die historische Aufarbeitung: Recherche im Deutschen Exilarchiv
Die Inszenierung "Ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt" basiert auf einer intensiven und langwierigen Recherchearbeit. Regisseurin Martha Kottwitz und ihr Team arbeiteten eng mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek zusammen, um das Leben der Künstlerin akribisch aufzuarbeiten. Die Fülle des dort gesichteten Materials stellte das Team vor die Herausforderung, eine klare inzentrische Ausrichtung zu finden. Laut Kottwitz kristallisierte sich im Austausch mit den beteiligten Performerinnen und Performern – Anastasiia Struzhak, Abdul Aziz Al Khayat und Anne Greta Weber – ein klarer Fokus auf die Themen Exil und Fluchterfahrung heraus. Als zentrales Dokument für das Stück dient ein Brief von Erna Pinner vom 9. Oktober 1953. In diesem Schreiben reflektiert sie ihre Rückkehr nach Frankfurt im Jahr 1955, die sie als "gespenstisches Abenteuer" beschrieb. Die Stadt, die ihr einst vertraut war, erschien ihr nach fast zwei Jahrzehnten Exil als fremder Ort, geprägt von einer neuen Architektur aus Glas und Stahl, in der sie ihre eigene Identität und die Spuren ihrer Vergangenheit nicht mehr wiederfinden konnte. Diese emotionale Distanz und das Gefühl der Fremdheit bilden das Rückgrat der dramaturgischen Gestaltung.
Die Inszenierung als interdisziplinäre Installation
Der künstlerische Ansatz von Martha Kottwitz, die selbst in Frankfurt geboren wurde und ihre Wurzeln in der Musik hat, spiegelt sich in der Struktur des Abends wider. Die Produktion bricht bewusst mit den Konventionen des klassischen Theaters, indem sie Dokumentation, Musik, Schauspiel und interaktive Elemente miteinander verschmilzt. Das Publikum wird dabei nicht in eine passive Rolle gedrängt, sondern dazu eingeladen, den Weg durch die Geschichte aktiv mitzugestalten. Die Inszenierung gliedert sich in zwei Teile: Während der erste Abschnitt stärker dokumentarisch geprägt ist und das Publikum mit den biografischen Eckpunkten von Erna Pinner vertraut macht, öffnet sich der zweite Teil. Hier bewegen sich die Besucherinnen und Besucher frei über das Gelände der Landungsbrücken und können die verschiedenen, thematisch gestalteten Räume eigenständig erkunden. Diese räumliche Offenheit soll die Auseinandersetzung mit den Themen Exil und Neuanfang intensivieren. Die Regisseurin betont, dass sie bewusst nicht die gewohnten Sehgewohnheiten bedienen wollte, um die emotionale Schwere der Biografie Pinners für das heutige Publikum erfahrbar zu machen.
Die Metaphorik des Lungenfisches als Widerstandssymbol
Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Titel der Inszenierung, der direkt aus einem naturwissenschaftlichen Text Pinners entlehnt wurde. Sie beschrieb darin den afrikanischen Lungenfisch, der die Fähigkeit besitzt, Trockenperioden durch ein Eingraben in den Schlamm zu überleben, während andere Arten sterben. Für die Regisseurin Martha Kottwitz dient dieses Bild als kraftvolle Metapher für die Widerstandsfähigkeit von Erna Pinner während der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung. Die Künstlerin, die durch die Verfolgung ihre Lebensgrundlage verlor, entwickelte im Exil eine Art "Überlebensstrategie", indem sie ihre künstlerische Arbeit in einen neuen, wissenschaftlichen Kontext überführte. Im Theaterstück wird dieser Fisch zum Symbol für die Fähigkeit, in lebensfeindlichen Umgebungen zu bestehen und sich trotz der erzwungenen Flucht eine neue Existenz aufzubauen. Die Inszenierung nutzt hierfür unter anderem Archivtische und historische Fotoprojektionen, die das Schicksal der Künstlerin visualisieren und die Brücke zwischen ihrer naturwissenschaftlichen Beobachtungsgabe und ihrer persönlichen Lebensgeschichte schlagen.
Soundscapes und die Atmosphäre der Londoner Einsamkeit
Die auditive Gestaltung spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung der Exilerfahrung. In einem der Räume der Installation, betitelt mit "Meine feuchte Insel", hat der Techartist Omar Tarawneh eine Soundscape geschaffen, die die Besucherinnen und Besucher in das kalte, regnerische Klima Londons versetzt. Aus menschengroßen Lautsprechern ist das Wispern von Brief- und Textfragmenten zu hören, die den inneren Monolog und die Einsamkeit der Künstlerin im Exil verdeutlichen. Auch der Einsatz historischer Schalltrichter an den Landungsbrücken Frankfurt unterstreicht die Atmosphäre der Entfremdung. Diese akustische Ebene soll das Gefühl der Isolation, das Pinner nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt 1955 empfand, für das Publikum spürbar machen. Die Stadt, die sie vor dem Krieg als sozial etablierte Künstlerin kannte, war ihr zur Fremde geworden. Die Soundinstallation fungiert somit als Brücke zwischen der Vergangenheit der Künstlerin und der heutigen Wahrnehmung des Ortes, an dem sie einst lebte und arbeitete.
Einordnung: Frankfurt und die Verantwortung der Erinnerungskultur
Die Inszenierung ist einzuordnen als ein Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur, der weit über die historische Aufarbeitung einer einzelnen Biografie hinausgeht. Die Dramaturgin Friederike Weidner betont, dass das Stück bewusst den Bogen von Pinners Flucht aus Frankfurt zu den aktuellen gesellschaftlichen Fragen spannt. Den Berichten zufolge ist das Ziel der Produktion nicht nur die Würdigung der Künstlerin, sondern auch eine Reflexion über die heutige Stadtgesellschaft. Frankfurt war in der Vergangenheit ein Ort, aus dem Menschen aufgrund von Verfolgung fliehen mussten – eine historische Tatsache, die laut Weidner nicht ungeschehen gemacht werden kann. Das Theaterstück stellt somit die Frage nach der gegenwärtigen Verantwortung einer Stadt gegenüber Menschen, die heute vor Not und Verfolgung Schutz suchen. Die Inszenierung fungiert hierbei als Mahnung, dass eine Stadt, die ihre eigene Geschichte der Vertreibung anerkennt, auch eine Verpflichtung für die Zukunft tragen sollte, ein Ort der Aufnahme für Schutzsuchende zu bleiben.
Offene Fragen und der weitere Verlauf der Produktion
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Biografie Erna Pinners und der detaillierten Umsetzung des Stücks offen. So wird nicht explizit ausgeführt, welche weiteren Stationen ihres Lebens nach 1955 von Bedeutung waren oder ob es noch lebende Zeitzeugen gibt, die ihre Arbeit beeinflusst haben könnten. Auch die genauen inhaltlichen Details der "assoziativen" Räume im zweiten Teil der Inszenierung bleiben teilweise im Vagen, da sie auf die individuelle Erkundung durch das Publikum setzen. Hinsichtlich des weiteren Verlaufs der Produktion sind die Vorstellungen im Rahmen der "Tage des Exils" vom 25. bis zum 27. August 2026 terminiert. Ob das Stück über diesen Zeitraum hinaus im Programm der Landungsbrücken Frankfurt bleibt oder an anderen Orten gezeigt wird, geht aus dem vorliegenden Material nicht hervor. Ebenso bleibt unklar, ob das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 weitere Projekte plant, die sich mit dem Werk von Erna Pinner beschäftigen, oder ob diese Inszenierung eine einmalige Kooperation darstellt. Die Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main – Kulturabteilung unterstreicht jedoch die Bedeutung des Projekts für die städtische Erinnerungsarbeit.