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Wie ein chinesischer Essenslieferant einen wichtigen Literaturpreis gewann
Schlagzeilen · 04.08.2026 21:28

Wie ein chinesischer Essenslieferant einen wichtigen Literaturpreis gewann

Kurz: Der chinesische Lieferdienstfahrer Wang Jibing hat für seine Gedichte über den harten Arbeitsalltag den renommierten Lu-Xun-Literaturpreis erhalten.

Ein ungewöhnlicher Preisträger

In der chinesischen Literaturszene sorgt derzeit ein Mann für Aufsehen, der fernab von akademischen Zirkeln arbeitet. Wang Jibing, ein 56-jähriger Essenslieferant aus Kunshan, wurde mit dem Lu-Xun-Preis ausgezeichnet – einer der bedeutendsten literarischen Ehrungen Chinas. Benannt nach dem Wegbereiter der modernen chinesischen Literatur, würdigt der Preis Wangs Gedichtsammlung „Niedrigflug“, in der er die Realität seines Berufsalltags verarbeitet.

Schreiben im Takt der Sekunden

Wang Jibing ist seit rund sieben Jahren als Kurier auf einem Elektroroller tätig. Der enorme Zeitdruck, der diesen Beruf prägt, ließ ihm kaum Raum für klassische Schreibutensilien. Um seine Gedanken festzuhalten, entwickelte er eine pragmatische Methode: Statt Stift und Papier nutzt er Sprachnachrichten auf seinem Smartphone, um seine Beobachtungen und Gefühle zwischen den Lieferungen zu diktieren.

In seinen Texten reflektiert er den Kampf gegen die Uhr, die ständige Sorge um gute Kundenbewertungen und die physischen Belastungen bei Wind und Wetter. Er beschreibt den Beruf des Lieferfahrers als einen „Wettlauf gegen die Zeit“, in dem jede Minute zählt. Dabei zeichnen sich seine Werke nicht durch explizite Systemkritik aus, sondern durch eine präzise literarische Schilderung der Herausforderungen, denen sich Millionen von Arbeitnehmern in der chinesischen Gig-Economy täglich stellen müssen.

Ein Leben zwischen Literatur und Alltag

Die Leidenschaft für das Schreiben begleitet Wang bereits seit fast vier Jahrzehnten. Sein Lebenslauf ist von körperlich harter Arbeit geprägt, darunter eine Zeit, in der er Sand aus Flüssen baggerte. Diese Erfahrungen, so scheint es, haben seinen Blick auf die Welt geschärft. Trotz der neuen Aufmerksamkeit bleibt der Preisträger bescheiden. In seiner Heimatstadt Kunshan, unweit von Shanghai, führt er gemeinsam mit seiner Frau einen kleinen Gemischtwarenladen. Nachbarn nehmen ihn als genügsamen Menschen wahr, der sich aktiv in den Familienbetrieb einbringt.

Reaktionen auf die Auszeichnung

Die Verleihung des Lu-Xun-Preises an einen einfachen Kurierfahrer hat in der Öffentlichkeit gemischte Reaktionen hervorgerufen. Befürworter sehen darin eine wertvolle Erweiterung des literarischen Horizonts, da sie den Blick auf die Lebensrealität „normaler“ Menschen lenkt. Kritische Stimmen hingegen hinterfragten, ob eine solche Auszeichnung für jemanden angemessen sei, der durch soziale Medien Bekanntheit erlangte. Wang selbst begegnet dem Trubel mit Gelassenheit. Er betont, dass der Preis sein Selbstverständnis nicht grundlegend verändern werde.

Die Zukunft: Arbeit und Poesie

Was folgt auf den Erfolg? Für Wang Jibing ist die Antwort eindeutig: Er plant, weiterhin als Kurier zu arbeiten. Die Literatur fungiert für ihn als ein ruhiger Fluss, der durch den Preis lediglich einen „schönen Wasserfall“ geformt habe. Sobald die mediale Aufmerksamkeit abebbt, möchte er in seine Lieferdienstuniform zurückkehren. Sein Alltag, bestehend aus der harten Arbeit auf der Straße und dem kreativen Schreiben in den kurzen Pausen, bleibt das Fundament seines Schaffens. Damit bleibt er ein Beispiel dafür, wie Literatur selbst unter den restriktivsten Zeitvorgaben entstehen kann.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/eingang-eines-chinesischen-restaurants-im-freien-mit-schildern-35071413/ · Foto: Bingqian Li
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-lieferdiensfahrer-bekommt-literaturpreis-100.html