News aus aller Welt
Start
Viele Gebäude weiterhin ohne Elementarschadenversicherung
Wirtschaft · 08.11.2026 16:28

Viele Gebäude weiterhin ohne Elementarschadenversicherung

Kurz: Trotz zunehmender Extremwetterereignisse ist nur gut die Hälfte aller Gebäude in Deutschland gegen Elementarschäden versichert. Experten fordern mehr Prävention

Die aktuelle Lage der Gebäudeversicherung

Die Bedrohung durch Extremwetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen nimmt in Deutschland stetig zu, doch die Absicherung der Wohngebäude hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Aktuellen Daten zufolge sind nur etwa 57 Prozent der Gebäude hierzulande gegen Elementarschäden versichert. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein erheblicher Teil des Immobilienbestandes ungeschützt bleibt, wenn es zu Naturkatastrophen kommt. Die Versicherungsbranche beobachtet dabei ein besorgniserregendes Muster: Während das Interesse an entsprechenden Policen unmittelbar nach verheerenden Ereignissen, wie etwa der Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021, kurzzeitig ansteigt, flacht das Risikobewusstsein der Eigentümer mit zunehmendem zeitlichen Abstand wieder ab. Experten bezeichnen dieses Phänomen als eine Art „Katastrophendemenz“. Diese Lücke im Versicherungsschutz stellt angesichts der fortschreitenden Erderwärmung, die nach Einschätzungen von Fachleuten zu einer Häufung von Starkregenereignissen führen wird, ein wachsendes finanzielles Risiko für private Haushalte dar. Die Debatte darüber, wie man dieser Entwicklung begegnen kann, wird vor dem Hintergrund der steigenden Schadenssummen immer dringlicher geführt.

Konkrete Beispiele und regionale Risiken

Ein anschauliches Beispiel für die Gefahrenlage ist der kleine Ort Dirlos im osthessischen Landkreis Fulda. Dort schlängelt sich der Grumbach durch eine Senke, in der Anwohner leben. Was bei normalem Wetter harmlos erscheint, wird bei Starkregen zu einer ernsthaften Bedrohung. In den Jahren 2013 und 2018 kam es dort zu Hochwasserereignissen, die hohe Schäden an den Gebäuden verursachten. Anwohnerin Jutta Schäfer äußert ihre Sorge angesichts des Klimawandels und rechnet fest mit weiteren Überschwemmungen in der Zukunft. Bürgermeister Timo Zentgraf betont, dass man heute in einer solchen Aue keine neuen Gebäude mehr errichten würde, eine Umsiedlung der bereits dort lebenden Menschen jedoch keine realistische Option darstelle. Deutschlandweit stehen rund 400.000 Wohngebäude in Gebieten mit einem hohen Überschwemmungsrisiko. Dabei sind nicht nur Häuser in unmittelbarer Nähe zu Gewässern gefährdet. Auch weit entfernt von Flüssen oder Seen können Gebäude durch Starkregen massiv beschädigt werden, wenn große Wassermengen nicht schnell genug abfließen können und sich in Senken sammeln.

Hintergrund und bisheriger Verlauf der Debatte

Die Diskussion über den Schutz gegen Naturgefahren wird bereits seit Jahren intensiv geführt. Die Elementarschadenversicherung fungiert dabei als notwendige Ergänzung zur klassischen Wohngebäudeversicherung, da diese allein meist nicht für Schäden durch Naturereignisse wie Überschwemmungen aufkommt. Während bei neu errichteten Gebäuden der Abschluss einer solchen Versicherung oft zum Standard gehört, stagniert die Quote bei den Bestandsgebäuden seit geraumer Zeit. Die Politik prüft seit Längerem die Einführung einer Pflichtversicherung für Elementarschäden, um eine flächendeckende Absicherung zu gewährleisten. Eine zentrale Hürde in dieser Debatte bleibt die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit der Risiken für die Versicherungsbranche. Der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler Hartmut Nickel-Waninger hat diese Frage in einer Studie untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Branche die Risiken grundsätzlich tragen könne. Er verweist darauf, dass genügend Rückversicherer existieren, an die die Risiken weitergegeben werden können, um die Lasten zu verteilen.

Die Akteure und ihre Perspektiven

Verschiedene Akteure nehmen zu der Problematik Stellung. Anja Käfer-Rohrbach, die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), betont, dass Starkregenereignisse nicht auf Gebiete in Flussnähe begrenzt sind. Sie mahnt zur Vorsicht und unterstreicht die Notwendigkeit, das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen. Die Versicherungsbranche selbst beobachtet die Entwicklungen weltweit sehr genau. Ein Blick in die USA zeigt, dass die Versicherbarkeit von Immobilien an Grenzen stoßen kann, wenn Schäden durch Naturkatastrophen wie Waldbrände in bestimmten Regionen überhandnehmen. Dort haben sich Versicherer bereits teilweise aus gefährdeten Gebieten zurückgezogen oder ihre Tarife massiv erhöht. Auch eine Gruppe anonymer Brancheninsider warnte in einem offenen Brief vor einem ähnlichen Szenario in Deutschland, bei dem in einem dreistufigen Prozess – erst Beitragserhöhungen, dann Risikoausschlüsse, schließlich der Rückzug – immer weniger Gebäude überhaupt versicherbar sein könnten. Dies hätte weitreichende Folgen für den gesamten Finanzsektor.

Einordnung der Risiken und klimatische Zusammenhänge

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als ein komplexes Zusammenspiel aus Klimawandel, Bauplanung und individueller Vorsorge. Den Berichten zufolge hängt das Ausmaß der künftigen Extremwetterereignisse maßgeblich vom Erfolg globaler Klimaschutzbemühungen ab. Das UN-Umweltprogramm UNEP warnt eindringlich, dass jedes zusätzliche Zehntelgrad Erwärmung über die 1,5-Grad-Marke hinaus die Risiken für schwere Wetterereignisse weiter erhöht. Angesichts der aktuellen Entwicklung, bei der die Welt auf eine Erwärmung von etwa 2,8 Grad zusteuert, ist der Handlungsdruck enorm. Experten betonen daher, dass neben der Versicherung auch die Prävention eine zentrale Rolle spielt. Gebäude müssen klimaresilienter geplant und bestehende Bauten besser geschützt werden. Dennoch entstehen laut GDV weiterhin jährlich etwa 1.000 bis 1.500 Neubauten in amtlich ausgewiesenen Hochwasserzonen, was die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln verdeutlicht. Im Landkreis Fulda setzt man daher auf technologische Lösungen: Über 180 Sensoren an Brücken und Dächern nutzen Künstliche Intelligenz, um frühzeitig vor Starkregen zu warnen und so die Reaktionszeiten für Anwohner und Rettungskräfte zu verkürzen.

Offene Fragen und zukünftige Entwicklungen

Der vorliegende Sachstand lässt einige Fragen offen, die für die weitere Entwicklung entscheidend sind. Es bleibt unklar, ob und wann die Bundesregierung eine gesetzliche Pflichtversicherung für Elementarschäden tatsächlich auf den Weg bringen wird, um die derzeitige Lücke bei den Bestandsgebäuden zu schließen. Ebenso wenig ist abschließend geklärt, wie genau die Versicherer auf die langfristig steigenden Risiken reagieren werden, sollten die Schadensummen die Kapazitäten der Rückversicherer übersteigen. Auch die konkreten finanziellen Auswirkungen auf den Finanzsektor, falls Immobilien in Deutschland tatsächlich als unversicherbar eingestuft würden, sind noch nicht detailliert absehbar. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von den politischen Entscheidungen der Bundesregierung ab, die bereits angekündigt hat, bessere Versicherungsmöglichkeiten für Häuser schaffen zu wollen. Die Debatte über die Pflichtversicherung bleibt damit ein zentrales Thema, das sowohl die Versicherungsbranche als auch Immobilieneigentümer und die Politik in den kommenden Monaten und Jahren intensiv beschäftigen wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/reich-baum-geschaft-business-6289031/ · Foto: Monstera Production
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/klimaschaeden-versicherungen-100.html