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True Crime: Verzerrt die Lust am Verbrechen die Realität?
Schlagzeilen · 10.08.2026 17:07

True Crime: Verzerrt die Lust am Verbrechen die Realität?

Kurz: True-Crime-Formate boomen, doch die Faszination für grausame Verbrechen hat ihre Schattenseiten: Experten warnen vor einer verzerrten Wahrnehmung der Realität.

Die Faszination des Abgründigen

Ob Podcasts, Dokumentationen oder Serien – das Genre „True Crime“ erlebt seit Jahren einen beispiellosen Aufstieg. Formate wie „Verbrechen von Nebenan“ oder „Im Visier“ erreichen ein Millionenpublikum und führen regelmäßig die Beliebtheitsskalen an, wie die ARD/ZDF-Podcaststudie 2024 belegt. Doch was treibt Menschen dazu, sich intensiv mit den dunkelsten Kapiteln menschlichen Handelns auseinanderzusetzen? Die Antwort liegt oft in einer Mischung aus Neugier und dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit.

Warum wir das Grauen hören

Ein Forschungsprojekt der Universität Graz aus dem Jahr 2025 liefert erste Erklärungsansätze für diesen Trend. Befragt wurden 600 Personen, um die psychologischen Hintergründe des Konsums zu beleuchten. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Morbid Curiosity“ – eine krankhafte oder morbide Neugier auf bedrohliche Situationen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es den Konsumenten weniger um den reinen Nervenkitzel geht, sondern um ein tieferes Verständnis: Etwa 75 Prozent der Befragten gaben an, die Psychologie hinter den Taten verstehen zu wollen. Indem der Hörer den Tathergang Schritt für Schritt nachvollzieht, versucht das Gehirn, Unsicherheiten aufzulösen und Gefahren besser einzuschätzen. Es ist der Wunsch, das Unvorhersehbare greifbar zu machen, um sich im eigenen Alltag vermeintlich besser vor Bedrohungen schützen zu können.

Die Gefahr der verzerrten Realität

Doch genau hier liegt ein potenzielles Problem. True-Crime-Formate konzentrieren sich in der Regel auf außergewöhnliche, schockierende Verbrechen. Ein Mord in einem kleinen Ort wie Aschau oder das brutale Vorgehen eines Wilderers, wie im Fall Kusel, sind medial hochgradig verwertbar. Sie sind jedoch nicht repräsentativ für die Kriminalitätslandschaft in Deutschland.

Prof. Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen warnt vor den Folgen dieses einseitigen Konsums. Da die Formate fast ausschließlich extreme Fälle behandeln, entsteht bei den Rezipienten ein Bild, das mit der offiziellen Kriminalstatistik kaum übereinstimmt. Während True Crime oft den Überfall durch einen Fremden im nächtlichen Park thematisiert, ereignen sich Tötungsdelikte in der Realität weitaus häufiger im privaten Umfeld, etwa durch den eigenen Partner. Dennoch bleibt auch dies im Vergleich zur sogenannten Massenkriminalität – wie Eigentumsdelikten – ein eher seltener Straftatbestand.

Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Konsum

Die Forschung zeigt zudem deutliche Unterschiede im Nutzungsverhalten. Frauen konsumieren True-Crime-Inhalte im Durchschnitt deutlich intensiver als Männer. Laut der Grazer Studie kommen Frauen auf etwa sieben Stunden wöchentlichen Konsum, während Männer bei vier Stunden liegen. Experten führen dies auf ein stärker ausgeprägtes Interesse an psychologischen Motiven und sozialen Zusammenhängen zurück. Frauen suchen in den Geschichten oft nach Strategien, um Gefahrensituationen besser zu antizipieren und zu verstehen.

Einordnung: Zwischen Unterhaltung und Information

Der Begriff „True Crime“ suggeriert Authentizität. Doch die journalistische Aufarbeitung solcher Fälle – wie sie beispielsweise in dem ARD-Podcast „Im Fall Kusel – Die letzte Jagd“ stattfindet – bewegt sich stets in einem Spannungsfeld. Einerseits bieten diese Formate eine tiefgehende Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge und Tathergänge. Andererseits besteht die Gefahr, dass die ständige Konfrontation mit extremen Einzelfällen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nachhaltig beeinträchtigt.

Wer sich regelmäßig mit den Abgründen der Kriminalität beschäftigt, sollte sich bewusst machen, dass die mediale Auswahl nicht die statistische Wahrscheinlichkeit widerspiegelt. Die Kriminalitätsstatistik zeigt regelmäßig, dass die reale Bedrohungslage für den Einzelnen oft weit weniger dramatisch ist, als es die populären True-Crime-Formate vermuten lassen. Die Herausforderung für Konsumenten besteht darin, die Faszination für das Psychologische von der objektiven Einschätzung des persönlichen Risikos zu trennen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charmante-historische-strasse-in-rinteln-deutschland-35795438/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.tagesschau.de/kultur/true-crime-konsum-von-verbrechen-100.html