Was geschehen ist – die Kernmeldung
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben im September 2026 ihren Entwurf für den Szenariorahmen zur Energieversorgung im Jahr 2045 vorgelegt, der nun von der Bundesnetzagentur veröffentlicht wurde. Dieses Dokument dient als zentrale Planungsgrundlage für die künftige Infrastruktur des deutschen Stromnetzes. Doch die darin enthaltenen Prognosen zur Stromerzeugung, zur Speicherkapazität und zum künftigen Verbrauch stoßen auf massive Kritik. Die Annahmen der Netzbetreiber scheinen in weiten Teilen an der aktuellen Realität und den bereits vorliegenden Marktentwicklungen vorbeizugehen. Kritiker warnen vor drohenden Fehlplanungen, die den notwendigen Umbau des Energiesystems gefährden könnten. Die Diskrepanz zwischen den angemeldeten Projekten der Industrie und den konservativen Schätzungen der Netzbetreiber ist dabei so eklatant, dass die Glaubwürdigkeit des gesamten Szenariorahmens infrage gestellt wird. Während die Energiewende eine dynamische Anpassung an neue technologische Gegebenheiten erfordert, stützen sich die Netzbetreiber auf Berechnungsmodelle, die den rasanten Fortschritt der letzten Jahre weitgehend ignorieren. Die Öffentlichkeit ist nun dazu aufgerufen, diese Prognosen zu diskutieren, bevor sie in verbindliche Ausbaupläne münden.
Die Einzelheiten der Prognosen
Ein Blick auf die konkreten Zahlen offenbart, wie weit die Planung von der Praxis entfernt ist. Für den Ausbau von Rechenzentren liegen bereits Projektplanungen vor, die sich auf insgesamt 400 Terawattstunden (TWh) summieren. Die Netzbetreiber gehen in ihrem Szenario für das Jahr 2045 jedoch lediglich von einem Stromverbrauch dieser Rechenzentren in Höhe von 100 TWh aus – also nur einem Viertel der bereits angemeldeten Kapazitäten. Ähnlich verhält es sich bei den Großbatteriespeichern: Hier sind Projekte im Umfang von 200 TWh angemeldet, während die Netzbetreiber in ihren Szenarien lediglich 100 TWh als Einspeisung vorsehen. Besonders auffällig ist die Berechnung der Gesamtbatterieleistung. Die Netzbetreiber kalkulieren für 2045 mit einer Leistung von 180 Gigawatt. Ein Vergleich mit dem Portal Battery-Charts der RWTH Aachen zeigt jedoch, dass die aktuelle Gesamtleistung inklusive der zugelassenen Elektroautos bereits bei nahezu 180 Gigawatt liegt. Der Zuwachs der vergangenen zwölf Monate betrug dabei allein 8,5 Gigawatt. Die Netzbetreiber setzen hier auf eine lineare Fortschreibung, die jedoch die tatsächliche, deutlich dynamischere Entwicklung der letzten Jahre vollkommen außer Acht lässt.
Hintergrund der Planung
Die aktuelle Debatte wurzelt in der methodischen Herangehensweise der Übertragungsnetzbetreiber. Diese stützen sich auf Szenarien, die den Ausbaupfad des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) als starren Referenzrahmen betrachten. Die Begründung für die Begrenzung des Photovoltaik-Zubaus ist bezeichnend: Die Netzbetreiber geben an, dass eine Übererfüllung der EEG-Ausbaupfade in keinem Szenario unterstellt werde, da diese Ziele bereits als „hinreichend ambitioniert“ eingestuft seien. Diese Haltung ignoriert jedoch den Umstand, dass das tatsächliche Potenzial für Photovoltaikanlagen in Deutschland laut aktuellem Stand beim Zehnfachen der gesetzlich fixierten Ausbauziele liegt. Besonders Freiflächen-Solaranlagen, die durch die Direktvermarktung bereits eine hohe Marktreife und Integration bewiesen haben, werden in diesem Modell künstlich gedeckelt. Das Wachstum bei der Photovoltaik soll laut Entwurf in den kommenden 14 Jahren auf dem bisherigen Niveau verharren und danach abrupt stoppen. Diese Planungsmethodik, die sich stärker an politischen Zielvorgaben als an technologischen und ökonomischen Realitäten orientiert, steht im krassen Widerspruch zu den tatsächlichen Marktbeobachtungen, die ein exponentielles statt eines linearen Wachstums nahelegen.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Im Zentrum dieses Prozesses stehen die vier großen Übertragungsnetzbetreiber, die für die Erstellung des Szenariorahmens verantwortlich zeichnen. Sie sind die Akteure, die die technischen Parameter für die Zukunft des deutschen Stromnetzes definieren. Die Bundesnetzagentur fungiert als Aufsichtsbehörde, die den Entwurf veröffentlicht hat und nun den Prozess der öffentlichen Diskussion moderiert. Auf der Seite der Kritiker und Analysten finden sich Institutionen wie das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, das in seiner „Unstatistik des Monats August“ die mangelnde Aussagekraft linearer Fortschreibungen bei nicht-linearen Entwicklungen anprangerte. Zudem liefert die RWTH Aachen mit ihrem Portal Battery-Charts die empirische Basis, die die Prognosen der Netzbetreiber als unrealistisch entlarvt. Diese Institutionen stellen die fachliche Expertise bereit, um die Diskrepanz zwischen den offiziellen Planungen und der technologischen Realität aufzuzeigen. Die betroffenen Unternehmen aus der Industrie, die Rechenzentren oder Speicherkapazitäten planen, finden sich in den Szenarien der Netzbetreiber hingegen nur als statistische Größen wieder, deren tatsächliche Investitionsabsichten kaum Berücksichtigung finden.
Einordnung der Fehlplanungen
Einzuordnen ist das Vorgehen der Netzbetreiber als eine Form der Realitätsverweigerung, die auf einer methodisch fragwürdigen Basis beruht. Den Berichten zufolge wird hier versucht, eine komplexe und hochdynamische Entwicklung in ein starres, planwirtschaftliches Korsett zu zwängen. Wenn die Netzbetreiber eine lineare Fortschreibung wählen, obwohl die Daten eine Verdopplung der Batterieleistung innerhalb von nur zwei Jahren zeigen, handelt es sich nicht um eine neutrale Prognose, sondern um eine bewusste Unterschätzung des technologischen Wandels. Die „Unstatistik des Monats“ des RWI verdeutlicht, dass derartige Annahmen in der Praxis kaum Bestand haben. Würde man das aktuelle Tempo des Batterie-Zubaus fortschreiben, läge man im Jahr 2040 bei etwa 4.000 Gigawatt – ein Wert, der weit über den 180 Gigawatt der Netzbetreiber liegt. Die Wahrheit dürfte zwar irgendwo dazwischen liegen, doch die aktuelle Planung der Netzbetreiber ignoriert den Spielraum für eine vom gesetzlichen Rahmen abweichende Ausbaugeschwindigkeit völlig. Dies führt zu einer gefährlichen Schieflage, bei der die Infrastrukturplanung den tatsächlichen Bedarf der Energiewende dauerhaft unterdimensioniert.
Offene Fragen und Lücken
Der vorliegende Entwurf lässt zahlreiche zentrale Fragen unbeantwortet, die für die künftige Versorgungssicherheit von entscheidender Bedeutung sind. Eine der größten Lücken ist die fehlende Erklärung, warum die bereits gemeldeten Projektanmeldungen für Rechenzentren und Großbatteriespeicher systematisch ignoriert oder massiv nach unten korrigiert werden. Es bleibt unklar, auf welcher Grundlage die Netzbetreiber entscheiden, welche Projekte als „realistisch“ eingestuft werden und welche nicht. Zudem beantwortet das Dokument nicht, wie das Stromnetz auf eine Situation reagieren soll, in der die tatsächliche Nachfrage – etwa durch Rechenzentren – die Prognosen der Netzbetreiber bereits Jahre vor 2045 übersteigt. Auch die Frage, wie die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Potenzial der Photovoltaik und dem künstlich gedeckelten Ausbaupfad aufgelöst werden soll, bleibt offen. Es wird nicht dargelegt, welche Mechanismen greifen würden, falls der Ausbau der Erneuerbaren schneller voranschreitet als geplant. Die methodische Begründung für den abrupten Stopp des Photovoltaik-Zubaus nach 14 Jahren bleibt ebenfalls vage und lässt jede ökonomische oder technische Herleitung vermissen.
Wie es weitergeht
Da es sich bei dem veröffentlichten Dokument derzeit noch um einen Entwurf handelt, ist der Prozess der Entscheidungsfindung noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen sind weitere Beratungen und eine öffentliche Diskussion vorgesehen, in deren Rahmen die Prognosen der vier Übertragungsnetzbetreiber kritisch hinterfragt werden sollen. Es ist zu erwarten, dass die vorliegende Kritik an den unrealistischen Annahmen in diesen Prozess einfließen wird. Die Bundesnetzagentur steht nun vor der Aufgabe, zu prüfen, ob der Szenariorahmen in seiner jetzigen Form Bestand haben kann oder ob eine grundlegende Überarbeitung notwendig ist. Ob die Netzbetreiber bereit sind, ihre Berechnungsmodelle an die tatsächlichen Marktdaten anzupassen und den Spielraum für eine schnellere Ausbaugeschwindigkeit zu erweitern, bleibt abzuwarten. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Kritik aus der Wissenschaft und der Industrie zu einer Anpassung der Planung führt oder ob die Netzbetreiber an ihrem konservativen Kurs festhalten. Ein verbindlicher Szenariorahmen ist die Voraussetzung für die anschließenden Netzausbaupläne, weshalb die nun anstehenden Änderungen von entscheidender Bedeutung für die Energiewende sind.