Ein historischer Triumph am Riesen der Provence
Die siebte Etappe der Tour de France Femmes wird als Meilenstein in die Geschichte des Radsports eingehen. Zum ersten Mal in der modernen Ära der Rundfahrt stand der legendäre Mont Ventoux auf dem Programm. Kasia Niewiadoma vom deutschen Team Canyon//Sram nutzte diesen prestigeträchtigen Anstieg für eine Demonstration ihrer Stärke. Mit einem Soloritt über die letzten neun Kilometer sicherte sich die Polin nicht nur ihren ersten Etappensieg bei der Tour, sondern übernahm auch das begehrte Gelbe Trikot der Gesamtführenden.
Für Niewiadoma war dieser Erfolg eine emotionale Angelegenheit. Angetrieben von der Anwesenheit ihrer Eltern am Streckenrand, fuhr sie ein mutiges Rennen, das selbst durch Windböen von bis zu 60 Kilometern pro Stunde nicht gebremst werden konnte. Teamkollegin Antonia Niedermaier, die ihr Nachwuchstrikot erfolgreich verteidigte, feierte den Erfolg ihrer Kapitänin überschwänglich und bezeichnete sie als „Queen“ des Tages.
Taktische Fehler bei der Konkurrenz
Der Erfolg der Polin wurde durch eine ungewöhnliche Dynamik innerhalb der Verfolgergruppe begünstigt. Die Top-Favoritinnen Demi Vollering und Marlen Reusser lieferten sich ein zermürbendes Duell, bei dem sie sich gegenseitig mit ständigen Tempowechseln neutralisierten. Anstatt gemeinsam die Lücke zu Niewiadoma zu schließen, blockierten sich die beiden Fahrerinnen gegenseitig.
Marlen Reusser äußerte sich nach dem Rennen kritisch über das Verhalten von Vollering. Die Schweizerin beklagte, dass Vollering trotz der offensichtlichen Notwendigkeit einer Zusammenarbeit immer wieder harte Attacken ritt, anstatt die Verfolgung der Führenden zu unterstützen. Dieses „Katz-und-Maus-Spiel“ führte dazu, dass Reusser auf den dritten Gesamtrang abrutschte, während Vollering erst auf den letzten 800 Metern eine Attacke setzte, um den Zeitverlust auf Niewiadoma auf 15 Sekunden zu begrenzen.
Ein bewährtes Duell auf höchstem Niveau
Für Kasia Niewiadoma ist die aktuelle Situation kein Neuland. Die 31-Jährige, die seit der Neuauflage der Tour de France Femmes im Jahr 2022 in jedem Jahr auf dem Podium stand, kennt die knappen Abstände zu Demi Vollering gut. Bereits 2024 lieferten sich die beiden ein dramatisches Duell am Anstieg nach Alpe d’Huez, das Niewiadoma damals für sich entschied. Während sie sich das Gelbe Trikot bei früheren Gelegenheiten auch durch äußere Umstände wie Stürze der Konkurrenz sichern konnte, unterstreicht der Sieg am Mont Ventoux ihre aktuelle Leistungsstärke, die sie nun aus eigener Kraft unter Beweis gestellt hat.
Ausblick auf das Finale
Der Kampf um den Gesamtsieg bleibt bis zur letzten Sekunde spannend. Mit nur noch zwei ausstehenden Etappen steht das Peloton vor weiteren Herausforderungen. Während der Abschnitt von Sisteron nach Nizza eher den Sprinterinnen entgegenkommen könnte, wartet am letzten Tag eine extrem anspruchsvolle Prüfung: Das Feld muss viermal den Col d’Eze überqueren. Niewiadoma ist sich bewusst, dass es bis zum Ziel in Nizza keine ruhigen Phasen mehr geben wird. Die Konkurrenz ist eng beieinander, und der anspruchsvolle Kurs am Schlusstag verspricht ein Finale, das den Fahrerinnen noch einmal alles abverlangen wird.