Ein Duell um das Nachwuchstrikot
Bei der vierten Etappe der Tour de France Femmes stand das Zeitfahren in Dijon im Fokus. Für die deutsche Nachwuchshoffnung Antonia Niedermaier war der 21 Kilometer lange Kurs eine besondere Herausforderung. Die Spezialistin, die als eine der Favoritinnen auf eine Top-Platzierung gehandelt wurde, musste sich jedoch geschlagen geben. Das begehrte Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin verblieb bei der Vuelta-Siegerin Paula Blasi.
Niedermaier beschrieb den Rennverlauf als äußerst anspruchsvoll. Während ihr der ansteigende Teil der Strecke gut lag, bereitete ihr der anschließende Abschnitt mit Rückenwind bergab Schwierigkeiten bei der Tempogestaltung. Trotz des verpassten Etappenziels bleibt das Weiße Trikot für die 23-Jährige ein erstrebenswertes, wenn auch vorerst zweitrangiges Ziel.
Aufstieg einer vielseitigen Athletin
Der Weg der Oberbayerin in den professionellen Radsport ist bemerkenswert. Bis 2022 dominierte sie den U20-Weltcup im Skibergsteigen. Der Radsport diente ursprünglich lediglich als ergänzendes Training, entwickelte sich jedoch schnell zu ihrer Hauptdisziplin. Nach ihrem Wechsel zum Entwicklungsteam von Canyon//Sram gelang ihr 2023 der Sprung in das WorldTour-Team.
Ihre Formkurve zeigt steil nach oben. Nach einem Etappensieg beim Giro d’Italia 2023 und einem herausragenden zweiten Platz in der Gesamtwertung 2025 geht Niedermaier mit gewachsenem Selbstvertrauen in ihre erste Tour de France Femmes. Die zeitliche Entzerrung zwischen Giro und Tour ermöglicht es ihr nun, beide prestigeträchtigen Rundfahrten in ihre Saisonplanung zu integrieren.
Strategische Doppelspitze bei Canyon//Sram
Innerhalb ihres Teams Canyon//Sram übernimmt Niedermaier eine zentrale Rolle. Die Strategie ist primär auf die Toursiegerin von 2024, Kasia Niewiadoma, ausgerichtet. Dennoch agiert Niedermaier als Teil einer taktischen Doppelspitze. Sportlicher Leiter Rolf Aldag betont, dass Niedermaier trotz ihrer eigenen Ambitionen diszipliniert ihre Aufgaben im Team erfüllt. Ein Egoismus, der den Erfolg der Mannschaft gefährden könnte, hat in ihrer Arbeitsweise keinen Platz.
Das Vertrauen zwischen den beiden Fahrerinnen ist ein wesentlicher Baustein der Teamtaktik. Aldag sieht in der Kombination aus Niewiadomas Erfahrung und Niedermaiers Potenzial eine ideale Ausgangslage, um auf verschiedene Rennsituationen flexibel reagieren zu können.
Mentale Stärke und das „Pokerface“
Ein besonderes Merkmal der jungen Deutschen ist ihre mentale Gelassenheit. Rolf Aldag hebt hervor, dass Niedermaier über ein „Pokerface“ verfügt, das sie sich während ihrer zehnjährigen Ballettausbildung angeeignet hat. Diese Fähigkeit, körperliche Belastung zu kaschieren, stellt im Wettkampf einen taktischen Vorteil dar, da die Konkurrenz ihre Erschöpfung oder ihre Reserven nur schwer einschätzen kann.
Auch abseits der Strecke zeigt sich Niedermaier fokussiert. Während ihr Umfeld bereits über die nächsten Etappen spekuliert, versucht sie, den Druck gering zu halten. Trotz ihres Traums, eines Tages selbst das Gelbe Trikot zu tragen, steht für sie aktuell der Erfolg des Teams an erster Stelle. Die kommenden Etappen, etwa von Mâcon nach Belleville-en-Beaujolais, werden zeigen, wie sich die Dynamik zwischen den Favoritinnen und der aufstrebenden Niedermaier weiterentwickelt.