Was geschehen ist – die Kernmeldung
Im Zentrum des Kinofilms „Spaziergang nach Syrakus“ von Regisseur Lars Jessen steht die Geschichte von Paul Gompitz, einem Schiffskellner aus Rostock. Der Film, der in den frühen achtziger Jahren in der DDR spielt, zeichnet das Porträt eines Mannes, der einen ungewöhnlichen Ausbruch aus seinem Alltag und seinem Staat plant. Gompitz hegt den tiefen Wunsch, Italien zu bereisen, ein Land, das er nur aus Sehnsüchten und Erzählungen kennt. Dabei betont er gegenüber den DDR-Behörden in einem Schreiben an Egon Krenz explizit, dass es sich bei seinem Vorhaben keineswegs um eine klassische Republikflucht handele. Vielmehr reklamiert er für sich das Grundrecht, zu reisen und sich zu bilden. Über Jahre hinweg bereitet er sich akribisch auf dieses Unterfangen vor, wobei er sich nautische Kenntnisse aneignet und heimlich Geld spart. Der Film begleitet ihn auf seinem Weg in den Süden, der ihn schließlich bis nach Sizilien führt. Die Erzählung ist dabei weniger ein klassisches Fluchtdrama als vielmehr eine melancholische Auseinandersetzung mit Freiheit, Fernweh und der Komplexität persönlicher Beziehungen in einem repressiven politischen System, wobei die Reise schließlich in den turbulenten Tagen des Mauerfalls im November 1989 ihre eigene, unerwartete Wendung findet.
Die Einzelheiten der Reise
Paul Gompitz, verkörpert durch Charly Hübner, investiert etwa sieben Jahre in die Vorbereitung seines Vorhabens. Mit der für ihn typischen, knochentrockenen Art kommentiert er diese lange Dauer lediglich mit dem Hinweis, dass es schlicht nicht schneller möglich gewesen sei. Sein Ziel ist Syrakus, eine Reise, die er – dem historischen Vorbild Johann Gottfried Seumes folgend – zu Fuß antreten will. Finanziell stützt er sich auf ein Bündel von 4000 D-Mark, das er mühsam beiseitegelegt hat. Seine Ehefrau Anne, eine Klinikärztin, wird gegen seinen Willen in die Geschehnisse hineingezogen, da das Versteck für das Westgeld nicht sicher genug war. Die logistische Umsetzung seines Plans umfasst den Erwerb von nautischen sowie militärischen und radartechnischen Fähigkeiten. Nachdem er die Überfahrt nach Dänemark als Kapitän seines eigenen Segelboots bewältigt hat, führt ihn sein Weg über einen Bochumer Abstecher zu seiner Cousine bis nach Italien. Die Darstellung des Films konzentriert sich dabei auf markante Momente, wie etwa ein Telefonat mit Anne von Travemünde aus, nachdem er die Grenze erfolgreich passiert hat, sowie seine Begegnungen mit Einheimischen in den Alpen, bei denen er seine reservierte Art ablegt und eine neue Offenheit gegenüber der italienischen Lebensart entwickelt.
Hintergrund und Vorgeschichte
Die Handlung des Films orientiert sich in Teilen an der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1995, die wiederum durch den realen Fall eines Mannes namens Klaus Müller inspiriert wurde. Der Film bettet das Schicksal von Paul Gompitz in die spezifische Atmosphäre der DDR der achtziger Jahre ein. Die Vorgeschichte ist geprägt von dem Wunsch nach persönlicher Entfaltung, die im Widerspruch zu den staatlichen Restriktionen steht. Gompitz sieht sich selbst nicht als Feind des Staates, sondern als jemanden, der seine Liebe zu seiner Frau und zu seinem Vaterland mit dem Wunsch nach einer Bildungsreise in den Süden vereinen möchte – eine Haltung, die an Gustav Heinemann erinnert. Die Vorbereitungen, die er trifft, sind ein Akt der Selbstbehauptung. Dass er dabei seine Ehe aufs Spiel setzt, ist ihm bewusst, doch der Drang nach Syrakus erweist sich als stärker. Die Erzählung von Delius lieferte die inhaltliche Basis, wobei der Film den literarischen Bezug zu Seume, der in der Vorlage eine zentrale Rolle einnimmt, im Vergleich deutlich reduziert und stattdessen den Fokus auf die filmische Charakterstudie legt.
Die Beteiligten vor und hinter der Kamera
Die Hauptrollen in Lars Jessens Werk sind mit Charly Hübner und Lina Beckmann besetzt. Die beiden Schauspieler, die auch im wirklichen Leben ein Paar sind, bringen eine bemerkenswerte Vertrautheit in die Darstellung ihrer Rollen ein, die an die Dynamik legendärer Leinwandpaare wie Katharine Hepburn und Spencer Tracy erinnert. Charly Hübner überzeugt dabei durch seinen prächtig-sonoren Bariton und eine selbstverständliche Beharrlichkeit, mit der er die Figur des Paul Gompitz ausfüllt. Lina Beckmann spielt die Rolle der Anne, die als Klinikärztin arbeitet und ihren Ehemann mit Sinnfragen konfrontiert, während sie gleichzeitig in die gefährliche Mitwisserschaft um seine Fluchtpläne gerät. Neben dem Hauptdarstellerpaar ist Thorsten Merten als Günter zu sehen, der Paul Gompitz das Segelhandwerk vermittelt. Regisseur Lars Jessen zeichnet für die Inszenierung verantwortlich, während das Drehbuch von Heide und Andreas Kersten verfasst wurde. Die Produktion wurde durch das ZDF und Arte unterstützt, was laut Kritikern möglicherweise Einfluss auf die erzählerische Struktur und die Produktionsbedingungen des Films hatte.
Einordnung des Werks
Einzuordnen ist „Spaziergang nach Syrakus“ als ein Film, der sich bewusst zwischen verschiedenen Genres und Erzähltraditionen bewegt. Den Berichten zufolge erinnert die Inszenierung an die unterschwellig märchenhafte und sprunghafte Erzählweise von Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ sowie an die ruhige Akribie von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Der Film wird als ein Werk beschrieben, das von einer verschatteten, nie aufdringlichen Melancholie getragen wird, welche die Konflikte der Protagonisten erträglich macht. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass der Film in seiner Erzählstruktur Lücken aufweist. Die Entscheidung, bestimmte Etappen der Reise oder die inhaltliche Tiefe der Bildungsreise nicht weiter auszuführen, wird als eine Schwachstelle wahrgenommen. Dennoch gelingt es dem Film, durch die schauspielerische Leistung von Charly Hübner eine emotionale Dichte zu erzeugen, die über die logischen Sprünge in der Handlung hinwegtrösten kann. Es handelt sich um eine filmische Auseinandersetzung mit der deutschen Teilung, die jedoch weniger an einer historischen Inventarisierung des DDR-Alltags interessiert ist als vielmehr an der psychologischen Verfassung eines Einzelnen.
Offene Fragen zur Handlung
Der Quelltext weist auf mehrere Aspekte hin, die der Film nicht hinreichend beleuchtet. So bleibt für den Zuschauer beispielsweise unklar, wie genau Paul Gompitz die Reise nach Sizilien bewältigt hat. Die logischen Lücken in der Darstellung der Reiseetappen zwingen das Publikum dazu, sich auf die schauspielerische Darstellung zu verlassen, anstatt eine kohärente Abenteuererzählung zu erhalten. Auch bleibt verborgen, was Gompitz während seines Aufenthalts in Syrakus konkret unternimmt und wie lange er dort tatsächlich verweilt. Die im Film angedeutete „Bildung“, die er durch die Reise erfahren wollte, bleibt für den Zuschauer kaum greifbar oder sichtbar. Zudem bleibt die Frage offen, wie sich die Zeitspanne zwischen seinem Aufbruch und seiner späteren Rückkehr genau zusammensetzt, da die sprunghafte Chronologie des Films – mit Sprüngen in den Jahren 2006 und 2012 – den Zuschauer über die tatsächliche Dauer seines Exils im Unklaren lässt. Die Motivationen und die genauen Umstände seiner Rückkehr in den verwilderten Garten seiner ehemaligen Datscha werden ebenfalls nicht detailliert erläutert.
Wie es weitergeht und zeitliche Einordnung
Die Handlung des Films erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und konfrontiert den Zuschauer mit verschiedenen Zeitmarken. Ein zentraler Wendepunkt ist der 9. November 1989, jener Tag, an dem die Mauer durchlässig wurde. In einer Pointe des Films wird Paul Gompitz während einer Anhalterfahrt über den Brenner von dieser Nachricht geweckt, wobei die italienischen Begleiter fast euphorischer auf die Öffnung der Grenze reagieren als er selbst. Die Erzählung springt anschließend in das Jahr 2006, in dem Paul Gompitz erneut im Süden anzutreffen ist und sich bei Freunden als Koch oder Kellner nützlich macht. Ein weiterer Sprung führt in das Jahr 2012, in dem Paul in das Leben seiner ehemaligen Frau Anne zurückkehrt. Anne lebt zu diesem Zeitpunkt in einer neuen Beziehung mit einem Mann namens Harald. Die Begegnung in dem verwilderten Vorgarten der gemeinsamen Datscha markiert das Ende der langen Abwesenheit von Paul, wobei die Situation durch eine Geste der Normalität – das Anbieten eines Bieres durch Harald – entschärft wird. Der Film endet hier, ohne weitere Schritte oder eine explizite Auflösung der Lebenssituationen der Protagonisten zu skizzieren.