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Wer an KI-Songs verdient - und wer leer ausgeht
Technik · 03.10.2026 17:11

Wer an KI-Songs verdient - und wer leer ausgeht

Kurz: Künstliche Intelligenz verändert die Musikbranche grundlegend. Während KI-Labels boomen, kämpfen Urheber um ihre Existenz und fordern faire Vergütungen.

Ein Markt im Wandel: Wenn die Maschine die Bühne übernimmt

Die Musikindustrie steht vor einer Zäsur, die das traditionelle Verständnis von Kreativität und Urheberschaft in Frage stellt. Immer häufiger finden sich auf den großen Streamingplattformen Musikstücke, die nicht das Ergebnis menschlicher Inspiration, sondern das Produkt komplexer Algorithmen sind. Diese Entwicklung verläuft oft schleichend, da die Grenze zwischen menschlicher Komposition und maschineller Erzeugung zunehmend verschwimmt. Während einige Akteure in der KI ein Werkzeug sehen, das den Produktionsprozess effizienter gestaltet, blicken viele professionelle Musiker mit Sorge auf diese Entwicklung. Die Befürchtung ist groß, dass die wirtschaftliche Basis für menschliche Künstler durch eine Flut an kostengünstig generierten Inhalten untergraben wird. Die Kernmeldung ist dabei alarmierend: Die Dominanz von KI-generierten Inhalten nimmt exponentiell zu, was nicht nur die Vergütungsmodelle der Branche unter Druck setzt, sondern auch die Frage aufwirft, wer in Zukunft von Musik noch leben kann. Während Plattformen wie Spotify und Deezer versuchen, durch Transparenzregeln gegenzusteuern, kämpfen Verwertungsgesellschaften wie die GEMA juristisch gegen die unlizenzierte Nutzung menschlicher Werke als Trainingsmaterial für KI-Modelle.

Die Akteure hinter den KI-Avataren

Ein anschauliches Beispiel für diesen Wandel ist der Fall des Musikproduzenten Daniel Troha. Er gilt als Betreiber des nach eigenen Angaben ersten deutschen Labels, das sich vollständig auf KI-Musik konzentriert. Einer seiner erfolgreichsten Acts ist der DJ „Kai Noir“, der im Genre Deep-Tech-House aktiv ist und bereits Tausende monatliche Hörer auf Spotify verzeichnet. Das Paradoxe: Kai Noir existiert als reale Person nicht. Er ist ein KI-Avatar, dessen Musik mittels der Software „Suno“ generiert wird. Troha nutzt das Tool als „Studioproduktionsbuddy“, der ihm bei der Erstellung von Grundgerüsten hilft, die er anschließend manuell verfeinert. Ähnliche Fälle finden sich in der Branche häufiger: Die Neo-Soul-Sängerin Sienna Rose, die zeitweise auf über vier Millionen monatliche Hörer kam, stellte sich bei Recherchen des Bayerischen Rundfunks als reines KI-Projekt heraus. Auch die Band „The Velvet Sundown“ ist kein Zusammenschluss von Musikern, sondern ein KI-Produkt. Diese Beispiele verdeutlichen, wie erfolgreich künstliche Identitäten den Musikmarkt durchdringen können, oft ohne dass die Hörerinnen und Hörer den Unterschied bemerken.

Die technische Grundlage und das Geschäftsmodell der KI-Plattformen

Die Fähigkeit von KI-Systemen wie „Suno“, in kürzester Zeit neue Musikstücke zu komponieren, basiert auf einem massiven Training mit bereits existierenden Werken. Millionen von Songs, darunter bekannte deutsche Klassiker wie „Atemlos durch die Nacht“, „Forever Young“ oder „Daddy Cool“, dienten als Datenquelle. Dieser Prozess der Analyse menschlicher Musik ist die Voraussetzung dafür, dass die KI überhaupt in der Lage ist, neue Stücke zu generieren, die stilistisch überzeugend wirken. Das US-Unternehmen „Suno“ verzeichnete bereits Anfang 2026 rund zwei Millionen zahlende Abonnenten. Die Kritik der Musikbranche entzündet sich genau an diesem Punkt: Die KI-Plattformen nutzen menschliche Kreativität, um ein Produkt zu schaffen, das dann in Konkurrenz zu den ursprünglichen Schöpfern tritt. Während die KI-Unternehmen die Vergütungspflicht für das Training ihrer Modelle oft bestreiten, sehen die Urheber darin eine massive Verletzung ihrer Rechte. Die GEMA bezeichnet dieses Vorgehen als „perfides Geschäftsmodell“, bei dem sich die Betreiber unvorstellbar viele Werke aneignen, um damit ohne Zustimmung der Urheber Gewinne zu erwirtschaften.

Der juristische Kampf um das Urheberrecht

Die rechtliche Auseinandersetzung zwischen der GEMA und dem KI-Unternehmen „Suno“ markiert einen wichtigen Wendepunkt. Die Verwertungsgesellschaft hat erfolgreich gegen die Praxis geklagt, bekannte Werke ohne Lizenz für das Training von KI zu verwenden. Das Landgericht München I urteilte Ende Juli 2026, dass „Suno“ sechs bekannte Werke aus dem GEMA-Repertoire nicht ohne entsprechende Lizenz vervielfältigen oder zum Training nutzen darf. Zudem wurde das Unternehmen zur Auskunftserteilung und zur Zahlung von Schadenersatz verpflichtet, wobei die genaue Höhe noch aussteht. Dieses Urteil ist ein bedeutender Erfolg für die Rechteinhaber, da es die unkontrollierte Nutzung von Musikdaten einschränkt. „Suno“ hat jedoch angekündigt, das Urteil nicht zu akzeptieren und eine Berufung zu prüfen. Der Fall zeigt, dass die bestehenden Urheberrechtsgesetze nun in der Praxis auf die Herausforderungen generativer KI angewendet werden, wobei die Gerichte zunehmend die Rechte der ursprünglichen Schöpfer stärken, um eine unfaire Ausbeutung zu verhindern.

Wirtschaftliche Auswirkungen und Zukunftsprognosen

Die wirtschaftlichen Folgen für die Musikbranche könnten gravierend sein. Eine Studie, die von der GEMA und ihrer französischen Partnergesellschaft SACEM in Auftrag gegeben wurde, zeichnet ein düsteres Bild. Demnach könnten bis zum Jahr 2028 rund 27 Prozent der Einnahmen von Musikschaffenden in Deutschland und Frankreich durch KI gefährdet sein. Der potenzielle Schaden wird für einen Zeitraum von fünf Jahren auf etwa 2,7 Milliarden Euro geschätzt. Die Sorge unter Musikern ist groß: Sieben von zehn Befragten sehen ihre wirtschaftliche Grundlage durch die KI bedroht. Diese Zahlen unterstreichen, dass es sich nicht um ein bloßes technisches Randphänomen handelt, sondern um eine existenzielle Bedrohung für viele professionelle Künstler. Wenn ein Großteil der Einnahmen aus Streaming-Töpfen an KI-generierte Projekte abfließt, die kaum Produktionskosten verursachen, schrumpft der Anteil für menschliche Musiker, die aufwendige Produktionen finanzieren müssen. Die Branche steht vor der Herausforderung, neue Vergütungsmodelle zu entwickeln, die sicherstellen, dass menschliche Kreativität auch in einer KI-geprägten Welt wirtschaftlich überlebensfähig bleibt.

Die Rolle der Streamingplattformen als Gatekeeper

Die Streamingplattformen stehen in der Verantwortung, den Umgang mit KI-Musik zu regulieren. Spotify betont auf Anfrage, dass man Schutzmaßnahmen gegen „Fake-Songs“ ergriffen habe. So müsse KI-Musik von den Nutzern bewusst ausgewählt werden, und Profile, die KI-Künstler abbilden, würden entsprechend gekennzeichnet. Der Konkurrent Deezer verfolgt eine noch striktere Strategie: Mit einer eigenen Software werden KI-Songs identifiziert, markiert und standardmäßig aus den algorithmischen Empfehlungen ausgeschlossen. Deezer-Chef Alexis Lanternier betont, dass es eine bewusste Entscheidung des Hörers sein sollte, ob er KI-Musik konsumiert oder nicht. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Transparenz zu erhöhen und sicherzustellen, dass die Nutzer wissen, was sie hören. Die rasant steigende Menge an KI-Songs – von etwa 10.000 täglichen Uploads im Januar 2025 auf rund 90.000 im Juni 2026 – zeigt jedoch, wie schwierig es ist, diesen Prozess zu kontrollieren. Mittlerweile machen KI-Titel mehr als die Hälfte aller neuen Uploads bei Deezer aus, was die Dringlichkeit für klare Regeln und technische Lösungen weiter verschärft.

Offene Fragen und ungeklärte Herausforderungen

Trotz der ersten gerichtlichen Erfolge und der Transparenzinitiativen der Plattformen bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es ist derzeit völlig offen, wie ein System aussehen kann, das Musikschaffende fair an den Umsätzen beteiligt, die durch KI-generierte Musik erzielt werden. Die genaue Höhe des Schadenersatzes im Fall GEMA gegen „Suno“ ist noch nicht geklärt, was die praktische Umsetzung der Urteile erschwert. Zudem bleibt unklar, wie die Kennzeichnungspflichten langfristig durchgesetzt werden können, wenn die KI-Produktion immer einfacher und anonymer wird. Auch die Frage, ob eine Kennzeichnung allein ausreicht, um den wirtschaftlichen Druck auf menschliche Musiker zu mindern, ist ungeklärt. Es fehlt ein branchenweiter Standard, der sowohl die Interessen der Technologieunternehmen als auch die der Urheber und der Konsumenten gleichermaßen berücksichtigt. Die Entwicklung verläuft so schnell, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen oft hinterherhinken, was zu einer anhaltenden Unsicherheit in der gesamten Musikbranche führt.

Ausblick: Die Suche nach einem fairen Gleichgewicht

Die Zukunft der Musikbranche wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, ein faires Miteinander von Mensch und Maschine zu etablieren. Die GEMA hofft, dass die aktuellen Urteile KI-Plattformen künftig dazu verpflichten, Musikschaffende an ihren Umsätzen zu beteiligen. Dies wäre ein entscheidender Schritt, um die wirtschaftliche Basis der Kreativen zu sichern. Gleichzeitig müssen die Streamingdienste ihre Algorithmen so anpassen, dass sie nicht einseitig KI-generierte Inhalte bevorzugen, die oft nur dazu dienen, die Einnahmen aus dem gemeinsamen Topf zu schmälern. Die Diskussion darüber, ob KI lediglich ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung oder eine existenzielle Bedrohung darstellt, wird die Branche noch lange beschäftigen. Während die technologische Entwicklung unaufhaltsam voranschreitet, liegt der Fokus in den kommenden Monaten auf der weiteren juristischen Klärung und der Entwicklung technischer Standards zur Identifizierung von KI-Inhalten. Ob diese Maßnahmen ausreichen werden, um die Vielfalt und die wirtschaftliche Existenz der menschlichen Musikszene zu bewahren, bleibt abzuwarten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/das-bewusstsein-wecker-stillleben-aufsicht-7805675/ · Foto: Leeloo The First
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/digitales/kuenstliche-intelligenz-musik-existenz-100.html