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Feridun Zaimoglu: Den Ausgestoßenen eine Stimme geben
Kultur · 03.10.2026 13:30

Feridun Zaimoglu: Den Ausgestoßenen eine Stimme geben

Kurz: Mit seinem neuen Werk „Poem Noir“ kehrt Feridun Zaimoglu zu seinen literarischen Anfängen zurück und verbindet surrealistische Ästhetik mit dem Porträt von Auße

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Der renommierte Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat mit seinem neuesten Buch „Poem Noir“ ein bemerkenswertes Kapitel in seinem umfangreichen literarischen Schaffen aufgeschlagen. Das im März Verlag erschienene Werk markiert eine inhaltliche sowie formale Zäsur, die den Autor gleichzeitig auf verschlungenen Pfaden zu den Wurzeln seines Schreibens zurückführt. In über einhundert Prosaminiaturen widmet sich Zaimoglu denjenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen: den Ausgestoßenen, den Verstörten und den aus der Bahn Geworfenen. Indem er diesen Randfiguren eine Stimme verleiht, knüpft er an die Methode an, die ihn bereits 1995 mit „Kanak Sprak“ bekannt machte. Damals destillierte er aus Gesprächen mit jungen Deutsch-Türken fiktive Monologe. Heute jedoch erweitert er dieses Verfahren durch den Einfluss des Surrealismus. Das Buch fungiert als ein Mosaik aus inneren Monologen, in denen Wahnsinn, Paranoia und tiefe menschliche Verzweiflung aufeinandertreffen. Zaimoglu beobachtet, nimmt auf und transformiert das Gehörte in eine neue, bizarre literarische Form, die den Leser unmittelbar in die Welt derer entführt, die sonst kaum Gehör finden.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Das Werk „Poem Noir“ umfasst insgesamt 192 Seiten und ist im März Verlag in Berlin erschienen. Der Preis für das gebundene Buch liegt bei 24 Euro. Die Struktur des Buches ist durch mehr als hundert Prosaminiaturen geprägt, die in ihrer Länge stark variieren; manche Texte erstrecken sich über drei bis vier Seiten, während andere lediglich aus wenigen Zeilen bestehen. Eine Besonderheit stellt die Benennung der Miniaturen dar: Die Überschriften leiten sich direkt aus den ersten Wörtern der jeweiligen ersten Zeile ab, wie etwa bei „Ich töte deine Treue“, „Ich kenne den Mann“ oder „Mein Leben als Faschist“. Inhaltlich finden sich groteske Beschreibungen, wie etwa ein Mann mit einem Rüssel anstelle einer Nase. Der Autor Hubert Spiegel verweist zudem auf den Einfluss von Max Ernst, dessen surrealistisches Gemälde „Der Hausengel“ (1937) als Referenzpunkt dient. Auch die Fatrasien, eine mittelalterliche Form der Unsinnspoesie, die Ralph Dutli ins Deutsche übersetzte, werden als atmosphärische Bezugspunkte genannt. Die Texte sind im März 2026 veröffentlicht worden.

Hintergrund – Die Entwicklung zum Surrealismus

Die künstlerische Entwicklung Zaimoglus hin zum Surrealismus lässt sich durch den Vergleich mit historischen Zirkeln nachvollziehen. Der Autor lässt sich in seiner Arbeitsweise in die Tradition der Surrealisten um André Breton und dessen Ehefrau Simone Kahn einordnen. In der Rue Fontaine 42 in Paris fanden einst jene legendären Treffen statt, die von dramatischen, oft finsteren und ungebändigten Erzählungen geprägt waren. Zaimoglu adaptiert diesen Geist, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Während die Surrealisten der 1920er Jahre oft in tranceartigen Zuständen agierten, bleibt Zaimoglu ein wacher Beobachter. Sein Weg führt zurück zu den Anfängen, als er vor etwa dreißig Jahren durch das Aufsaugen fremder Lebensgeschichten die deutsche Gegenwartsliteratur nachhaltig veränderte. „Kanak Sprak“ war der Startpunkt dieses Weges, bei dem er das Gehörte buchstäblich in sich aufnahm und als etwas völlig Neues wieder ausstieß. „Poem Noir“ ist somit keine Abkehr von diesem Prinzip, sondern eine radikale Weiterentwicklung unter dem Einfluss surrealistischer Ästhetik, die das Unzusammenhängende als neue Logik begreift.

Die Beteiligten – Akteure und Einflüsse

Im Zentrum steht Feridun Zaimoglu selbst, der als Autor die Rolle des Beobachters und Transformators übernimmt. Er agiert wie ein Medium, das die Stimmen der Verstörten und Ausgestoßenen kanalisiert. Als historisches Alter Ego und künstlerischer Bezugspunkt fungiert Max Ernst, dessen surrealistische Techniken – insbesondere die Oszillation und die Grattage – als methodische Vorbilder für Zaimoglus Schreibprozess dienen. Auch die Figur des Loplop, ein Vogelmensch und Alter Ego von Max Ernst, findet im letzten Text des Bandes Eingang in Zaimoglus Werk. Der Literaturkritiker Hubert Spiegel ordnet das Werk in den größeren Kontext der deutschen Literatur ein und zieht Vergleiche zu zeitgenössischen Werken wie Christian Krachts „Faserland“, das ebenfalls 1995 erschien. Diese Akteure und historischen Referenzen bilden das Gerüst, innerhalb dessen Zaimoglu seine Miniaturen entwirft und die Grenze zwischen Wahnsinn und literarischer Präzision auslotet.

Einordnung – Die Ästhetik des Unzusammenhängenden

Einzuordnen ist das Werk als eine bewusste Abkehr von linearer Erzählweise zugunsten einer „bizarren Logik des Unzusammenhängenden“. Den Berichten zufolge nutzt Zaimoglu eine Technik, die der Oszillation von Max Ernst ähnelt: Er lässt Sätze, Motive und Sentenzen wie Farbe auf eine Leinwand tropfen, um ein Grundgerüst zu schaffen, das er anschließend mit Sprachmaterial füllt. Das Messer, so die Analyse, fungiert dabei als das wichtigste Werkzeug des Autors – metaphorisch schneidet er seine Texte zurecht und sticht in die Körper der Sprache, um das Wesentliche freizulegen. Die Texte spiegeln eine Welt wider, in der Paranoia, Verschwörungswahn und körperliche wie seelische Gewalt dominieren. Es ist eine Literatur, die den Widersinn feiert und in der die qualvollsten Träume in einer „schönen Mühelosigkeit“ fließen. Die Einordnung als „Poem Noir“ unterstreicht dabei die düstere, oft groteske Stimmung, die das gesamte Buch durchzieht und den Leser mit der rohen Realität der Außenseiter konfrontiert.

Offene Fragen – Was der Text nicht klärt

Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte der Entstehung und der inhaltlichen Tiefe des Werkes offen. Es wird zwar detailliert beschrieben, wie Zaimoglu das Sprachmaterial bearbeitet, doch bleibt unklar, in welchem konkreten Zeitraum die über hundert Miniaturen entstanden sind und ob sie als ein zusammenhängendes Projekt geplant waren oder über Jahre hinweg unabhängig voneinander gewachsen sind. Auch die Auswahl der spezifischen Randfiguren wird nicht weiter erläutert; es bleibt offen, ob diese Charaktere auf realen Begegnungen basieren oder rein fiktive Konstruktionen sind, die lediglich den Geist der Zeit widerspiegeln. Zudem wird nicht geklärt, wie die Rezeption des Werkes durch die Zielgruppe der „Ausgestoßenen“ selbst aussehen könnte, da der Fokus des Textes rein auf der literaturkritischen Analyse und der ästhetischen Einordnung liegt. Die genaue Auswahl der surrealistischen Techniken und deren bewusste Anwendung auf die deutsche Sprache bleibt ebenfalls ein Feld, das Raum für weitere interpretatorische Ansätze bietet.

Wie es weitergeht – Ein neues Kapitel

Mit der Veröffentlichung von „Poem Noir“ hat Feridun Zaimoglu ein neues Kapitel seines literarischen Werkes aufgeschlagen. Da das Buch im März 2026 erschienen ist, steht die breite öffentliche Auseinandersetzung und die kritische Würdigung in den Feuilletons noch aus. Der Autor kehrt mit diesem Werk zu seinen Wurzeln zurück, was darauf hindeutet, dass er auch in Zukunft die Auseinandersetzung mit den Randgruppen der Gesellschaft suchen wird. Es bleibt abzuwarten, wie das Publikum auf diese radikale Form der Prosaminiaturen reagiert, die den Surrealismus in den deutschen Sprachraum der Gegenwart überführt. Die Verbindung von „Kanak Sprak“-Methodik und surrealistischer Ästhetik stellt eine neue Qualität in Zaimoglus Schaffen dar, die möglicherweise die Richtung für seine kommenden Projekte vorgeben wird. Termine für Lesungen oder weiterführende literarische Veranstaltungen, die im Kontext dieses Buches stehen, sind dem Quelltext nicht explizit zu entnehmen, doch die Veröffentlichung markiert zweifellos einen wichtigen Punkt in der aktuellen literarischen Saison.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historische-architektur-gegen-blauen-himmel-in-salzburg-32402465/ · Foto: Sebastien Devocelle
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/frankfurter-buchmesse-2026-feridun-zaimoglus-poem-noir-201266517.html