Ein musikalischer Grenzgänger: Was das neue Album von Simone Kermes auszeichnet
Die international renommierte Sopranistin Simone Kermes sorgt mit ihrem neuesten Tonträger „La Luce“ erneut für Aufsehen in der Musikwelt. Das Album, das eine stilistische Vielfalt präsentiert, die weit über den klassischen Konzertbetrieb hinausgeht, unterstreicht den Ruf der Künstlerin als eine der unkonventionellsten Stimmen der Gegenwart. Kermes, die für ihre flamboyante Art und ihre bewusste Abkehr von bürgerlichen Hörgewohnheiten bekannt ist, hat ein Werk geschaffen, das sich einer einfachen Kategorisierung entzieht. Die Zusammenstellung der dreizehn Titel gleicht einer Reise durch verschiedene Epochen und Genres, wobei die Sopranistin keine Scheu vor radikalen Kontrasten zeigt. Von barocken Arien bis hin zu filmmusikalischen Zitaten und modernen Popsongs reicht das Spektrum, das die Künstlerin mit einer Mischung aus technischer Präzision und künstlerischem Wagemut interpretiert. Die Veröffentlichung markiert einen weiteren Punkt in einer Reihe von Alben, die durch ihre thematische Extravaganz bestechen. Wer hier ein klassisches, hochkulturelles Programm erwartet, wird schnell feststellen, dass Kermes eigene Wege geht. Das Album ist ein Zeugnis für ihre sängerische Freiheit und den Wunsch, starre Genre-Grenzen aufzubrechen. Dabei wird deutlich, dass es der Künstlerin nicht um eine gefällige Zusammenstellung geht, sondern um eine persönliche, fast avantgardistische Auseinandersetzung mit dem musikalischen Material, das sie sich über die Jahre erschlossen hat.
Die Details: Ein Blick auf die Mitwirkenden und das Repertoire
Das Album „La Luce“ entstand bereits im Jahr 2020, wurde jedoch durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie zunächst zurückgehalten. Die Aufnahmen wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Warschauer Kammerchor sowie dem Orchester der Warschauer Kammeroper unter der Leitung von Julien Salemkour realisiert. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Auswahl der Stücke: Neben der Eröffnungsarie „Se in campo armato“ aus Leonardo Vincis Oper „Catone in Utica“ findet sich der Popsong „One Day I’ll Fly Away“ von Will Jenkins. Ein zentrales Element ist Mozarts Konzertarie „Vorrei spiegarvi, oh Dio!“, bei der Kermes eine bemerkenswerte gesangliche Technik zeigt, indem sie die Anweisung „con sordino“ wörtlich nimmt und ihre Stimme bis in die dreigestrichene Oktave hinein beinahe vibratofrei und ätherisch führt. Die Filmmusik nimmt ebenfalls einen breiten Raum ein, etwa mit Ennio Morricones Vokalisen aus „Once Upon A Time in the West“, die am 6. Juli 2020 – dem Todestag des Komponisten – aufgenommen wurden. Weitere Beiträge stammen von Zbigniew Preisner, bekannt durch seine Arbeit für Krzysztof Kieślowski, sowie Wojciech Kilar. Den Kontrast dazu bildet die Vokalszene „Glitter and Be Gay“ aus Leonard Bernsteins „Candide“. Abgerundet wird das Programm durch barocke und klassische Werke von Carl Ditters von Dittersdorf, Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel.
Der Weg zur Aufnahme: Ein Rückblick auf die Entstehung
Die Entstehungsgeschichte von „La Luce“ ist eng mit der künstlerischen Entwicklung von Simone Kermes verknüpft, die bereits mit ihrem vorangegangenen Album „Inferno e Paradiso“ für Diskussionen sorgte. Dort kombinierte sie Bachs Matthäuspassion mit Lady Gaga und Udo Jürgens, was ihre Vorliebe für das Experimentelle unterstrich. Die Aufnahmen für das neue Album fanden in einer Zeit statt, die von globalen Unsicherheiten geprägt war. Die Zusammenarbeit mit den polnischen Ensembles unter der Leitung von Julien Salemkour wird im Begleitmaterial des Albums als besonders fruchtbar hervorgehoben. Die polnische Seite würdigt die Kooperation in hohen Tönen, was die Bedeutung dieser künstlerischen Allianz unterstreicht. Die Auswahl der Stücke spiegelt dabei nicht nur eine stilistische Bandbreite wider, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der polnischen Avantgarde der 1980er-Jahre. Diese Einflüsse, die eng mit der Geschichte der Solidarność-Bewegung verbunden sind, verleihen dem Album eine zusätzliche emotionale Ebene. Die Stücke von Preisner und Kilar sind hierbei nicht nur musikalische Zitate, sondern verweisen auf einen spezifischen kulturellen Kontext, den Kermes in ihre Interpretation einfließen lässt. Die Verzögerung der Veröffentlichung hat dem Album dabei keinen Abbruch getan, sondern es eher in einen zeitlosen Kontext gerückt, der die verschiedenen musikalischen Welten miteinander verbindet.
Die Akteure: Wer hinter dem Projekt steht
Im Zentrum des Projekts steht die Sopranistin Simone Kermes, deren sängerische Eigenheiten und persönliche Vorlieben die Auswahl der Stücke maßgeblich bestimmt haben. Sie agiert als treibende Kraft, die nicht nur interpretiert, sondern auch kuratiert. An ihrer Seite steht der Dirigent Julien Salemkour, der die musikalische Leitung innehatte und die Zusammenarbeit mit dem Warschauer Kammerchor sowie dem Orchester der Warschauer Kammeroper koordinierte. Diese Institutionen bilden das klangliche Rückgrat des Albums und ermöglichen die Umsetzung der komplexen Arrangements. Die polnischen Musiker, deren Beitrag im Booklet explizit gelobt wird, bringen eine spezifische Ästhetik in die Aufnahmen ein, die besonders in den Werken der polnischen Avantgarde zum Tragen kommt. Die Entscheidung, diese spezifischen Werke in den Kontext von Barockmusik und Broadway-Klängen zu stellen, ist eine bewusste künstlerische Setzung von Kermes. Sie ist es, die durch ihre stimmliche Vielseitigkeit – von der ätherischen, vibratofreien Höhe bis hin zum kraftvollen Broadway-Tonfall – die verschiedenen Stile zusammenhält. Die Beteiligten bilden somit eine Einheit, die trotz der stilistischen Divergenz der Stücke ein kohärentes, wenn auch herausforderndes Hörerlebnis schafft.
Einordnung der künstlerischen Leistung: Was das Album bedeutet
Einzuordnen ist das neue Album als ein bewusster Bruch mit den Erwartungen des klassischen Musikmarktes. Den Berichten zufolge ist „La Luce“ ein Werk, das sich der Einordnung in gängige Kategorien verweigert. Die Art und Weise, wie Kermes Mozart mit Morricone kombiniert, ist nicht als bloße Spielerei zu verstehen, sondern als ein Versuch, die ästhetische Sphäre des Artifiziellen auszuloten. Indem sie die Stimme radikal zurücknimmt und auf Vibrato verzichtet, nähert sie sich Klängen an, die an die frühe Moderne erinnern, etwa an Schönberg oder Ravel. Diese bewusste Wahl der sängerischen Technik rückt die Musik in einen neuen, fast schon abstrakten Raum. Die Vergleiche, die sich beim Hören aufdrängen – etwa die Assoziation mit dem Theremin bei der Interpretation von Mozart –, zeigen, wie weit Kermes sich von den Konventionen des klassischen Gesangs entfernt hat. Den Berichten zufolge ist das Album eine Herausforderung für den Hörer, da es ihn durch eine postmoderne Musiklandschaft führt, die ihn immer wieder aus der gewohnten Komfortzone reißt. Es ist ein Album für diejenigen, die bereit sind, sich auf überraschende Hörerfahrungen einzulassen, anstatt nach einer homogenen, leicht konsumierbaren Zusammenstellung zu suchen.
Offene Fragen und der Blick in die Zukunft
Obwohl das Album „La Luce“ einen detaillierten Einblick in die künstlerische Vision von Simone Kermes bietet, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. Der Quelltext gibt beispielsweise keinen Aufschluss darüber, ob die spezifische Reihenfolge der Stücke eine narrative Struktur verfolgt oder ob sie rein intuitiv gewählt wurde. Auch bleibt offen, wie die Reaktionen des Publikums auf diese radikale Mischung aus verschiedenen Genres in den geplanten Live-Aufführungen aussehen werden, da der Fokus des vorliegenden Materials primär auf der Studioaufnahme liegt. Zudem wird nicht explizit benannt, welche weiteren Projekte in dieser Richtung geplant sind oder ob die Zusammenarbeit mit den Warschauer Ensembles eine dauerhafte Fortsetzung finden wird. Was die Zukunft betrifft, so ist das Album nun als CD unter der Katalognummer PROSP0141 beim Label Prospero erhältlich. Es bleibt abzuwarten, wie die Fachkritik auf die avantgardistischen Ansätze der Sopranistin reagieren wird, insbesondere auf die gewagte Kombination aus barocker Strenge und filmmusikalischer Nostalgie. Die Veröffentlichung markiert einen weiteren Schritt in der Karriere von Kermes, deren Weg durch die Musiklandschaft weiterhin von einer Unvorhersehbarkeit geprägt bleibt, die sowohl Fans als auch Kritiker gleichermaßen fasziniert und herausfordert.