Eine Grenzgängerin zwischen den Disziplinen
Mit Simone Forti verliert die internationale Kunstwelt eine ihrer vielseitigsten Persönlichkeiten. Die 1935 in Italien geborene Künstlerin, die als Tänzerin, Choreographin, Autorin und bildende Künstlerin gleichermaßen wirkte, verstarb am 29. Juli in Hollywood im Alter von 91 Jahren. Ihr Lebensweg, der sie als Kind einer jüdischen Familie 1938 in die Emigration in die Vereinigten Staaten führte, war geprägt von einer stetigen Suche nach neuen Ausdrucksformen des menschlichen Körpers.
Forti verstand sich selbst vor allem als „Bewegungskünstlerin“. Ihr Ansatz war dabei weniger der einer klassischen Instrumentalistin, sondern eher der einer Komponistin, die den Körper in Bezug zu Objekten, Räumen und dem Zufall setzte. Diese Offenheit gegenüber unterschiedlichen künstlerischen Medien machte sie zu einer Schlüsselfigur im Übergang von der amerikanischen Moderne hin zur Postmoderne.
Von San Francisco nach New York: Die frühen Jahre
Die künstlerische Laufbahn von Simone Forti begann in den 1950er-Jahren in San Francisco. Während ihrer Zeit dort wurde sie maßgeblich von Anna Halprin geprägt, einer Pionierin des Modern Dance, die für ihre naturverbundenen und tanztherapeutischen Ansätze bekannt war. Forti gehörte zu Halprins Ensemble und teilte sich die Ausbildung mit Größen wie Yvonne Rainer.
Der Umzug nach New York im Jahr 1959 markierte einen weiteren Wendepunkt. In der Metropole trainierte sie sowohl bei Martha Graham als auch bei Merce Cunningham. Diese fundierte Ausbildung bot ihr das Rüstzeug, um ihre eigenen, radikal experimentellen Wege zu gehen. Dabei scheute sie nicht davor zurück, Grenzen auszuloten Grenzen des künstlerischen Denkens auszuloten – etwa durch die bewusste Einbeziehung des Zufalls, inspiriert durch John Cage, oder durch den Einsatz bewusstseinserweiternder Substanzen.
Signaturwerke und das Erbe der „Constructions“
Ein Meilenstein in Fortis Karriere war die Uraufführung ihrer „Five Dance Constructions and Some Other Things“ im Jahr 1961, die sie als Gast von Yoko Ono in Manhattan präsentierte. Diese Arbeiten gelten heute als so bedeutend, dass sie Eingang in die Sammlungen renommierter Institutionen wie dem Museum of Modern Art gefunden haben.
Zu ihren bekanntesten Werken zählen:
* **Slant Board:** Eine schräg stehende Kletterwand mit Seilen, die bis heute durch Reenactments, etwa bei der Tanzbiennale in Venedig 2023, lebendig gehalten wird.
* **Huddle:** Eine Performance, bei der Tänzer einen sich ständig verändernden Körperhaufen bilden, indem sie übereinander hinwegklettern.
Für ihr Lebenswerk wurde Forti 2023 von Wayne McGregor, dem Direktor der Tanzbiennale in Venedig, mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet. Diese Ehrung unterstrich die anhaltende Relevanz ihres Schaffens, das weit über ihre aktive Zeit als Tänzerin hinaus Bestand hat.
Eine Philosophie der Bewegung
Simone Forti sah sich stets als Teil einer freiheitsliebenden Epoche. In ihrem 1974 erschienenen „Handbook in Motion“ hielt sie ihre theoretischen Überlegungen und Erinnerungen fest. Ihr Interesse galt dabei immer der Frage, wie der menschliche Körper auf Bewegungsreize reagiert und wie diese in einen künstlerischen Kontext übersetzt werden können.
Die Tatsache, dass ihre Werke in Museen angekauft wurden, betrachtete Forti als Bestätigung für das Weiterleben ihrer Ideen. Sie unterrichtete zeitlebens mit großer Leidenschaft und gab ihr Wissen an nachfolgende Generationen weiter. Mit ihrem Tod endet ein Kapitel der Tanzgeschichte, das den Körper nicht nur als Instrument, sondern als zentrales Medium für die Auseinandersetzung mit der Welt verstand.