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Salzburger Festspiele: Tanz mit zertrümmerten Füßen
Kultur · 07.08.2026 21:26

Salzburger Festspiele: Tanz mit zertrümmerten Füßen

Kurz: Jewgeni Kissin bei den Salzburger Festspielen: Ein Klavierabend, der von körperlicher Anspannung und einer spürbaren Distanz zur einstigen Leichtigkeit geprägt

Ein Abend zwischen Pflicht und Last

Der Auftritt von Jewgeni Kissin im Großen Festspielhaus in Salzburg war von einer Atmosphäre geprägt, die weit entfernt von der einstigen pianistischen Unbeschwertheit schien. Schon die Inszenierung der eigenen Bühnenpräsenz – das akribische Ausrichten der Füße, das erzwungene Lächeln – wirkte wie ein mühsam einstudierter Mechanismus. Anstatt einer natürlichen künstlerischen Entfaltung offenbarte sich ein Künstler, der mit seinem eigenen Bewegungsapparat und einer inneren Schwere zu kämpfen hatte.

Die Beobachtungen vor Ort zeichnen das Bild eines Musikers, dessen Körperhaltung und Mimik – vom zuckenden Auge bis zum arbeitenden Unterkiefer – eine deutliche Anspannung verrieten. Diese physische Blockade übertrug sich unmittelbar auf den Klangkörper des Flügels. Was einst als „Ebenmaß“ und „heitere Mühelosigkeit“ gerühmt wurde, wich einer hörbaren Belastung, die sich wie ein Mehltau über das gesamte Programm legte.

Zwischen Beethoven und Chopin: Wenn die Leichtigkeit schwindet

Das Programm, bestehend aus Beethovens Sonate op. 10 Nr. 3, Chopins Mazurken, Schumanns „Kreisleriana“ und Liszts zwölfter Ungarischer Rhapsodie, offenbarte eine tiefgreifende Diskrepanz. Beethovens Finales verlor seinen improvisatorischen Charakter und geriet zu einer fast schon demonstrativen, schweren Etüde. Besonders bei den Mazurken von Chopin wurde die Veränderung in Kissins Spiel deutlich: Die einst tänzerischen Stücke wirkten wie gelähmt, der Schmerz wurde nicht mehr beiläufig in die Konversation integriert, sondern regelrecht auf ein Podest gehoben.

Es stellt sich die Frage nach den Ursachen für diesen Wandel. Ist es die Sättigung an einem immer gleichen Repertoire, das seit Kindertagen gepflegt wird? Oder spiegelt sich in der musikalischen Schwere eine allgemeine Weltsicht wider, die jede Freude an der Kunst zu ersticken droht? Die Darbietung wirkte wie der Versuch, eine einstige Virtuosität aufrechtzuerhalten, während die emotionale Verbindung zum Werk zunehmend unter einer Last von Melancholie litt.

Lichtblicke und das Ende der Pflicht

Trotz der allgemeinen Schwere blitzte das außergewöhnliche technische Vermögen des Pianisten immer wieder auf. Besonders in Schumanns „Kreisleriana“ bewies Kissin eine Klarheit und Sensibilität für Mittelstimmen, die an seine besten Zeiten erinnerte. Hier gelang es ihm, die feinen, fast skrjabinesken Nuancen und die düsteren Waldhorn-Klänge mit einer Präzision zu gestalten, die über rein handwerkliches Können hinausging.

Auch Liszts zwölfte Ungarische Rhapsodie wurde von seinen Fingern mit einer beinahe automatisierten Intelligenz bewältigt. Erst mit den Zugaben schien eine Wandlung einzusetzen. Nachdem die Pflicht gegenüber dem Publikum erfüllt war und der Jubel die gewohnte Bestätigung lieferte, fand Kissin zu einer größeren Gelöstheit. In diesen Momenten, etwa bei Chopins es-Moll-Etüde oder Tschaikowskys „Weißen Nächten“, kehrte die musikalische Tiefe zurück, die zuvor unter dem Druck der Erwartungshaltung verborgen blieb.

Einordnung der künstlerischen Situation

Der Auftritt in Salzburg verdeutlicht die Herausforderung, die ein Leben als „Wunderkind“ mit sich bringt. Das Publikum, das Kissin mit einer fast besinnungslosen Begeisterung empfing, fordert eine Verlässlichkeit ein, die für den Künstler zur Bürde werden kann. Die Diskrepanz zwischen der Erwartung an den „Helden“ und dem tatsächlichen, von innerer und äußerer Schwere gezeichneten Zustand des Musikers bleibt ein zentrales Spannungsfeld. Während der Jubel am Ende des Abends die äußere Anerkennung sicherte, blieb die Frage nach der künstlerischen Erfüllung in der dunklen Salzburger Sommernacht unbeantwortet.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/kunst-wahrzeichen-gebaude-historisch-7317006/ · Foto: MART PRODUCTION
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/klavierabend-von-jewgeni-kissin-bei-den-salzburger-festspielen-accg-201102140.html