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TV-Kritik Miosga: Von Storch schaut zu, wie die Koalition ihr AfD-Papier erfüllt
Kultur · 21.09.2026 03:18

TV-Kritik Miosga: Von Storch schaut zu, wie die Koalition ihr AfD-Papier erfüllt

Kurz: Bei Caren Miosga demonstrierten Union und SPD nach einem verheerenden Wahlabend ihre Schwäche, während die AfD ihre Strategie bestätigt sah.

Ein Abend der politischen Selbstzerlegung

Der Abend der jüngsten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geriet in der Talkshow von Caren Miosga zu einem Lehrstück über den Zustand der deutschen Bundespolitik. Während die AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Ergebnis von 38,2 Prozent triumphierte und die CDU in Berlin mit lediglich 4,9 Prozent den historischen Einzug in das Landesparlament verpasste, offenbarte sich in der Sendung eine tiefe Krise der etablierten Parteien. Die Koalition aus Union und SPD, die bereits unter massivem Druck steht, bot ein Bild der Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit. Der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf versuchte vergeblich, die widersprüchlichen Signale aus Bund und Ländern zu harmonisieren, während der CDU-Politiker Mathias Middelberg bei zentralen Reformvorhaben einknickte. Die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, beobachtete dieses Schauspiel als gelassene Nutznießerin. Die Sendung verdeutlichte, dass die strategischen Ziele der AfD, wie sie in einem internen Papier bereits im Juli 2025 skizziert wurden, in der aktuellen politischen Gemengelage erschreckend präzise umgesetzt werden. Die Koalitionsparteien wirkten wie Akteure, die ihre eigene Demontage aktiv vorantreiben, anstatt den Herausforderungen mit Geschlossenheit entgegenzutreten.

Die Akteure und ihre Rollen im Studio

Die Runde bei Miosga war geprägt von einer deutlichen Asymmetrie. Auf der einen Seite saßen mit Mathias Middelberg, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion und frisch ernannten Schatzmeister der CDU, sowie dem SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf zwei Vertreter der Regierungskoalition, die sichtlich mit der Verteidigung ihrer Positionen kämpften. Der Journalist und Podcaster Robin Alexander nahm eine beobachtende, teils moderierende Rolle ein, die die Schwächen der politischen Gäste schonungslos offenlegte. Beatrix von Storch hingegen agierte aus einer Position der Stärke, gestützt auf das Wahlergebnis ihrer Partei. Besonders Middelberg geriet unter Druck, als er versuchte, den Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz zu rechtfertigen, der bereits am frühen Abend ein „Desaster“ eingeräumt hatte. Middelberg bemühte historische Vergleiche zu Helmut Kohl und Gerhard Schröder, um die aktuelle Situation zu relativieren, doch Caren Miosga konterte scharf, dass der Zorn diesmal nicht von außen, sondern aus der eigenen Partei komme. Klüssendorf wiederum fand sich in der schwierigen Lage wieder, die katastrophalen Ergebnisse der SPD in Berlin und die Distanzierungsversuche der Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erklären zu müssen.

Das Strategiepapier als Drehbuch der Krise

Ein zentraler Punkt der Sendung war das von Beatrix von Storch mitverfasste Strategiepapier der AfD, das bereits im Juli 2025 durch „Politico“ bekannt wurde. Die darin formulierten Ziele sind klar definiert: Die AfD strebt an, die Brandmauer zu überwinden, indem sie SPD und Grüne durch gezielte Polarisierung nach links drängt, die Gegensätze zwischen Union und SPD unüberbrückbar macht und der Union ihren Markenkern entzieht. Miosga stellte trocken fest, dass von Storch bei der Umsetzung dieser Ziele bereits zahlreiche Häkchen setzen könne. Die Diskussion im Studio lieferte hierfür die Bestätigung. Die SPD stellte das eigene Reformpaket infrage, der Generalsekretär schloss eine Koalition mit der Berliner Linkspartei nicht aus, und der Unionsvertreter wich bei der Rentenfrage zurück. Die AfD muss in diesem Prozess kaum noch aktiv eingreifen; sie kann den Prozess der Selbstzerlegung der anderen Parteien aus einer beobachtenden Position heraus verfolgen, während diese ihre eigenen Sollbruchstellen offenlegen.

Die Rentenfrage als Symbol der Instabilität

Besonders deutlich wurde die strategische Schwäche der Koalition bei der Debatte um das Rentenpaket. Während das Reformpaket der Bundesregierung 33 Punkte umfasst, darunter die umstrittene Rente mit 63, forderte die mecklenburg-vorpommersche Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bereits zuvor mehr Demut und eine Abkehr von der bisherigen Linie. Middelberg, der das Paket eigentlich als Ganzes verteidigen sollte, signalisierte bei Miosga eine überraschende Kompromissbereitschaft, die den Eindruck der Beliebigkeit verstärkte. Er deutete an, man könne über einzelne Punkte sprechen, was Robin Alexander umgehend als „Umfallen im Fernsehen“ kommentierte. Die Union, die sich zuvor als Garant für Stabilität und Vertragstreue inszeniert hatte, drohte durch das Aufweichen dieser Positionen ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Alexander verglich das Reformpaket mit einem Jengaturm: Zieht man einen Stein heraus, droht das gesamte Konstrukt in sich zusammenzufallen. Diese Instabilität ist genau das, was das AfD-Strategiepapier als Zielvorgabe für die Destabilisierung der Regierungskoalition vorsieht.

Einordnung der Machtverhältnisse

Einzuordnen ist das Geschehen bei Miosga als Ausdruck einer tiefgreifenden Vertrauenskrise innerhalb der Regierungskoalition. Den Berichten zufolge steht die Kanzlerschaft von Friedrich Merz auf dem Spiel. Robin Alexander brachte es auf den Punkt: Ein Politiker spreche nur dann von „Rückgrat und Standhaftigkeit“, wenn die Frage nach seinem Verbleib längst intern debattiert werde. Die Machtübung, die Merz durch das Einrammen eines Pflocks gegenüber der eigenen Partei versuchte, wird als riskantes Manöver bewertet, das kaum wiederholbar ist. Die Koalition wirkt gelähmt. Während die AfD die Verschuldung des Bundeshaushalts und das fehlende Wirtschaftswachstum der letzten sieben Jahre als Munition nutzt, finden die Regierungsparteien keine gemeinsame Erzählung mehr. Die rhetorischen Versuche von Klüssendorf, die Reformen zu erklären, verhallten angesichts der realpolitischen Ergebnisse, die für die Wähler offensichtlich nicht nachvollziehbar oder nicht überzeugend waren. Die Sendung verdeutlichte, dass die politische Debatte in Deutschland derzeit von einer Dynamik geprägt ist, die die etablierten Parteien zunehmend in die Defensive drängt.

Offene Fragen und ungeklärte Punkte

Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die für das Verständnis der weiteren politischen Entwicklung entscheidend wären. So bleibt offen, wie genau die interne Kommunikation innerhalb der CDU-Spitze nach dem Wahldesaster verlief, abgesehen von der Tatsache, dass das Präsidium vom Wortlaut der Erklärung des Kanzlers überrascht wurde. Ebenso unklar bleibt, welche konkreten Schritte die SPD in Berlin nach dem Absturz auf 12,1 Prozent plant, um das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen, da der Generalsekretär hierzu keine klaren Antworten lieferte. Auch die Rolle der Linkspartei in Berlin und die genauen Hintergründe der Warnungen des Zentralrats der Juden wurden zwar angesprochen, aber nicht in ihrer vollen Konsequenz durchleuchtet. Es bleibt zudem offen, wie die Union ihre Haltung zur Migration und zur EU-Politik langfristig gegen die AfD verteidigen will, wenn sie gleichzeitig den Vorwurf der „Lösungslosigkeit“ nicht entkräften kann. Die Sendung bot hierzu keine abschließenden Analysen, sondern legte lediglich die Risse offen, ohne die strukturellen Ursachen vollständig zu ergründen.

Wie es weitergeht: Ausblick und Termine

Die Sendung endete mit einem versöhnlichen, aber inhaltlich wenig aussagekräftigen Ausblick. Ein Einspieler mit Jürgen Klopp, der dazu aufrief, den Nationalstolz nicht den „falschen Leuten“ zu überlassen, wurde von den anwesenden Politikern beider Lager begrüßt. Dies wirkte wie ein künstlich herbeigeführter Konsens nach einer Stunde der Konfrontation. Konkrete Entscheidungen für die kommenden Tage oder Wochen wurden nicht verkündet. Es bleibt bei der Ankündigung, dass das Rentenpaket im Gesetzgebungsverfahren weiter beraten wird, wobei offen ist, ob die Koalition dabei an ihrem bisherigen Kurs festhalten kann oder weitere Zugeständnisse machen muss. Die Frage nach der Stabilität der Regierung bleibt akut, da der Druck aus den Landesverbänden und die schlechten Umfragewerte die Handlungsfähigkeit im Bund einschränken. Die kommenden Sitzungswochen im Bundestag werden zeigen, ob die Koalition ihre internen Differenzen überbrücken kann oder ob die von der AfD antizipierte Destabilisierung weiter voranschreitet.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/storch-steht-majestatisch-auf-einem-dach-schwarz-weiss-38868277/ · Foto: Jean-Paul Wettstein
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/talkshow/tv-kritik-miosga-cdu-und-spd-demontieren-sich-nach-wahldesaster-selbst-accg-201246389.html