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Romanautorin Emma Cline: „Das Sterben musst du allein hinter dich bringen“
Kultur · 17.08.2026 11:45

Romanautorin Emma Cline: „Das Sterben musst du allein hinter dich bringen“

Kurz: Die US-Autorin Emma Cline spricht über ihren neuen Roman „In die Schweiz“, das Sterben und warum wir unsere Identität nur als eine zerbrechliche Illusion begrei

Ein Abschied als Reise: Was im neuen Roman von Emma Cline geschieht

Zehn Jahre nach ihrem weltweit beachteten Debüt „The Girls“, das sich mit den dunklen Abgründen der Manson-Sekte auseinandersetzte, legt die kalifornische Schriftstellerin Emma Cline ein neues Werk vor. In ihrem Roman „In die Schweiz“ widmet sie sich einem Thema, das in der Literatur oft gemieden oder nur am Rande behandelt wird: dem assistierten Sterben. Die Geschichte folgt einem älteren, finanziell gut situierten Mann namens David, dessen körperliche und geistige Kräfte zusehends schwinden. Gemeinsam mit seiner Assistentin Cody begibt er sich auf eine letzte Reise, die ihn von London, wo er seine Tochter und deren Familie besucht, bis in die Schweiz führt. Dort plant er, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch die Reise ist mehr als nur ein physischer Transfer an einen Ort, an dem Sterbehilfe legal ist. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Verlust der eigenen Identität, dem schleichenden Vergessen und der schmerzhaften Erkenntnis, dass der finale Akt des Lebens, das Sterben selbst, eine zutiefst einsame Erfahrung bleibt, die sich der gemeinschaftlichen Teilhabe entzieht.

Die Details der Reise: Orte, Begegnungen und der Kontext der Handlung

Die Erzählung ist eng mit realen Schauplätzen und persönlichen Eindrücken verknüpft. David, die Hauptfigur, reist durch Europa, wobei die Schweiz als Zielpunkt fungiert. Dort trifft er unter anderem eine Jugendliebe, was seinem Abschied eine nostalgische, aber auch melancholische Note verleiht. Emma Cline betont, dass die Wahl der Schweiz nicht zufällig ist, sondern als Metapher für ein „unbekanntes Land“ dient, dessen Sitten und Gebräuche der Protagonist erst in seinen letzten Tagen kennenlernt. Die Autorin recherchierte intensiv für das Buch, unter anderem durch das Studium von Videos auf der Website der Sterbehilfeorganisation Dignitas. Dabei interessierte sie sich besonders für die Atmosphäre in den Sterbezimmern: Was hängen Menschen an die Wände, wenn sie wissen, dass dies ihr letzter Ort ist? Diese Details fließen in die Schilderung von Davids letztem Weg ein, wobei der Roman einen ruhigen, aber keineswegs ungerührten Ton anschlägt. Das Buch, das im Hanser Verlag erscheint und von Nikolaus Stingl übersetzt wurde, umfasst 384 Seiten und kostet 25 Euro.

Der Ursprung des Werks: Von einer Zeitungsnotiz zur literarischen Vision

Die Initialzündung für den Roman war eine Meldung in der „New York Times“, die Cline vor Jahren las. Darin wurde von einem Menschen berichtet, der sich für den assistierten Suizid entschied und zuvor mit seinen Freunden noch eine Abschiedsparty feierte. Dieses Bild ließ die Autorin nicht mehr los. Sie begann, sich mit der Frage zu beschäftigen, was es bedeutet, das eigene Sterben bewusst zu erleben, anstatt es aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Cline berichtet, dass sie die gesamte Geschichte an einem einzigen Tag in ihren Tagebüchern skizzierte. Sie arbeitete dabei stark mit atmosphärischen Eindrücken: ein kühles Februargefühl, Einsamkeit und das Bild von David in einem kleinen Flugzeug, das durch die Nacht fliegt. Während sie an dem Manuskript arbeitete, veränderte sich die Rechtslage in den USA, wo assistiertes Sterben in immer mehr Bundesstaaten – auch in Kalifornien – möglich wurde. Dennoch blieb die Schweiz als Zielpunkt für die literarische Reise gesetzt, da sie den notwendigen Abstand und die Symbolik des Übergangs bot.

Die Akteure und das Umfeld: Wer den Weg zum Ende begleitet

Im Zentrum steht David, eine Figur, die durch ihren sozialen Status und ihre schwindende geistige Kapazität definiert ist. An seiner Seite agiert die Assistentin Cody, die als Begleiterin fungiert, aber die finale Grenze nicht überschreiten kann. Emma Cline reflektiert im Gespräch über die Rolle des Begleiters und die mythologische Dimension der Reise. Sie vergleicht die Situation mit dem Fährmann, der den Verstorbenen über den Styx bringt. Doch egal, wie viele Menschen einen begleiten, die letzten Schritte muss jeder allein gehen. Die Autorin bezieht sich zudem auf ihre eigenen Erfahrungen mit dementen Menschen in ihrem Umfeld, die ihr halfen, sich in den Zustand des Vergessens einzufühlen. Sie betont jedoch, dass man das Bewusstsein eines anderen Menschen niemals vollständig verstehen kann. Die Erzählform des personalen Erzählens wählte sie, um den Leser so nah wie möglich an die Figur zu binden, fast so, als würde man in einem Monolog in Davids Kopf feststecken.

Einordnung: Machtverlust und die Illusion der Identität

Einzuordnen ist das Werk als eine Auseinandersetzung mit der Zerbrechlichkeit des menschlichen Seins. Cline thematisiert, wie wir unser Leben mit Aufgaben, Titeln und Geschichten ausstatten, die wir für unsere Identität halten. Am Beispiel des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, dessen Alzheimer-Erkrankung in seiner Presidential Library thematisiert wird, verdeutlicht die Autorin, wie schnell ein überlebensgroßes Leben in sich zusammenfallen kann. Den Berichten zufolge ist das Buch kein politisches Manifest zur Sterbehilfe, sondern eine literarische Untersuchung des Machtverlusts. Cline stellt fest, dass wir in einer Gesellschaft leben, die auf Vorstellungen von Erfolg und Macht aufbaut. Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, offenbart sich die Grausamkeit dieses Verlusts. Die Autorin unterläuft dabei erzählerische Erwartungen: Statt einer tiefen, philosophischen Erkenntnis im Moment des Todes zeigt sie die Banalität und die Langeweile, die mit dem Sterben einhergehen können. Es ist der Versuch, auf ein Mysterium hinzuschreiben, das wir letztlich nicht ergründen können.

Die erzählerische Methode: Wie das Vergessen literarisch greifbar wird

Besonders bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Cline das Vergessen darstellt. Der Leser gerät beim Lesen in einen Zustand der Unsicherheit, da die Welt für David buchstäblich ins Rutschen gerät. Er erinnert sich an etwas, nur um festzustellen, dass die Erinnerung verschwunden oder durch eine neue, unbewusste Variante ersetzt wurde. Cline nutzte hierfür Fragmente aus ihrem eigenen Kopf – Lieder, Zeilen und Fetzen von Gedanken –, um diesen Prozess des „Drifts“ zu simulieren. Sie beschreibt das Schreiben als einen erstaunlich fluiden Prozess, bei dem sie sich in der Welt von David bewegte und dabei „herumspielte und abrutschte“. Diese Technik erzeugt beim Leser ein verstörendes Gefühl der Instabilität, da man als Rezipient oft mehr über Davids Zustand weiß als er selbst. Die Autorin betont, dass sie diese Welt nicht konstruiert hat, sondern das Gefühl hatte, sie bereits zu kennen, was ihr erlaubte, sich ohne intensive, quälende Arbeit in den Prozess zu begeben.

Offene Fragen: Was der Text nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Handlung und der Hintergründe offen. So bleibt beispielsweise unklar, welche spezifischen Ereignisse in der Vergangenheit Davids zu seinem heutigen Status geführt haben oder wie genau die Beziehung zu seiner Assistentin Cody in den Jahren vor der Reise geformt wurde. Auch die Details der rechtlichen oder bürokratischen Hürden, die eine solche Reise in der Realität mit sich bringen würde, werden nicht weiter ausgeführt, da der Fokus des Romans auf den metaphysischen und psychologischen Aspekten liegt. Die Autorin gibt zudem zu, dass sie selbst keine abschließende Antwort darauf hat, was im Moment des Todes passiert. Sie gesteht ein, dass sie während des Schreibens nicht wusste, was der letzte Satz des Romans sein würde. Erst als sie in der Erzählung im Sterbezimmer ankam, wusste sie, dass die Geschichte ihr Ende gefunden hatte. Die Frage, wer wir wirklich sind, wenn alle äußeren Attribute wegfallen, bleibt somit ein offenes Mysterium.

Wie es weitergeht: Die Auseinandersetzung mit dem Ende

Für Emma Cline ist das Buch mit dem Erreichen des Sterbezimmers abgeschlossen. Sie betrachtet das Schreiben über das Ende als eine Art Training, das uns hilft, die Intensität des Lebens zu begreifen. Auf die Frage nach der Furcht vor diesen Szenen antwortet sie, dass es gerade die Intensität der Erfahrung war, die sie dazu bewegte, das Buch überhaupt zu schreiben. Sie möchte den Leser dazu einladen, sich den Augenblicken der Banalität und der Langeweile zu stellen, die das Sterben begleiten. Es gibt keine weiteren angekündigten Schritte oder Fortsetzungen; das Werk steht für sich als eine abgeschlossene Untersuchung des Unausweichlichen. Die Autorin bleibt ihrer Linie treu, keine einfachen Antworten zu geben, sondern auf das Mysterium hinzuweisen, dass wir trotz aller Vorbereitungen und Geschichten, die wir uns erzählen, letztlich nicht wissen, was es bedeutet, zu sterben, bis wir uns in diesem Moment befinden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/kunst-statue-skulptur-geschichte-11850293/ · Foto: dilara irem
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/interview-mit-emma-cline-ueber-ihren-neuen-roman-in-die-schweiz-accg-201112682.html