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Roman „Jedermanns Dämon“: Der Mensch erscheint im Funkloch
Kultur · 01.08.2026 17:29

Roman „Jedermanns Dämon“: Der Mensch erscheint im Funkloch

Kurz: Thomas Raab entwirft in seinem neuen Montageroman eine radikale Flucht aus der digitalen Welt. Ein Protagonist sucht die absolute Isolation im Funkloch.

Die Flucht vor der ständigen Erreichbarkeit

In der zeitgenössischen Literatur ist die Sehnsucht nach dem Rückzug ein wiederkehrendes Motiv. Thomas Raab greift dieses Thema in seinem neuen Montageroman „Jedermanns Dämon“ auf und radikalisiert es. Im Zentrum steht ein Protagonist, der den Entschluss gefasst hat, sich konsequent aus den modernen Kommunikationsstrukturen auszuklinken. Sein Ziel ist ein Ort, an dem das digitale Rauschen verstummt: das Funkloch.

Die Abneigung des Erzählers gegen das Internet ist dabei nicht bloß eine flüchtige Laune, sondern ein zentraler Motor der Handlung. Er empfindet die ständige digitale Präsenz und die damit verbundene Erreichbarkeit als Last, der er aktiv entfliehen möchte. Die Suche nach einem Ort im Norden Wiens, an dem keine Signale mehr empfangen werden können, markiert den Beginn einer Reise, die den Leser in eine eigenwillige und teils absurde Welt entführt.

Ein Trip an den Rand der Literaturgeschichte

Der Roman inszeniert sich als ein ungewöhnlicher Trip, der den Leser weit abseits ausgetretener Pfade führt. Mit kuriosen Begleitern – darunter 22 Dosen Makrelenfilets – begibt sich der Mann auf eine Reise an den Rand Österreichs. Diese geografische Verortung im Thayatal, nahe der Grenze zur Tschechischen Republik, dient als Kulisse für eine Erzählung, die zwischen Realität und Trugbild changiert.

Raab nutzt die Form des Montageromans, um die fragmentierte Wahrnehmung seines Protagonisten abzubilden. Die Reise ist kein linearer Weg zur Selbsterkenntnis, sondern ein Prozess der Entfremdung. Das Setting, geprägt von einer fast schon unwirklichen Landschaft, unterstreicht den Wunsch des Protagonisten nach einer Welt, in der Kommunikation nicht mehr über digitale Kanäle, sondern nur noch durch die physische Präsenz in der Natur stattfindet.

Die Konsequenzen der digitalen Abkehr

Welche Folgen hat es, wenn ein Mensch versucht, sich vollständig aus der vernetzten Gesellschaft zu lösen? Raab lässt diese Frage in seinem Werk offen, deutet jedoch an, dass ein solcher Schritt mit einer gewissen „Verrücktheit“ einhergeht. Die Entscheidung gegen das Internet ist bei ihm gleichbedeutend mit einer Abkehr von den gängigen sozialen Normen.

Die literarische Einordnung des Romans zeigt, dass das Thema der digitalen Überreizung einen Nerv der Zeit trifft. Während andere zeitgenössische Werke sich mit familiären Krisen oder der Aufarbeitung klassischer Stoffe beschäftigen, wählt Raab den Weg der radikalen Isolation. Ob der Protagonist sein Ziel – die absolute Stille – tatsächlich erreichen kann oder ob er lediglich in eine neue Form der Einsamkeit gerät, bleibt ein zentrales Spannungsfeld des Buches.

Zwischen Realität und Abstraktion

Die Erzählweise des Romans fordert den Leser heraus. Durch die Montage verschiedener Eindrücke und die skurrile Ausstattung der Reise entsteht ein Bild, das sich einer einfachen Interpretation entzieht. Das Thayatal wird zum Schauplatz einer existenziellen Suche, bei der die äußere Umgebung ebenso eine Rolle spielt wie der innere Zustand des Erzählers.

Die Entscheidung für das Funkloch ist somit mehr als eine bloße Flucht vor dem Smartphone; sie ist ein symbolischer Akt gegen die Beschleunigung des modernen Lebens. Raab gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser dazu einlädt, über die eigene digitale Abhängigkeit nachzudenken, ohne dabei in moralisierende Belehrungen zu verfallen. Die Reise der 22 Makrelendosen wird dabei zum Sinnbild für die Absurdität, die entsteht, wenn man versucht, die Zivilisation hinter sich zu lassen, während man gleichzeitig noch von ihren Überresten zehrt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/gespenstische-damonenfigur-in-urbanem-waldsetting-36416040/ · Foto: Yessi Trex📸🦖✨️
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/thomas-raabs-roman-jedermanns-daemon-201080631.html