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„Rienzi“ in Bayreuth: Die Partitur zum „Rienzi“ muss erst erstellt werden
Kultur · 25.07.2026 19:12

„Rienzi“ in Bayreuth: Die Partitur zum „Rienzi“ muss erst erstellt werden

Kurz: Erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele steht Richard Wagners „Rienzi“ auf dem Spielplan. Ein Blick auf die Herausforderungen der Partitur.

Eine Premiere nach 150 Jahren

Zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele feiert ein Werk Premiere, das bisher nie den Weg auf den Grünen Hügel fand: Richard Wagners dritte Oper „Rienzi“. Während das Stück bereits 1842 in Dresden uraufgeführt wurde, blieb es in Bayreuth lange Zeit außen vor. Selbst im Jubiläumsjahr 2013 musste sich der „letzte der Tribunen“ mit einer konzertanten Aufführung in der Oberfrankenhalle begnügen. Unter der musikalischen Leitung von Nathalie Stutzmann und in der Regie von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka findet nun die lang erwartete szenische Erstaufführung statt.

Die Herausforderung der Partitur

Die lange Abwesenheit des Werks vom Spielplan ist laut dem Dramaturgen Markus Kiesel vor allem auf die schwierige philologische Ausgangslage zurückzuführen. Es existiert keine vom Komponisten hinterlassene finale Fassung. Stattdessen müssen die Verantwortlichen aus einem Konvolut an autographen Partituren, Uraufführungstexten und Erstdrucken erst eine spielbare Form konstruieren. Wagner selbst kam zeitlebens nicht dazu, das Werk abschließend zu überarbeiten.

Die Arbeit mit dem Material gleicht einer „Materialschlacht“: Über 3000 Takte, verteilt auf 76 Orchesterstimmbücher und zahlreiche Chor- sowie Solopartituren, müssen gesichtet und zusammengefügt werden. Auch zur Pantomime existiert keine authentische Musik des Meisters mehr; hier greift die Produktion auf die bearbeitete Fassung von Cosima Wagner zurück.

Mythen um Aufführungsdauer und Besetzung

Entgegen hartnäckiger Gerüchte, das Werk sei für das Publikum unzumutbar lang, schätzt Kiesel die Aufführungsdauer auf etwa drei bis vier Stunden. Historisch gesehen war es im 19. Jahrhundert üblich, Partituren für die jeweiligen Opernhäuser anzupassen und zu kürzen. Wagner selbst beschrieb in seiner Autobiografie, wie er seinem Chordirektor Christian Wilhelm Fischer Teile des Werks zur Kürzung überließ, um Zeit zu sparen.

Ein weiterer Punkt der Debatte ist die Besetzung der Rolle des Adriano. Während Wieland Wagner 1957 in Stuttgart die Rolle mit einem Tenor besetzte, kehrt die Bayreuther Inszenierung zur ursprünglichen Hosenrolle für eine Mezzosopranistin (Jennifer Holloway) zurück. Kiesel betont, dass dies Wagners ursprünglicher Absicht entspricht, da die Ensembles bei einer Umbesetzung auf einen Tenor oft an musikalischer Substanz verlieren oder gestrichen werden müssten.

Umgang mit der belasteten Geschichte

Die Rezeptionsgeschichte des „Rienzi“ ist untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden, da Adolf Hitler das Werk als Rollenmodell für sich beanspruchte. Die autographe Partitur gilt seit ihrem Verbleib im Besitz Hitlers als verschollen; ihr Schicksal – ob verbrannt, in Russland oder in Privatbesitz – bleibt ungeklärt.

Markus Kiesel plädiert jedoch dafür, dass die historische Instrumentalisierung durch Hitler kein Grund sein darf, das künstlerische Werk aus dem Kanon auszuschließen. Er lehnt die Sichtweise ab, Wagners Musik aufgrund der persönlichen Ideologie des Komponisten als „toxisch“ einzustufen. Vielmehr solle Bayreuth als Ort des offenen Diskurses fungieren, an dem auch schwierige Werke kritisch hinterfragt und aufgeführt werden können. Die Inszenierung versteht sich somit als Einladung zur Auseinandersetzung mit einem komplexen Stück Musikgeschichte, das weder von Wagner noch von seiner Familie jemals offiziell verboten wurde.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/malerischer-blick-auf-den-kunstpalast-dusseldorf-am-see-31593665/ · Foto: Palantir 📷
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/erstmals-rienzi-in-bayreuth-warum-hitler-bezug-laut-dramaturg-kunst-nicht-blockieren-darf-accg-200976773.html