Radikalisierung im digitalen Raum
Der jüngste Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) hat eine Debatte über die Ursachen islamistischer Gewalt entfacht. Eren Güvercin, stellvertretender Vorsitzender der liberal-muslimischen Alhambra-Gesellschaft, warnt eindringlich vor einer zunehmenden Radikalisierung junger Menschen in den sozialen Netzwerken. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 sei eine enthemmte islamistische Szene zu beobachten, die den Nahost-Konflikt gezielt instrumentalisiert.
Die Rekrutierungsmethoden haben sich dabei gewandelt. Islamistische Akteure nutzen moderne, ästhetisch hochwertige Videoproduktionen, die sich an der aktuellen Jugendkultur orientieren, um ihre Ideologie zu verbreiten. Über Plattformen wie Telegram werden gezielt junge, beeinflussbare Personen angesprochen. Auffällig ist dabei, dass das Alter der Täter kontinuierlich sinkt. Dies stellt die Präventionsarbeit vor neue Herausforderungen, da die Resilienz junger Menschen im digitalen Raum gestärkt werden muss.
Die Rolle der muslimischen Community
Ein zentraler Punkt in der Analyse von Güvercin ist die Herkunft der Täter. Er betont, dass es sich bei den Schlüsselakteuren der islamistischen Szene in Deutschland keineswegs nur um Personen handelt, die erst kürzlich eingewandert sind. Viele der Radikalisierten sind in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden. Dies verdeutlicht, dass die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Orientierungsvermittlung dringend intensiviert werden muss.
Besonders kritisch sieht Güvercin die Reaktion der muslimischen Verbände. Zwar werde Gewalt nach Anschlägen oft pauschal verurteilt, doch die spezifischen Hintergründe – wie etwa die Queerfeindlichkeit oder der Antisemitismus als Tatmotiv – würden häufig ausgeblendet. Die bloße Behauptung, solche Taten hätten „nichts mit dem Islam zu tun“, sei angesichts der religiösen Rechtfertigungen der Attentäter nicht haltbar. Stattdessen sei eine kritische Auseinandersetzung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft erforderlich.
Historisch-kritische Aufarbeitung notwendig
Die Alhambra-Gesellschaft fordert, dass Queerfeindlichkeit innerhalb muslimischer Strukturen offen benannt wird. Laut Güvercin existieren in religiösen Quellen Anknüpfungspunkte, die von Islamisten genutzt werden, um ihre Ablehnung gegenüber queeren Menschen oder Jüdinnen und Juden zu legitimieren. Es sei die Aufgabe der muslimischen Community, diese Quellen historisch-kritisch einzuordnen – ein Prozess, den andere Religionsgemeinschaften, wie etwa die christlichen Kirchen, in der Vergangenheit ebenfalls durchlaufen mussten.
In vielen Moscheegemeinden sei die Realität derzeit noch so, dass queere Menschen ihre Identität verbergen müssten, um Ausgrenzung zu vermeiden. Diese Strukturen aufzubrechen, ist für Güvercin ein notwendiger Schritt, um den Akteuren die religiöse Grundlage für ihre menschenfeindliche Ideologie zu entziehen. Nur durch eine ehrliche Selbstkonfrontation könne die muslimische Gemeinschaft verhindern, dass junge Menschen weiter in den Extremismus abgleiten.
Hintergrund zur Alhambra-Gesellschaft
Die Alhambra-Gesellschaft wurde 2017 in Köln als liberal-muslimischer Zusammenschluss gegründet. Ihr Ziel ist es, jungen Muslimen den Zugang zu politischer Bildung sowie zu Kunst und Kultur zu erleichtern. Durch Diskussionen und Vortragsreihen setzt sich der Verein für eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen ein. Eren Güvercin, der als stellvertretender Vorsitzender fungiert, ist zudem beruflich in Islamismus-Präventionsprojekten tätig.