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Rares von Goethe: Wer bekommt den Faust in die Hand?
Kultur · 14.08.2026 08:48

Rares von Goethe: Wer bekommt den Faust in die Hand?

Kurz: Der Antiquar Heribert Tenschert bietet eine exklusive Sammlung seltener Goethe-Erstausgaben über das neue „Atelier Zweig“ in Los Angeles an.

Ein bedeutendes Kapitel der Literaturgeschichte wandert nach Übersee

In der Welt der bibliophilen Schätze vollzieht sich derzeit ein bemerkenswerter Vorgang: Ein umfangreiches Konvolut an seltenen Goethe-Erstausgaben, das über Jahrzehnte vom renommierten Antiquar Heribert Tenschert zusammengetragen wurde, steht nun zum Verkauf. Der Schauplatz für diesen Handel ist jedoch nicht der vertraute europäische Markt, sondern die US-amerikanische Metropole Los Angeles. Dort hat unter dem Namen „Atelier Zweig“ eine neue Antiquariatsgalerie ihre Pforten geöffnet, die sich in ihrer Namensgebung explizit auf den Schriftsteller Stefan Zweig und dessen leidenschaftliche Sammeltätigkeit bezieht. Das Angebot umfasst insgesamt 24 Positionen, die eine Zeitspanne von vier Jahrhunderten abdecken und die literarische Entwicklung von den Wurzeln der Faust-Sage bis hin zu Goethes eigenen, bahnbrechenden Werken dokumentieren. Es handelt sich hierbei um eine Kollektion, die sowohl für Museen als auch für private Sammler von außerordentlichem Interesse ist, da sie Stücke enthält, die in dieser Dichte und Qualität nur äußerst selten auf dem freien Markt erscheinen. Die Verlagerung dieses deutschen Kulturguts in den amerikanischen Raum markiert einen neuen Höhepunkt in der Vermarktung von Klassiker-Editionen, wobei die Preise die Exklusivität der angebotenen Objekte eindrucksvoll unterstreichen.

Die kostbaren Exponate im Detail

Das Spektrum der angebotenen Werke ist beeindruckend und reicht von frühen Quellen bis zu den bedeutendsten Publikationen Goethes. An der Spitze der Preisliste steht mit 200.000 Dollar ein Exemplar von Goethes Dissertation aus dem Jahr 1771. Dieses Werk, das lediglich einen Bogen umfasst und sechzehn Seiten zählt, gilt als absolute Rarität. Besonders bemerkenswert ist, dass das in Los Angeles angebotene Exemplar als unaufgeschnittener Bogen erhalten geblieben ist, was seinen Seltenheitswert massiv steigert. Ebenfalls im Angebot enthalten ist „Das Römische Carnaval“ von 1789, ein Werk, das Goethes Italien-Eindrücke festhält und mit handkolorierten Kupferstichen besticht. Der Preis für dieses Rarissimum liegt bei 90.000 Dollar. Weitere Highlights sind Erstausgaben von „Werther“ für 60.000 Dollar, das „Faust-Fragment“ von 1790 für 36.000 Dollar sowie der erste Teil des „Faust“ von 1808 für 21.000 Dollar. Auch Goethes „Farbenlehre“, auf die der Dichter besonders stolz war, ist mit 38.500 Dollar gelistet. Insgesamt summiert sich der Wert des gesamten Katalogs auf rund 900.000 Dollar, wobei jedes Stück eine eigene, faszinierende Provenienzgeschichte aufweist.

Ein Blick in die bewegte Vorgeschichte der Sammlung

Die Geschichte der angebotenen Bücher ist eng mit der deutschen Historie verknüpft. Ein besonders markantes Beispiel sind die drei Volksbücher aus den Jahren 1589, 1596 und 1597, die als frühe Quellen des Faust-Stoffs gelten. Diese Bände wurden im 19. Jahrhundert von dem Juristen Heinrich Apel auf seinem Rittergut Ermlitz nahe Leipzig zusammengetragen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 wurden sie im Zuge der sogenannten „Schlossbergungen“ in der Sowjetischen Besatzungszone beschlagnahmt. Erst nach der politischen Wende, im Jahr 1994, erfolgte die Restitution an die Familie Apel. Diese ließ die Stücke im Jahr 2001 in München versteigern, von wo sie schließlich in den Besitz von Heribert Tenschert gelangten. Heute werden diese drei Bände zusammen für 195.000 Dollar angeboten. Dass solche Werke heute über ein Atelier in Los Angeles vertrieben werden, zeigt den globalen Wandel im Handel mit historisch bedeutenden Drucken, die einst als Teil privater deutscher Familiensammlungen galten und nun als internationale Sammlerobjekte fungieren.

Die Akteure hinter dem ambitionierten Projekt

Im Zentrum dieses Handels steht Heribert Tenschert, der seit vielen Jahrzehnten als einer der bedeutendsten Antiquare im deutschsprachigen Raum gilt. Seine Basis, die Bibermühle im schweizerischen Ramsen, ist in Fachkreisen als Hort seltener Bücher bekannt. Mit der Gründung des „Atelier Zweig“ in Los Angeles verfolgt Tenschert das Ziel, den amerikanischen Markt direkt vor Ort zu erschließen. Neben dem Antiquar selbst sind Institutionen wie die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar indirekt involviert. Die Bibliothek, die Goethe einst selbst nach seinen Idealen mitgestaltete, hatte in der Vergangenheit bereits das Angebot erhalten, die seltene Dissertation von 1771 zu erwerben, da diese in ihren Beständen fehlt. Dass dieses Vorhaben bislang nicht realisiert wurde, führt nun dazu, dass das Stück möglicherweise den Atlantik überquert. Die Verbindung zwischen dem deutschen Erbe und dem amerikanischen Markt wird durch dieses Projekt auf eine neue, kommerzielle Ebene gehoben, wobei die Expertise von Tenschert den Rahmen für die Bewertung und Präsentation dieser exzeptionellen Sammlung bildet.

Einordnung der Bedeutung für den Kunstmarkt

Einzuordnen ist das Angebot des „Atelier Zweig“ als ein Ereignis von hoher Relevanz für den internationalen Antiquariatsmarkt. Dass eine derart geschlossene und qualitätsvolle Sammlung von Goethe-Erstausgaben in einem einzigen Katalog zusammengefasst wird, ist selten. Den Berichten zufolge unterstreicht die Preisgestaltung nicht nur den materiellen, sondern vor allem den historischen Wert der Stücke. Die Tatsache, dass selbst die Dissertation von 1771, die aufgrund ihrer juristischen Thematik und ihres geringen Umfangs lange Zeit wenig Beachtung fand, heute als hochpreisiges Sammlerstück gehandelt wird, zeigt die ungebrochene Faszination für alles, was aus der Feder Goethes stammt. Die Einbeziehung von Pressedrucken des frühen 20. Jahrhunderts, wie etwa der Doves Press, erweitert zudem den Fokus von der reinen Goethe-Philologie hin zu einer ästhetischen Würdigung der Buchkunst. Es ist ein Markt, in dem das „beste Buch“ als ein sicherer Wert in unsicheren Zeiten wahrgenommen wird, was die hohen Summen erklärt, die für diese bibliophilen Kostbarkeiten aufgerufen werden.

Die Lücken im Wissensstand

Obwohl der Katalog eine beeindruckende Fülle an Informationen bietet, bleiben einige Fragen offen. So ist beispielsweise nicht abschließend geklärt, welche konkreten Interessenten sich bereits für die einzelnen Positionen gemeldet haben oder ob es Bestrebungen gibt, die Sammlung als Ganzes zu erhalten, um sie in einer öffentlichen Institution zu sichern. Auch bleibt unklar, welche weiteren Bestände in der Sammlung Tenschert noch existieren, die bisher nicht in den Katalog „Four Centuries of Goethe“ aufgenommen wurden. Die genauen Hintergründe, warum die Anna-Amalia-Bibliothek den Erwerb der Dissertation von 1771 nicht realisieren konnte, werden im Detail nicht weiter ausgeführt, ebenso wenig wie die Frage, ob es alternative Bemühungen gab, diese Stücke in Deutschland zu halten. Die Transparenz über den Verbleib der anderen, nicht verkauften Exemplare der Dissertation, von denen insgesamt zehn bekannt sind, bleibt ebenfalls ein Thema, das über den aktuellen Katalog hinausgeht. Der Fokus liegt primär auf der Vermarktung des vorliegenden Konvoluts, während die breitere Kontextualisierung der verbleibenden Bestände offen bleibt.

Die Zukunft der Sammlung und ausstehende Entscheidungen

Wie es mit den angebotenen Goethe-Raritäten weitergeht, hängt nun maßgeblich von der Resonanz des amerikanischen Marktes ab. Die Veröffentlichung des Katalogs „Four Centuries of Goethe“ ist der erste Schritt in einer Strategie, die darauf abzielt, die Bedeutung des deutschen Klassikers im US-amerikanischen Raum zu festigen. Es bleibt abzuwarten, ob die angestrebten Preise von insgesamt 900.000 Dollar tatsächlich erzielt werden können oder ob Verhandlungen die Endsummen beeinflussen werden. Für Institutionen wie die Anna-Amalia-Bibliothek stellt sich die Frage, ob sich kurzfristig noch Möglichkeiten ergeben, einzelne Stücke zu erwerben, bevor diese in private Hände in Übersee gelangen. Die Antiquariatsgalerie „Atelier Zweig“ hat mit diesem Angebot ein deutliches Zeichen gesetzt, das die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich zieht. Ob die Sammlung in ihre Einzelteile zerfällt und in verschiedene private Sammlungen weltweit verstreut wird oder ob sich ein Käufer findet, der das Konvolut als Ganzes erwirbt, wird die Zukunft zeigen. Die kommenden Monate werden Aufschluss darüber geben, wie erfolgreich diese transatlantische Vermarktungsstrategie für deutsche Literaturgeschichte ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hande-entwurf-design-papier-10255492/ · Foto: Alexander Zvir
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/rare-goethe-ausgaben-aus-der-sammlung-tenschert-in-los-angeles-zu-verkaufen-accg-201090669.html