Ein Klima der Unsicherheit
Der islamistische Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat die queere Gemeinschaft in Deutschland tief verunsichert. Für viele Aktivisten kam die Tat jedoch nicht überraschend. Alva Träbert, Co-Bundesvorstand des LSVD+ (Verband Queere Vielfalt), beschreibt den Vorfall als ein Ereignis, das aufgrund der seit Jahren steigenden Zahlen bei queerfeindlichen Straftaten absehbar war. Laut Daten des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2025 insgesamt 2.377 queerfeindliche Delikte registriert – ein Anstieg von 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders besorgniserregend ist dabei der überdurchschnittlich hohe Anteil an Gewalttaten.
Kritik an der staatlichen Schutzfunktion
Die Stimmung innerhalb der LSBTIQA+-Szene ist angespannt. Andre Lehmann, ebenfalls Co-Bundesvorstand des LSVD+, wirft dem Staat vor, seiner grundlegenden Aufgabe – der Gewährleistung der Sicherheit für alle Bürger – nicht nachzukommen. Die Verbände fordern seit Jahren ein entschlosseneres Vorgehen gegen das zunehmend hasserfüllte Umfeld. Statt jedoch den Schutz zu intensivieren, sieht sich die Community mit einer unsicheren finanziellen Zukunft konfrontiert.
Unsicherheit durch Förderkürzungen
Ein zentraler Streitpunkt ist die Umstellung des Bundesprogramms "Demokratie leben!". Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter Ministerin Karin Prien (CDU) kündigte im März eine Neuausrichtung an, die das Auslaufen der Finanzierung für rund 200 Projekte vorsieht. Dies trifft Organisationen wie den queeren Jugendverband Lambda hart. Dessen Beratungsangebote für Jugendliche, die Gewalt- oder Mobbingerfahrungen verarbeiten müssen, stehen nun vor dem Aus. Auch lokale Veranstaltungen wie der CSD in Rathenow kämpfen nach dem Wegfall von Zuschüssen mit der Finanzierung von Sicherheitspersonal und Technik.
Das Bundesfamilienministerium betont auf Anfrage, dass die Neuausrichtung keine Abkehr vom Engagement gegen Queerfeindlichkeit darstelle. Man plane, künftig andere Schwerpunkte zu setzen, wobei queere Belange weiterhin mitgedacht würden. Zudem sei eine Aufstockung der Mittel für Deradikalisierungsprogramme geplant. Aus Sicht des LSVD+ ist dies zwar ein richtiger, aber bei weitem nicht ausreichender Schritt.
Forderung nach Dialog auf Augenhöhe
Die Reaktionen der Bundespolitik auf den Anschlag – darunter Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz und Ministerin Prien – werden von den Verbänden als wenig glaubhaft wahrgenommen. Kritisiert wird insbesondere, dass Politiker zwar über die Community sprechen, jedoch den direkten Dialog mit den Betroffenen meiden. Das vom LSVD+ nach dem Anschlag unterbreitete Gesprächsangebot an das Kanzleramt blieb bislang unbeantwortet.
Politische Forderungen und Grundgesetz
Die Enttäuschung über die aktuelle Politik mündet in konkrete Forderungen. Die Verbände verlangen nicht nur mehr Demut und eine stärkere Einbindung ihrer Expertise, sondern fordern seit Langem die Aufnahme queerer Menschen in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes. Dies wird von verschiedenen Oppositionsparteien unterstützt. Der LSVD+ betont, dass LSBTIQA+-Personen die einzige im Nationalsozialismus verfolgte Gruppe seien, deren Schutz bis heute nicht spezifisch im Grundgesetz verankert ist. Die Verbände sehen den Anschlag als dringenden Anlass, dieses Versäumnis endlich zu korrigieren und die Würde sowie Sicherheit queerer Menschen als nicht verhandelbar zu betrachten.