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Porträt Theatermacher Gudarzi: Die Erfindung des Paradieses
Technik · 25.07.2026 21:48

Porträt Theatermacher Gudarzi: Die Erfindung des Paradieses

Kurz: Der Dramatiker Amir Gudarzi zählt zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwart. Ein Porträt über Flucht, die Kraft der Sprache und die Neuerfindung des Paradieses

Ein Leben zwischen den Welten

Amir Gudarzi ist heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Dramatiker. Sein Weg führte ihn von Teheran nach Wien, nachdem er aufgrund seines politischen Engagements gegen das islamistische Regime zur Flucht gezwungen war. Heute, 17 Jahre nach seiner Ankunft und seit 2016 österreichischer Staatsbürger, ist er ein fester Bestandteil der literarischen Szene. Auszeichnungen wie der Kleist-Förderpreis oder der Hermann-Hesse-Literaturförderpreis unterstreichen seinen künstlerischen Stellenwert. Dennoch bleibt Gudarzi ein Beobachter, der die „Zwänge der Welt“ am eigenen Leib erfahren hat und diese in seinen Werken präzise seziert.

Sprachgewalt und österreichischer Duktus

Obwohl Gudarzi in Deutschland eine breitere institutionelle Anerkennung erfährt, hat er sich bewusst für Österreich als Lebensmittelpunkt entschieden. Der Grund ist ein ästhetischer: Die Monotonie des Hochdeutschen empfindet er als anstrengend, während ihm der österreichische Duktus eine nuanciertere Ausdrucksweise ermöglicht. In seinen Theaterstücken zeigt sich eine deutliche Nähe zur Tradition österreichischer Autoren wie Werner Schwab. Wie dieser verwebt Gudarzi in Werken wie „Häuslfrau“ religiöse Motive, Gewalt und menschliche Körperlichkeit zu einer expressiven, oft provokanten Einheit.

Theater als Seismograph der Gegenwart

Ab 2027 wird Gudarzi als Hausautor am Schauspielhaus Wien tätig sein. Er blickt jedoch mit Sorge auf die aktuelle kulturpolitische Lage. Kürzungen bei den Autorengagen gefährden seiner Ansicht nach die notwendige Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Für Gudarzi ist Theater kein Ort für belehrende Provinzialität, sondern ein Raum, in dem Sprache den Hintergrund hinter den tagesaktuellen Ereignissen ausleuchten soll. Ein Beispiel hierfür ist sein Stück „Wonderwomb“, das aus der Perspektive des Erdöls unsere fossile Abhängigkeit thematisiert.

Die Dekonstruktion des Orientalismus

Ein zentrales Projekt des Autors ist die Überschreibung von Aischylos’ „Die Perser“. Gudarzi sieht in der antiken Tragödie den Ursprung des europäischen Orientalismus und des „Othering“. Während das Original den Triumph der Griechen über die Perser als Zivilisationssieg stilisierte, zielt Gudarzi mit seinem Werk „Die Erfindung des Paradieses“ auf eine Versöhnung der Perspektiven ab. Er betont die gemeinsamen kulturellen Wurzeln von Orient und Okzident, die durch mesopotamische Mythen und den Austausch antiker Gelehrter geprägt wurden.

Zwischen politischem Erbe und neuer Heimat

Der Titel „Die Erfindung des Paradieses“ verweist auf den persischen Ursprung des Paradies-Topos, der heute oft verengt wahrgenommen wird. Dabei schwingen aktuelle politische Realitäten stets mit: Die Rolle der Frau im alten Persien kontrastiert schmerzhaft mit der brutalen Unterdrückung durch das heutige iranische Regime. Gudarzi, der selbst für Freiheit demonstrierte und inhaftiert wurde, bleibt auch im Exil ein kritischer Geist. Die Bedrohung durch das Regime und Anfeindungen innerhalb der Exil-Community machen sein Leben zu einer fortwährenden Gratwanderung, die er mit einem dunklen, erhellenden Humor meistert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-portrat-schminke-makeup-6842225/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/amir-gudarzi-dramatiker-fluechtling-und-sein-paradies-accg-201039323.html