Ein neues kulturelles Projekt für Deutschland
Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat den Wunsch geäußert, eine nationale Porträtgalerie nach dem Vorbild der Londoner National Portrait Gallery in Berlin zu etablieren. Diese Vision entstand während eines Besuchs bei dem britischen Architekten Norman Foster in der britischen Hauptstadt. Weimer sieht in einem solchen Museum ein notwendiges Instrument, um dem aus seiner Sicht verengten, völkischen Geschichtsbild der AfD ein selbstbewusstes und demokratisches Narrativ entgegenzusetzen. Als ersten konkreten Schritt auf diesem Weg betrachtet der Minister eine geplante Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin. Diese Schau, die unter dem Titel „Porträts der deutschen Geschichte“ firmiert, ist für den 7. April 2028 im Pei-Bau terminiert. Der australische Historiker Christopher Clark wurde bereits als Kurator für dieses Projekt gewonnen. Das Ziel ist es, anhand von prägenden Persönlichkeiten die Vielfalt der deutschen Geschichte aufzuzeigen. Weimer hofft, dass aus dieser Ausstellung langfristig eine dauerhafte Institution erwachsen könnte, die als deutsches Pendant zur berühmten Londoner Sammlung fungiert und das Geschichtsbewusstsein sowie die Erinnerungskultur nachhaltig stärkt.
Die Londoner Inspiration und ihre Besonderheiten
Die Londoner National Portrait Gallery, die bereits 1856 gegründet wurde und am Trafalgar Square beheimatet ist, dient als zentraler Bezugspunkt für Weimers Überlegungen. Besucherinnen und Besucher finden dort eine Sammlung vor, die weit weniger staatstragend wirkt, als der Name vermuten lässt. Das Museum zeichnet ein lebendiges Bild Großbritanniens, indem es weltbekannte Ikonen neben stillen Helden präsentiert. Ein wesentliches Merkmal der Londoner Galerie ist das bewusste Durcheinander, das durch eine kalkulierte Anordnung unterschiedlicher Stile und Epochen entsteht. So hängen beispielsweise Porträtstudien von Francis Bacon, Ölgemälde von Margaret Thatcher und Darstellungen von David Bowie in unmittelbarer Nachbarschaft. Diese Zusammenstellungen erzeugen eine Dynamik, die Vielfalt nicht nur zeigt, sondern auch mit einem gewissen Humor inszeniert. Die Offenheit des Hauses zeigt sich zudem darin, dass auch internationale Persönlichkeiten wie Marilyn Monroe in Sonderausstellungen gewürdigt werden. Diese Mischung aus Bekanntheit, Zeitgenossenschaft und überraschenden Kontrasten macht den besonderen Reiz der britischen Institution aus, den Weimer nun auf deutsche Verhältnisse übertragen möchte.
Der Weg zur Ausstellung im Jahr 2028
Die geplante Ausstellung im Deutschen Historischen Museum fungiert als eine Art Testballon für das ambitionierte Vorhaben. Kulturstaatsminister Weimer betont, dass die Schau die langen Linien der deutschen Geschichte durch das Wirken einzelner Menschen sichtbar machen soll. Dabei sollen insbesondere die Widersprüche und Facetten der Historie beleuchtet werden. Während Weimer das Projekt als Impulsgeber für eine lebendige Erinnerungskultur begreift, äußert der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Raphael Gross, eine deutlich vorsichtigere Haltung. Gross stellt grundlegende Fragen zur Methodik: Er gibt zu bedenken, dass historische Gemälde stets eine subjektive Sichtweise der Auftraggeber widerspiegeln und nicht zwingend die objektive Realität abbilden. Die Herausforderung besteht für ihn darin, eine Balance zu finden, um Geschichte nicht ausschließlich „von oben“ zu erzählen. Zudem müsse geklärt werden, wie man in einer solchen Galerie angemessen mit heroisierenden Herrscherporträts oder der komplexen Aufarbeitung der NS-Zeit umgehen kann, ohne in eine einseitige oder unkritische Darstellung zu verfallen.
Die Rolle der Beteiligten und Institutionen
An dem Projekt sind verschiedene Akteure beteiligt, die unterschiedliche Perspektiven einbringen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fungiert als treibende Kraft und politischer Initiator. Die kuratorische Verantwortung liegt bei dem Historiker Christopher Clark sowie der Kunsthistorikerin Julia Voss. Letztere hat in einem Gastbeitrag auf „Zeit online“ intensiv auf die Problematik von NS-Porträts hingewiesen. Sie erinnert daran, dass die Nationalsozialisten das Medium Porträt massiv für ihre Propaganda instrumentalisierten. Nach 1945 wurden zahlreiche dieser Werke von den US-amerikanischen Besatzungsbehörden konfisziert und in die sogenannte „German War Art Collection“ überführt. Viele dieser Porträts blieben aufgrund der Befürchtung, dass von ihnen weiterhin eine gefährliche Wirkung ausgehen könnte, in den USA und wurden von Rückgabeprogrammen ausgeschlossen. Diese historische Belastung des Porträt-Genres stellt eine der größten Herausforderungen für die Kuratoren dar, da sie die Frage aufwirft, ob das Format überhaupt geeignet ist, um die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte adäquat und ohne Schaden anzurichten abzubilden.
Einordnung der Debatte im gesellschaftlichen Kontext
Die Debatte um eine nationale Porträtgalerie ist eng mit der Frage nach der deutschen Identität verknüpft. Einzuordnen ist das Vorhaben Weimers als Versuch, die Deutungshoheit über die Geschichte zurückzugewinnen. Kritiker und Beobachter weisen darauf hin, dass die Instrumentalisierung von Geschichte ein zweischneidiges Schwert ist. Die Gefahr einer Vereinnahmung durch rechtspopulistische Kreise ist real, wie erste Reaktionen in den Medien zeigen. Ein Kommentator der „Welt“ lobte das Projekt bereits als Abkehr vom „Schuldkult“, ein Begriff, der dezidiert von der Neuen Rechten verwendet wird. Solche Äußerungen dienen als Warnung für die Verantwortlichen, dass ein solches Museum nicht dazu führen darf, die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch ein bloßes, positiv besetztes Nationalbewusstsein zu ersetzen. Die Kunsthistorikerin Julia Voss stellt zudem in Frage, ob das Genre des Porträts für eine solche nationale Erzählung überhaupt das richtige Werkzeug ist, oder ob man nicht besser auf Ausstellungen ohne nationalstaatliche Vorzeichen setzen sollte, die eine leichtere und weniger belastete Herangehensweise ermöglichen.
Offene Fragen und konzeptionelle Lücken
Der Quelltext lässt zahlreiche Fragen offen, die für die Realisierung eines solchen Großprojekts entscheidend wären. Zunächst bleibt die Finanzierung völlig ungeklärt; es gibt keine Informationen darüber, woher die Mittel für eine dauerhafte Institution kommen sollen. Auch die organisatorische Kontinuität ist fragwürdig, da Weimer bereits angekündigt hat, nach Ablauf seiner Legislaturperiode aus dem Amt des Kulturstaatsministers auszuscheiden und in die Medienbranche zurückzukehren. Wer das Projekt langfristig steuern soll, bleibt unklar. Ein weiterer kritischer Punkt ist der Standort. Während inoffiziell das Humboldt Forum in Berlin als möglicher Ort gehandelt wird, gibt es hierzu keine offizielle Bestätigung seitens des BKM. Die Entscheidung über den Standort würde zudem eine eigene, vermutlich sehr kontroverse Debatte auslösen. Schließlich bleibt offen, wie die Auswahl der porträtierten Personen erfolgen soll, um den Anspruch an Vielfalt und Differenzierung tatsächlich einzulösen, ohne in eine bloße Ansammlung von Prominenten zu verfallen oder historische Abgründe zu verschleiern.
Die Zukunft des Projekts und nächste Schritte
Der aktuelle Zeitplan konzentriert sich primär auf die Ausstellung im Jahr 2028. Bis dahin müssen die Kuratoren Christopher Clark und Julia Voss ein Konzept erarbeiten, das den hohen Anforderungen an eine differenzierte historische Darstellung gerecht wird. Die Frage, ob „unbekannte Menschen“ in die Ausstellung aufgenommen werden sollen, ist zwar im Gespräch, eine endgültige Entscheidung über den Umfang und die Auswahlkriterien steht jedoch noch aus. Die Ausstellung wird als Testballon dienen, um zu prüfen, ob das Publikum und die Fachwelt das Konzept einer „Porträt-Galerie“ akzeptieren. Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnte es als Grundlage für eine dauerhafte Institution dienen. Ob dies jedoch jemals zu einer echten National Portrait Gallery führen wird, hängt von zahlreichen politischen Entscheidungen, der öffentlichen Resonanz auf die Ausstellung im Jahr 2028 und der Bereitschaft der nachfolgenden politischen Akteure ab, das von Weimer initiierte Projekt fortzuführen. Bis dahin bleibt das Vorhaben ein visionäres, aber in seiner Umsetzung noch sehr vages Unterfangen.