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PKK-Gesetz in der Türkei: Historischer Schritt, offene Fragen
Schlagzeilen · 11.08.2026 14:51

PKK-Gesetz in der Türkei: Historischer Schritt, offene Fragen

Kurz: Die Türkei hat ein historisches Rahmengesetz zur Entwaffnung der PKK verabschiedet. Doch hinter dem Friedensprozess verbergen sich komplexe politische Motive.

Ein Wendepunkt im jahrzehntelangen Konflikt

Das türkische Parlament hat ein weitreichendes Rahmengesetz verabschiedet, das die Entwaffnung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zum Ziel hat. Dieser Schritt gilt als historisch, da er den bisher erfolgreichsten Versuch in einer Reihe von 13 Anläufen darstellt, den seit 1984 andauernden Konflikt zu beenden. Über 40.000 Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der PKK und türkischen Sicherheitskräften ums Leben gekommen.

Die neue Gesetzgebung sieht eine teilweise Amnestie für Inhaftierte vor, die wegen PKK-Mitgliedschaft oder der Verbreitung von Propaganda verurteilt wurden. Zudem soll sie PKK-Kämpfern im Nordirak sowie Sympathisanten in Europa eine Rückkehr ermöglichen. Die Umsetzung ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Der nationale Sicherheitsrat muss die vollständige Entwaffnung der PKK offiziell bestätigen. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, könnte noch einige Zeit vergehen.

Grenzen der Amnestie

Nicht alle Inhaftierten profitieren von den neuen Regelungen. Von der Amnestie ausdrücklich ausgenommen sind Personen, die wegen Tötungsdelikten verurteilt wurden. Auch Häftlinge, gegen die vor Juni 2005 lebenslange oder verschärfte lebenslange Haftstrafen verhängt wurden, fallen nicht unter die neuen Bestimmungen. Dies betrifft auch den PKK-Gründer Abdullah Öcalan, der auf der Gefängnisinsel İmralı inhaftiert bleibt. Dennoch ist ein bemerkenswerter Wandel im politischen Diskurs zu beobachten: Sogar der nationalistische MHP-Vorsitzende Devlet Bahçeli, ein langjähriger Gegner Öcalans, spricht diesem mittlerweile ein gewisses „Recht auf Hoffnung“ zu.

Offene kurdische Forderungen

Experten wie der Juraprofessor Vahap Coşkun aus Diyarbakır betonen, dass das Gesetz zwar einen Fortschritt darstellt, die eigentliche „Kurdenfrage“ damit jedoch nicht gelöst sei. Die kurdische Seite formuliert weiterhin konkrete Forderungen, die über die reine Entwaffnung hinausgehen:

* Anerkennung der kurdischen Sprache in der Justiz und Verwaltung

* Einführung von muttersprachlichem Unterricht an Schulen

* Ausbau der kommunalen Selbstverwaltung

* Reform des weitreichenden Anti-Terror-Gesetzes, das derzeit prokurdische Äußerungen kriminalisieren kann

Das Ziel müsse es sein, den Konflikt endgültig aus dem Bereich der Gewalt in den Bereich des Rechts und der Politik zu überführen.

Strategische Motive der Regierung

Die Annäherung der Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan wird von Beobachtern auch als taktisches Manöver interpretiert. Die prokurdische DEM-Partei, die den Gesetzentwurf trotz Kritik am Verhandlungsstil der Regierung unterstützte, könnte für Erdoğan ein wichtiger Partner werden. Da der Präsident seine Amtszeit über 2028 hinaus verlängern möchte, benötigt er für eine mögliche Verfassungsänderung oder die Ausrufung vorzeitiger Neuwahlen parlamentarische Mehrheiten. Eine Kooperation mit der DEM-Partei könnte ihn unabhängiger vom bisherigen Oppositionslager machen.

Zudem verfolgt Ankara außenpolitische Interessen. Durch die Schwächung der PKK verlieren kurdische Einheiten in Nordsyrien, wie die SDF, ihre moralische und politische Legitimation für einen bewaffneten Befreiungskampf. Auch im Irak könnte eine Befriedung der Lage die wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken. Gegenüber Europa präsentiert sich die Türkei zudem als stabilisierender Akteur, was den Druck auf Ankara hinsichtlich der Menschenrechtslage und der Inhaftierung prominenter Persönlichkeiten wie Selahattin Demirtaş mindern könnte. Ob das neue Gesetz tatsächlich zur Freilassung Demirtaş’ führt, bleibt jedoch abzuwarten.

Der Weg nach vorn

Öcalan selbst bezeichnete den aktuellen Prozess als einen „ersten Schritt auf einem Weg von tausend Kilometern“. Die kommenden Monate werden zeigen, wie die Umsetzung des Rahmengesetzes in der Praxis aussieht und ob die türkische Regierung bereit ist, auf die weitergehenden Forderungen der kurdischen Bevölkerung einzugehen. Für viele Betroffene ist die Lösung der Kurdenfrage das entscheidende Kriterium, an dem sie ihr weiteres politisches Handeln ausrichten werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/schwarz-und-weiss-schwarzweiss-bar-manner-17440564/ · Foto: The Humantra
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/pkk-gesetz-tuerkei-100.html