News aus aller Welt
Start
Patrick Ryans „Buckeye“: Amerikanische Gefühlserbschaften
Kultur · 01.08.2026 16:35

Patrick Ryans „Buckeye“: Amerikanische Gefühlserbschaften

Kurz: Der Bestseller-Roman „Buckeye“ von Patrick Ryan erzählt über Jahrzehnte hinweg vom Leben zweier Familien in Ohio und besticht durch seine epische Erzählweise.

Ein fiktives Ohio als Bühne für menschliche Schicksale

Der US-amerikanische Schriftsteller Patrick Ryan hat mit seinem Roman „Buckeye“ ein Werk geschaffen, das in den Vereinigten Staaten bereits große Erfolge feierte und nun auch dem deutschen Publikum zugänglich ist. Im Zentrum der Erzählung steht die fiktive Stadt Bonhomie in Ohio. Um dieser Kulisse eine notwendige Tiefe und Realität zu verleihen, ging Ryan methodisch vor: Er zeichnete Karten der Stadt, entwarf Straßenverläufe und legte die Standorte einzelner Geschäfte fest. Dieser Prozess war für den Autor essenziell, um die Umgebung nicht wie eine bloße Filmkulisse wirken zu lassen, sondern als lebendigen Ort, an dem die Weichen für die Biografien seiner Figuren gestellt werden.

Der Titel „Buckeye“ – eine Bezeichnung für die Rosskastanie und zugleich ein Spitzname für die Bewohner Ohios – verweist auf den Schauplatz. Obwohl Ryan selbst in Florida aufwuchs, wählte er den Mittleren Westen als Handlungsort, da er dort das Leben durchschnittlicher Amerikaner mit komplexen Innenwelten besonders präzise abbilden konnte.

Familiengeheimnisse und historische Zäsuren

Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte, beginnend am Tag des Sieges über Deutschland im Jahr 1945, und spannt den Bogen bis in die 1980er Jahre. Im Fokus stehen zwei Familien, deren Wege sich durch eine impulsive Begegnung im Eisenwarenladen von Bonhomie verknüpfen. Ein Kuss zwischen Margaret und Cal, dem Ehemann von Becky, markiert den Beginn einer jahrelangen Affäre und eines komplexen Geflechts aus Geheimnissen.

Ryan nutzt diese privaten Verwicklungen, um die Auswirkungen großer historischer Ereignisse auf das Individuum zu untersuchen. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg prägen gesellschaftliche Konventionen, Traumata und politische Umbrüche das Leben der Protagonisten. Dabei vermeidet der Autor es, seinen Figuren moderne Sichtweisen überzustülpen. Stattdessen schildert er, wie Nachrichten über das Radio oder die Lokalzeitung nur bruchstückhaft bei den Menschen auf dem Land ankamen und ihre Reaktionen entsprechend authentisch blieben.

Eine Erzählweise gegen den Zeitgeist

In einer Zeit, die oft von einer schwindenden Aufmerksamkeitsspanne geprägt ist, überrascht der Erfolg des 464 Seiten umfassenden Romans (in der deutschen Übersetzung noch umfangreicher). Ryan setzt auf eine klassische, lineare Erzählweise mit einem allwissenden Erzähler – ein Stil, den er selbst als „altmodisch“ bezeichnet. Dennoch gelingt es ihm, den Leser durch eine akribische Recherchearbeit zu binden. Er achtete auf historische Details, von der Farbe der Logbücher auf Marineschiffen bis hin zum Zeitpunkt, zu dem Informationen über das Massaker von My Lai die amerikanische Öffentlichkeit erreichten.

Kritiker heben besonders die „großzügige“ Erzählweise hervor, die frei von Zynismus ist. Ryan selbst betont, dass er eine gewisse Zuneigung zu seinen Figuren entwickeln müsse, selbst zu den moralisch zweifelhaften Charakteren, um ihre Irrwege glaubhaft darstellen zu können. Dass dies gelingt, zeigt sich in der emotionalen Reaktion der Leserschaft, die bisweilen so auf die fiktiven Schicksale reagiert, als handele es sich um reale Personen.

Der Entstehungsprozess als Anker

Die Arbeit an „Buckeye“ nahm insgesamt sechs Jahre in Anspruch. Der Autor berichtet, dass ihn seine Figuren oft durch die Handlung führten, anstatt einem starren Plan zu folgen. Während der Entstehungsphase, die unter anderem in die Amtszeit von Donald Trump und die globale Pandemie fiel, entwickelte sich das Schreiben für Ryan zu einem persönlichen Anker.

Der Roman verzichtet auf Nostalgie und konzentriert sich stattdessen darauf, wie das System Familie und politische Kontexte Spuren in den Menschen hinterlassen. Indem Ryan die Zeit vor dem Internet und der rasanten digitalen Gegenwart einfängt, bietet er eine Form der Literatur, die trotz – oder gerade wegen – ihrer Entschleunigung eine hohe Relevanz für die Gegenwart behält. Die detaillierten Szenen, die von seiner Erfahrung als Kurzgeschichtenautor zeugen, machen „Buckeye“ zu einer Studie über menschliche Entscheidungen, Fehler und die daraus resultierenden Gefühlserbschaften über Generationen hinweg.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-kreativ-gesichtslos-vereinigte-staaten-von-amerika-4669675/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/patrick-ryans-familienroman-buckeye-epische-langsamkeit-accg-201074220.html