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?Nordstream“-Propagandafilm: Die USA sollen es gewesen sein
Kultur · 24.08.2026 14:23

?Nordstream“-Propagandafilm: Die USA sollen es gewesen sein

Kurz: Ein neuer Propagandafilm behauptet, die USA steckten hinter der Nord-Stream-Sprengung. Das Werk findet in Berliner Kinos überraschenden Zuspruch.

Ein filmischer Angriff auf die Faktenlage

Am 26. September 2022 erschütterten gewaltige Explosionen die Ostsee, als drei von vier Strängen der Nord-Stream-Pipelines zerstört wurden. Was damals als technisches Rätsel begann, hat sich längst zu einem komplexen geopolitischen und juristischen Fall entwickelt. Während deutsche Behörden inzwischen eine ukrainische Urheberschaft der Sprengung bestätigen und die Ermittlungen weiter voranschreiten, hat sich ein neues, beunruhigendes Phänomen in der deutschen Kinolandschaft manifestiert. In Berlin wird derzeit ein Film unter dem Titel „Nordstream – Die Sprengung“ gezeigt, der eine völlig konträre Erzählung verbreitet. Die Autoren Moritz Enders und Gunther Merz präsentieren darin die These, dass die Vereinigten Staaten für die Zerstörung der Energieinfrastruktur verantwortlich seien. Das Werk, das von dem Online-Magazin „Hintergrund“ als Basis unterstützt wird, fungiert dabei als ein hochgradig tendenziöses Instrument. Es ist nicht bloß eine alternative Interpretation der Ereignisse, sondern ein propagandistisches Machwerk, das darauf abzielt, die öffentliche Wahrnehmung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zu untergraben und Deutschland als bloßen Spielball transatlantischer Mächte darzustellen.

Die Akteure und der Inhalt des Films

Der Film von Enders und Merz ist weit mehr als eine bloße Dokumentation; er ist eine elaborierte Konstruktion, die versucht, die Geschichte des letzten Jahrhunderts umzudeuten. Die Kernthese der Filmemacher besagt, dass die USA seit Jahrzehnten eine Strategie der „Deindustrialisierung“ Deutschlands verfolgen. Dabei wird ein Szenario gezeichnet, das über alle politischen Wechsel in Washington hinweg Bestand haben soll. Ein zentrales Feindbild des Films ist die Finanzgesellschaft Blackrock, die in der Darstellung der Autoren als eigentliches Subjekt einer globalen Weltherrschaft fungiert. Dabei wird Friedrich Merz, der CDU-Vorsitzende, in eine direkte, fast agentenhafte Verbindung zu diesen Strukturen gebracht. Die Argumentation ist dabei geschickt, wenn auch inhaltlich höchst fragwürdig, aufgebaut. Sie verknüpft historische Ereignisse wie die Berlin-Bagdad-Bahn vor 100 Jahren als Analogie zu den Pipelines, um einen „eurasischen“ Gegenentwurf zur westlichen Bindung Deutschlands zu konstruieren. Diese Erzählung findet in Teilen der deutschen Parteienlandschaft, insbesondere bei Sahra Wagenknecht, der AfD und Teilen der Linkspartei, ein empfängliches Publikum.

Die ideologische Rahmung der Propaganda

Die in „Nordstream – Die Sprengung“ gewählte Rahmung ist durchsetzt mit antisemitischen Codes. Das Bild eines „jüdischen“ Amerikas, das durch die Wall Street repräsentiert wird, wird dem Wunsch nach einer energetischen Anbindung Deutschlands an den Osten gegenübergestellt. Putin wird dabei als schützender Energiepartner inszeniert, während die liberale Gesellschaftsordnung des Westens – im Film abfällig als „Gayropa“ bezeichnet – abgelehnt wird. Diese Konstruktion geht so weit, dass dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ein implizites Notwehrrecht zugesprochen wird. Der Film suggeriert zudem, dass deutsche Wehrdienstleistende bald in den Donbas geschickt werden könnten, um dort zu sterben. Diese Angstmacherei ist ein zentrales Element der hybriden Kriegsführung, die hier filmisch aufbereitet wird. Die „Gesamtlogik“, die Enders und Merz ihrem Publikum präsentieren, ist so detailverliebt, dass sie bei unkritischen Betrachtern den Anschein von Seriosität erweckt, obwohl sie faktisch auf einer verzerrten Geschichtsdeutung beruht.

Die Rolle der Berliner Kinolandschaft

Besonders bemerkenswert und zugleich verstörend ist der Aufführungsort des Films. Das traditionsreiche Kino Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz, das als gut subventioniertes kommunales Kino gilt, fungiert als Vermieter des Saals. De facto wird der Film jedoch auf den eigenen Kanälen des Kinos beworben, was die Frage aufwirft, wie öffentliche Gelder in diesem Kontext verwendet werden. Bei Gesprächen mit Kinobesuchern in Berlin zeigt sich eine erschreckende Resonanz: Manche Zuschauer fordern sogar, dass das Werk zur besten Sendezeit in der ARD gezeigt werden müsse. Die Konfrontation mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um russische hybride Kriegsführung handeln könnte, führt bei Teilen des Publikums zu Aggressionen. Dies verdeutlicht, wie tief die Desinformation bereits in bestimmte Bevölkerungsschichten vorgedrungen ist. Öffentliche Kultureinrichtungen sollten eigentlich die Aufgabe haben, den Sinn für Unterschiede zwischen fundierter Dokumentation und reiner Propaganda zu schärfen, anstatt solche Vehikel der Irreführung zu beherbergen.

Einordnung der geopolitischen Lage

Einzuordnen ist das Geschehen als Teil einer größeren, gezielten Desinformationskampagne. Die Energiepartnerschaft mit Russland, die sich in den vier Strängen von Nord Stream manifestierte, endete mit dem Überfall auf die Ukraine. Es sollte logisch erscheinen, dass ein Staat, der die europäische Friedensordnung zerstört, kein Partner für Geschäfte sein kann. Doch der Abschied vom billigen russischen Gas hinterließ in Deutschland Phantomschmerzen, die von Akteuren wie den Filmemachern ausgenutzt werden. Die Behauptung, Deutschland habe nur die Wahl zwischen Trump und Putin, ist eine fatalistische Verkürzung, die den komplexen Realitäten der internationalen Politik nicht gerecht wird. Geschichte folgt in der Regel keinem Masterplan, und die bloße Existenz amerikanischer Interessen bedeutet nicht automatisch eine schicksalhafte Abhängigkeit Deutschlands. Der Film nutzt diese Ängste, um eine geschlossene, aber irreführende Weltanschauung zu propagieren, die das Vertrauen in liberale Demokratien systematisch untergraben soll.

Offene Fragen und Lücken in der Erzählung

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die bei einer kritischen Betrachtung des Films relevant wären. So wird nicht detailliert erläutert, welche konkreten finanziellen oder ideologischen Verbindungen zwischen dem Online-Magazin „Hintergrund“ und den Filmemachern bestehen. Ebenso bleibt unklar, wie die genaue Finanzierung des Films selbst zustande kam, da der Quelltext lediglich von einer „Operationsbasis“ spricht, ohne die Geldgeber zu benennen. Auch die Frage, warum das Babylon Mitte sich trotz der offensichtlichen propagandistischen Natur des Werkes zur Vermietung und Bewerbung entschloss, wird nicht durch interne Stellungnahmen des Kinobetreibers beantwortet. Es bleibt eine Lücke in der Dokumentation darüber, wie weit die Verbreitung dieses Materials in anderen Städten oder auf anderen Plattformen bereits fortgeschritten ist. Der Text konzentriert sich primär auf die Berliner Situation und die inhaltliche Analyse, während die organisatorischen Hintergründe der Filmproduktion im Dunkeln bleiben.

Die Perspektive der Hollywood-Produktion

Während in Berlin ein propagandistisches Werk kursiert, arbeitet Hollywood parallel an einer eigenen filmischen Aufarbeitung der Nord-Stream-Sprengung. Der renommierte Regisseur Doug Liman entwickelt derzeit ein Projekt, das unter dem Arbeitstitel „Snake Island“ bekannt ist. In diesem amerikanischen Actionfilm sollen Stars wie Sean Penn und Adrien Brody mitwirken. Der Titel könnte sich auf den Beginn des Ukraine-Krieges beziehen, als ein ukrainischer Soldat auf der Schlangeninsel den russischen Angreifern mit einer Zote antwortete. Diese Überlagerung der Erzählungen – die juristische Aufarbeitung durch deutsche Behörden, die propagandistische Deutung durch Enders und Merz sowie die populärkulturelle Aufbereitung durch Hollywood – erzeugt eine verwirrende Gemengelage. Es bleibt abzuwarten, wie die amerikanische Produktion die komplexen Ereignisse darstellen wird und ob sie in der Lage ist, eine differenziertere Sichtweise zu vermitteln, die der Schwere der Sabotageakte gerecht wird, ohne in die Fallen der Mythenbildung zu tappen.

Ausblick und weitere Entwicklungen

Die juristische Wahrheitsfindung zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines ist noch immer im Gange. Erst kürzlich wurde in Kroatien ein weiterer Tatverdächtiger festgenommen, was die laufenden Ermittlungen der deutschen Behörden unterstreicht. Für den Sommer der anstehenden Landtagswahlen in Deutschland stellt der Film von Enders und Merz ein gefährliches Instrument der Irreführung dar. Es ist davon auszugehen, dass die Debatte über die Urheberschaft der Sprengung und die Rolle der verschiedenen Akteure im öffentlichen Raum weiter an Schärfe gewinnen wird. Während die Behörden Beweise sammeln und die Justiz arbeitet, bleibt die Herausforderung für die Gesellschaft bestehen, sich gegen die zunehmende Verfestigung von instrumentalisierten Geschichtsdeutungen zu wehren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Aufklärung der Fakten durch die Behörden ausreicht, um die propagandistischen Narrative zu entkräften, oder ob die hybride Kriegsführung durch Filme wie „Nordstream – Die Sprengung“ weiter an Boden gewinnen wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/abendansicht-des-theatergebaudes-von-sankt-petersburg-38251558/ · Foto: Sphinxx69
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/nordstream-film-betreibt-propaganda-in-berliner-kino-accg-201153515.html