Ein filmisches Experiment über Verlust und Zeit
Mit dem Kinostart von „Everytime“ bringt die Regisseurin Sandra Wollner ein Werk auf die Leinwand, das sich bewusst den gängigen Erzählmustern entzieht. Im Zentrum der Handlung steht die von Birgit Minichmayr verkörperte Ella, eine Mutter, deren Leben durch das plötzliche Verschwinden ihrer Tochter Jessie eine radikale Zäsur erfährt. Gemeinsam mit ihrer verbliebenen Tochter Melli und einer weiteren Begleitperson namens Lux begibt sich Ella auf eine Reise in die Berge. Das Ziel dieses Aufstiegs ist symbolisch: Die Hinterbliebenen suchen einen Ort, an dem sie ihre Trauer verarbeiten und hinter sich lassen können.
Die philosophische Dimension des Titels
Bereits der englische Titel des Films gibt Anlass zu theoretischen Überlegungen. Während „Everytime“ im allgemeinen Sprachgebrauch als „jederzeit“ verstanden wird, stellt dies einen bewussten Kontrast zum Medium Film dar, das per Definition zeitbasiert ist. Sandra Wollner spielt mit dieser Ambivalenz. Wenn man den Titel als Substantiv interpretiert, deutet er auf eine „Jederzeit“ hin – eine nichtlineare Zeitform, die das Erleben von Trauer und Erinnerung widerspiegelt. Die 120 Minuten Laufzeit des Films fungieren hierbei als ein Kompromiss, um die Unwägbarkeiten des menschlichen Empfindens in eine greifbare Form zu gießen.
Trauer als dynamischer Prozess
„Everytime“ wird von Kritikern als eine neuartige filmische Trauerstudie wahrgenommen. Anstatt den Verlust lediglich als statisches Ereignis abzubilden, lässt Wollner die Erinnerungen der Figuren in unerwartete Richtungen fließen. Die Protagonisten bleiben in ständiger Bewegung, sowohl physisch während ihrer Bergtour als auch emotional in ihrem Umgang mit dem Schicksalsschlag.
Für das Publikum erfordert der Film eine gewisse Offenheit gegenüber einer Erzählweise, die sich nicht an klassischen Kausalitäten orientiert. Es ist ein Werk, das dazu einlädt, über die eigene Wahrnehmung von Zeit und die Art und Weise, wie wir mit den Abwesenheiten in unserem Leben umgehen, nachzudenken. Die schauspielerische Leistung von Birgit Minichmayr trägt dabei maßgeblich dazu bei, die psychologische Tiefe dieser Geschichte erfahrbar zu machen.
Ein Werk jenseits klassischer Psychodramen
Der Film lässt sich nicht einfach in das Genre des Psychodramas einordnen. Vielmehr nutzt Wollner die filmischen Mittel, um einen Raum zu schaffen, in dem Erinnerungen nicht nur erzählt, sondern in ihrer Flüchtigkeit und Intensität erfahrbar werden. Die Reise in die Berge dient dabei als Metapher für den Versuch, einen Punkt der Ruhe zu finden, an dem die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint. „Everytime“ ist somit eine Einladung an die Zuschauer, sich auf ein Experiment einzulassen, das die Grenzen des Erzählbaren auslotet.