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Marburger Kunstmuseum spürt NS-Raubkunst auf - und findet rechtmäßige Erben
Regional · 07.11.2026 18:47

Marburger Kunstmuseum spürt NS-Raubkunst auf - und findet rechtmäßige Erben

Kurz: Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Marburg identifiziert NS-Raubkunst und findet rechtmäßige Erben. Eine Ausstellung beleuchtet den Prozess.

Ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung von NS-Unrecht in Marburg

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg hat einen bedeutenden Meilenstein in der Aufarbeitung seiner Sammlungsgeschichte erreicht. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren widmete sich ein spezialisiertes Team unter der Leitung der Provenienzforscherin Susanne Ehlers der intensiven Untersuchung des Museumsbestands. Die zentrale Fragestellung lautete dabei stets: Wem gehörten die Werke ursprünglich, und unter welchen Umständen gelangten sie in den Besitz des Hauses? Die Ergebnisse dieser akribischen Recherche sind seit Anfang November 2026 in einer eigens konzipierten Ausstellung unter dem Titel „Wem gehör(t)en die Werke?“ öffentlich zugänglich. Die Schau ist nicht nur eine Präsentation von Kunst, sondern eine transparente Offenlegung der Forschungsmethodik. Sie zeigt auf, wie durch die Analyse von Stempeln, Schriftzeichen und Archivunterlagen sowie durch den direkten Kontakt zu Nachfahren ehemaliger Eigentümer Licht in die dunklen Kapitel der Sammlungsgeschichte gebracht werden konnte. Die Ausstellung dient somit als ein wichtiges Instrument der historischen Aufklärung, das die oft anonymen Kunstwerke wieder mit ihren ursprünglichen Besitzern verknüpft und die Schicksale hinter den Objekten in den Fokus rückt.

Konkrete Ergebnisse der Provenienzforschung

Die Dimension der Untersuchung ist beachtlich: Rund 250 Gemälde aus dem umfangreichen Bestand des Museums, der insgesamt mehr als 20.000 Objekte umfasst, wurden einer detaillierten Prüfung unterzogen. Dabei identifizierten die Experten bislang drei Gemälde sowie eine Grafik als Fälle von NS-verfolgungsbedingtem Entzug. Besonders im Fokus stehen dabei drei Werke des nordhessischen Malers Carl Bantzer, der zwischen 1857 und 1941 lebte und als Hochschullehrer sowie Kunstschriftsteller tätig war. Für die beiden Bantzer-Gemälde mit den Titeln „Schwälmer Bauern vor der Kirche“ und „Blick aus dem Walde“ konnte die Universität bereits den Kontakt zu den legitimen Erben herstellen. Neben diesen identifizierten Fällen gibt es zwei weitere Objekte, die sich derzeit in einer Phase der rechtlichen Bewertung befinden. Ein weiteres französisches Gemälde steht zudem im Verdacht, unrechtmäßig in den Besitz des früheren Marburger Kunstprofessors Richard Hamann gelangt zu sein, wobei hier die Identifizierung des ursprünglichen Vorbesitzers bislang nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Diese Zahlen verdeutlichen, dass selbst in kleineren Sammlungen eine systematische Überprüfung notwendig ist, um die Herkunft der Bestände zweifelsfrei zu klären.

Historische Hintergründe und der Druck auf jüdische Eigentümer

Die Geschichte hinter den identifizierten Werken ist eng mit dem Schicksal jüdischer Familien während der NS-Zeit verknüpft. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gerieten jüdische Eigentümer von Kunstwerken unter massiven wirtschaftlichen und sozialen Druck. Viele sahen sich gezwungen, ihre Wertgegenstände zu veräußern, um ihre Flucht zu finanzieren oder ihr Überleben zu sichern. Die Provenienzforscherin Susanne Ehlers betont in diesem Zusammenhang, dass sämtliche Rechtsgeschäfte, die nach 1933 unter solch prekären Bedingungen stattfanden, aus heutiger Sicht als nichtig anzusehen sind. Die Veräußerungen waren keine freiwilligen Entscheidungen, sondern direkte Folgen der systematischen Verfolgung. Ohne den Druck durch das NS-Regime hätten die damaligen Besitzer ihre Kunstwerke mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht abgegeben. Die Forschung in Marburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und den betroffenen Familien ihre Geschichte zurückzugeben. Dabei geht es nicht nur um die rechtliche Rückgabe der Objekte, sondern auch um die moralische Anerkennung des erlittenen Unrechts, das für viele Betroffene über Jahrzehnte hinweg im Verborgenen blieb.

Die Beteiligten und der menschliche Aspekt der Forschung

Der Prozess der Aufarbeitung ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem verschiedene Akteure beteiligt sind. Neben der Provenienzforscherin Susanne Ehlers spielt der Museumsleiter Christoph Otterbeck eine zentrale Rolle. Er betont, dass das Museum nichts zu verbergen habe und die Verantwortung für eine transparente Aufarbeitung trage. Ein besonderer Moment in der Forschungsarbeit war die Kontaktaufnahme zu einer Familie in London, die zu den Nachfahren früherer Eigentümer gehört. Diese Begegnung war für das Team nicht nur professionell, sondern auch menschlich von großer Bedeutung. Otterbeck berichtet von einer großen Offenheit und einem positiven Miteinander, das trotz des schweren Themas möglich war. Die Nachfahren zeigten sich dabei besonders interessiert an der Lebensgeschichte ihrer Vorfahren in Marburg und suchten gezielt nach weiteren Informationen oder Porträts. Auch der hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels unterstrich die Bedeutung dieser Arbeit. Er lobte das Engagement der Universität und betonte, dass die Forschung die notwendige Grundlage schaffe, um Unrecht aufzuklären und gerechte Lösungen für die Zukunft der Kunstwerke zu ermöglichen.

Einordnung der Forschungsergebnisse

Einzuordnen ist das Vorgehen des Marburger Kunstmuseums als beispielhaft für den Umgang mit Sammlungsbeständen in kleineren Museen. Während die Provenienzforschung lange Zeit vor allem bei großen staatlichen Museen im Fokus stand, zeigt der Fall Marburg, dass auch kleinere Häuser eine hohe Verantwortung tragen. Die Forschungsergebnisse sind ein „Befreiungsschlag“ für das Museum, da sie den Weg für eine faire Lösung ebnen. Den Berichten zufolge werden die betroffenen Bilder auf Basis der Marburger Forschungsergebnisse vom Land Hessen restituiert. Dies bedeutet, dass die Entscheidung über den weiteren Verbleib der Werke nach der Rückgabe allein bei den rechtmäßigen Erben liegt. Diese Vorgehensweise unterstreicht den ethischen Anspruch des Museums, sich aktiv mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Die Forschung ist dabei nicht als isoliertes Projekt zu verstehen, sondern als Teil eines breiteren gesellschaftlichen Prozesses, in dem Museen ihre Rolle als Orte der kritischen Reflexion neu definieren. Die Sichtbarmachung der Menschen hinter den Kunstwerken ist dabei ein zentrales Anliegen, um die Geschichte der Sammlungen ehrlich und umfassend aufzuarbeiten.

Herausforderungen für kleinere Museen

Die Aufarbeitung von Raubkunst stellt kleine Heimat- und Regionalmuseen vor erhebliche Herausforderungen, insbesondere aufgrund knapper personeller und finanzieller Ressourcen. Eine Umfrage des Hessischen Museumsverbands aus dem Jahr 2021 verdeutlicht die Komplexität der Situation: Von etwa 190 befragten Museen verfügte rund ein Viertel über außereuropäische Objekte, die häufig aus kolonialen Kontexten stammen. Die Provenienzforschung ist somit nicht auf NS-Raubkunst beschränkt, sondern umfasst zunehmend auch die Untersuchung kolonialgeschichtlicher Zusammenhänge. Während das Oberhessische Museum in Gießen bereits seit Jahren ethnografische Bestände erforscht und Ergebnisse bis nach Tansania zurückverfolgen konnte, stehen viele andere Museen erst am Anfang. Um diese Häuser zu unterstützen, bietet der Hessische Museumsverband spezielle „Erstchecks“ an. Diese dienen dazu, den Forschungsbedarf zu identifizieren und mögliche Verdachtsfälle frühzeitig zu erkennen. Aktuell werden unter anderem Sammlungen in Bad Homburg, Dieburg, Friedberg und Rotenburg untersucht. Diese Unterstützung ist essenziell, um die Herkunft der Objekte in den vielfältigen hessischen Museumslandschaften systematisch zu klären.

Offene Fragen und Forschungsbedarf

Obwohl das Marburger Projekt beachtliche Erfolge erzielt hat, bleiben einige Fragen vorerst unbeantwortet. Der Quelltext weist explizit darauf hin, dass für zwei weitere Verdachtsfälle die rechtliche Bewertung noch aussteht. Zudem konnte im Fall des französischen Gemäldes, das mit dem Kunstprofessor Richard Hamann in Verbindung gebracht wird, der ursprüngliche Vorbesitzer bislang nicht identifiziert werden. Diese Lücken verdeutlichen, dass Provenienzforschung ein langwieriger und oft lückenhafter Prozess ist, der auf eine Vielzahl von Quellen angewiesen ist, die nicht immer vollständig erhalten sind. Auch bei den Erstchecks des Museumsverbands handelt es sich zunächst um eine erste Sichtung, die bei entsprechenden Hinweisen weitere, tiefgreifende Recherchen nach sich ziehen muss. Die Frage, wie viele weitere Objekte in den Depots kleinerer Museen noch ungeklärte Herkunftsgeschichten aufweisen, bleibt eine Herausforderung, die weit über das aktuelle Projekt hinausgeht. Die Forschung ist somit ein fortlaufender Prozess, der auch in den kommenden Jahren kontinuierliche Anstrengungen erfordern wird, um die Geschichte der Bestände weiter aufzuhellen.

Ausblick und weitere Schritte

Die Ausstellung „Wem gehör(t)en die Werke?“ ist noch bis zum 4. April 2027 im Kunstmuseum in der Biegenstraße 11 in Marburg zu sehen. Sie bietet Besuchern die Möglichkeit, sich umfassend über die Methoden und Ergebnisse der Forschung zu informieren. Für das Museum ist die Ausstellung jedoch kein Endpunkt, sondern ein weiterer Schritt in der transparenten Aufarbeitung. Die Restitution der identifizierten Werke durch das Land Hessen ist bereits in die Wege geleitet, womit die Entscheidungsgewalt über die Zukunft der Gemälde in die Hände der rechtmäßigen Erben übergeht. Die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das sowohl die Projekte in Marburg als auch in Eichenzell sowie die Erstchecks des Museumsverbands fördert, bildet dabei ein stabiles Fundament für die zukünftige Arbeit. Museen in ganz Hessen sind dazu aufgerufen, diesem Beispiel zu folgen und ihre Sammlungen kritisch zu hinterfragen. Die Forschung bleibt eine dauerhafte Verpflichtung, um das Unrecht der Vergangenheit aufzuarbeiten und die Würde der ehemaligen Eigentümer durch die Wiederherstellung ihrer Geschichte zu wahren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/dramatische-bronzestatue-im-museum-fur-moderne-kunst-39401145/ · Foto: Carlos Alberto Sanches
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-marburger-kunstmuseum-spuert-ns-raubkunst-auf-und-findet-rechtmaessige-erben-102.html