News aus aller Welt
Start
berliner festspiele: Weltuntergang tot, die Absurdität lebt
Kultur · 30.08.2026 13:02

berliner festspiele: Weltuntergang tot, die Absurdität lebt

Kurz: Das Musikfest Berlin eröffnet mit György Ligetis „Le Grand Macabre“. Eine Inszenierung, die Absurdität und Gesellschaftskritik in der Philharmonie vereint.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Das Musikfest Berlin ist mit einer bemerkenswerten Aufführung in die neue Saison gestartet. Als Eröffnungswerk wurde György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ gewählt, ein Stück, das nicht nur durch seine musikalische Komplexität besticht, sondern auch als drastisches Statement zum aktuellen Weltzustand fungiert. Die Aufführung fand in der Berliner Philharmonie statt und markierte einen besonderen Höhepunkt des Festivals. Das Werk, das für seine sarkastische Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen bekannt ist, wurde in einer englischsprachigen Fassung präsentiert, die ursprünglich für das Helsinki Festival erarbeitet worden war. Die Entscheidung, diese Produktion in Berlin zu zeigen, wurde von Kritikern als ein Zeichen ökonomischer und kunstpolitischer Vernunft gewertet, da sie eine sachdienliche Nachverwertung ermöglichte. Die Inszenierung zeichnete sich durch eine hohe künstlerische Dichte aus und nutzte den gesamten Raum der Philharmonie, was die räumliche Wirkung der Oper unterstrich. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Nicholas Collon, der das Finnish Radio Symphony Orchestra sowie den Helsinki Chamber Choir und die Berliner Vokalhelden zu einer präzisen und rhythmisch scharf konturierten Leistung anspornte. Die Aufführung wurde als ein Ereignis wahrgenommen, das die Grenze zwischen opernhafter Fiktion und realer politischer Absurdität geschickt verwischt.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die Produktion von „Le Grand Macabre“ unter der Regie von Frederic Wake-Walker und mit den Kostümen von Sasha Balmazi-Owen bot eine Fülle an Details. Zu den herausragenden Akteuren gehörte Karl Huml, der den Hofastronomen mit einem leidvollen Lamento-Bass verkörperte, während Heidi Melton als seine sexbesessen röhrende Gemahlin Mescalina überzeugte. In der Rolle der Geheimdienstchefin glänzte Sarah Aristidou durch artistische Vitalität und bös-flackernd schillernde Koloraturen. Andrew Watts interpretierte den Fürsten Go-Go mit einer süffig biegsamen Counter-Stimme, die ihn als geschäftsüberdrüssigen Esoteriker erscheinen ließ. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gestaltete die Figur des Dauersäufers Piet vom Fass als ein Urbild fröhlich schmuddeliger Verwahrlosung. Leigh Melrose übernahm die Rolle des Möchtegern-Todesengels Nekrotzar, wobei er die tückisch-hinterhältigen und vokal schleimigen Züge der Figur betonte. Das Liebespaar, bestehend aus Elisabeth Freyhoff und Jingjing Xu, setzte einen ironischen Kontrapunkt zum allgemeinen Weltuntergangsszenario. Die Aufführung fand am 30. August 2026 statt, kurz nach einer Rede von Meron Mendel zum 75. Jubiläum des Musikfestes, die den Rahmen für die thematische Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Gegenwart bildete.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die Wahl von „Le Grand Macabre“ als Eröffnungsstück ist tief in der Intention verwurzelt, die fruchtlose Zirkularität gesellschaftlicher Prozesse abzubilden. György Ligeti registrierte die Katastrophen der Menschheit – seien sie natürlich oder selbst verschuldet – mit einer sarkastischen Skepsis, ohne dabei jedoch in Verbitterung zu verfallen. Diese Haltung ermöglichte erst die Entstehung eines Werkes, das die menschliche Tendenz zur Wiederholung von Fehlern, Intrigen und Eigennutz thematisiert. Seit der Uraufführung im Jahr 1978 hat das Stück eine bemerkenswerte Aktualität bewahrt. Die in der Oper dargestellten Apokalypsen-Beschwörungen und die interne Aufteilung von Pfründen spiegeln laut den Berichten oft reale politische Dynamiken wider. Die Inszenierung in Berlin profitierte von der bereits gewonnenen Ensembleharmonie, die während der Proben und Aufführungen in Helsinki entstanden war. Dass das Stück nun in Berlin aufgeführt wurde, ist auch eine Reaktion auf die allgegenwärtige Ausmagerung von Kulturbudgets, die eine kluge Kooperation zwischen den Festivals erforderlich machte. Die Einbettung in das 75. Jubiläum des Musikfestes verlieh der Aufführung zusätzliche Resonanz, da sie an die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Festivals anknüpfte.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum der Produktion standen das Finnish Radio Symphony Orchestra, der Helsinki Chamber Choir und die Berliner Vokalhelden, die unter der Leitung von Nicholas Collon agierten. Die künstlerische Vision wurde maßgeblich durch den Regisseur Frederic Wake-Walker und die Kostümbildnerin Sasha Balmazi-Owen geprägt. Die solistische Besetzung umfasste international renommierte Künstler wie Sarah Aristidou, Andrew Watts, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Leigh Melrose, Karl Huml, Heidi Melton, Elisabeth Freyhoff und Jingjing Xu. Eine zentrale Rolle für den intellektuellen Kontext spielte Meron Mendel, dessen Rede zum 75. Jubiläum des Musikfestes die inhaltliche Brücke zwischen den historischen Lasten der Nachkriegszeit und der aktuellen politischen Situation schlug. Die Berliner Festspiele fungierten als Veranstalter des Musikfestes, wobei die Zusammenarbeit mit dem Helsinki Festival als ein wesentlicher Faktor für das Zustandekommen der Produktion hervorgehoben wurde. Die institutionelle Entscheidung, diese Produktion nach Berlin zu holen, spiegelt den Wunsch wider, trotz finanzieller Einschränkungen ein hochkarätiges und inhaltlich relevantes Programm zu bieten.

Einordnung – Was das bedeutet

Den Berichten zufolge ist die Aufführung als ein zeitgeschichtlich-ästhetisches Statement zu verstehen. Die Inszenierung nutzt die Vulgärdrastik des Librettos als Schutzwall gegen eine sanft säuselnde Vereinnahmung durch sogenannte Gutmenschen. Einzuordnen ist das so: Das Stück dient als Spiegel der menschlichen Eitelkeit und der politischen Machtspiele, die über Jahrzehnte hinweg in Berlin und anderen Orten zu beobachten sind. Die Parallelen zwischen dem fiktiven Breughelland der Oper und der realen Berliner Kulturszene werden dabei bewusst gezogen. Die Aufführung wird als eine ironische Utopie interpretiert, in der das Liebespaar den angekündigten Weltuntergang ignoriert und damit eine Form des Widerstands leistet. Die Entscheidung, den Tod als letzte Wahrheit in Frage zu stellen, unterstreicht die skeptische Grundhaltung des Werkes. Die künstlerische Qualität der Produktion, insbesondere die rhythmische Präzision und die sinnliche Freude der Ensembles, wird als ein Zeichen dafür gewertet, dass auch in Zeiten knapper Ressourcen eine hohe künstlerische Intensität möglich ist, sofern die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen strategisch klug gestaltet wird.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Obwohl der Quelltext die künstlerische Qualität und die politische Einordnung der Aufführung detailliert beschreibt, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So wird nicht explizit dargelegt, wie die langfristige Finanzierung des Musikfestes Berlin in den kommenden Jahren gesichert werden soll, auch wenn die Kooperation mit Helsinki als ökonomisch vernünftig gelobt wird. Ebenso fehlen konkrete Angaben zu den Zuschauerreaktionen oder den Kritiken der breiten Öffentlichkeit, da der Text sich primär auf die künstlerische Analyse konzentriert. Auch die genauen Details der vertraglichen Vereinbarungen zwischen dem Helsinki Festival und den Berliner Festspielen hinsichtlich der Übernahme der Produktion werden nicht spezifiziert. Es bleibt zudem offen, inwiefern die gewählte englische Sprache der Aufführung die Rezeption durch das Berliner Publikum beeinflusst hat, da dies im Text nicht thematisiert wird. Auch eine detaillierte Aufschlüsselung des Budgets oder der spezifischen Einsparungen durch die Kooperation wird nicht geliefert. Schließlich wird nicht geklärt, ob weitere Produktionen in ähnlicher Weise zwischen den beiden Festivals ausgetauscht werden sollen oder ob es sich um eine einmalige Kooperation handelte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/altes-museum-in-berlin-in-der-abenddammerung-35016866/ · Foto: Zeynep Erten
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/drastisch-ligetis-le-grand-macabre-eroeffnet-musikfest-berlin-accg-201172058.html