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Krisenvorsorge Prepping: Der brave Bürger baut sich einen Bunker
Kultur · 01.08.2026 17:41

Krisenvorsorge Prepping: Der brave Bürger baut sich einen Bunker

Kurz: Vom Kellerbunker zum Mainstream: Der Kulturwissenschaftler Julian Kaspar Genner beleuchtet, warum Krisenvorsorge heute ein Phänomen der bürgerlichen Mitte ist.

Wenn die Vorsorge zum Lebensentwurf wird

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt eine klare Empfehlung: Jeder Haushalt sollte für den Notfall – etwa bei Naturkatastrophen oder einem Blackout – für drei bis zehn Tage autark sein. Doch was als pragmatische Empfehlung für den Ernstfall gedacht ist, hat sich in Teilen der Gesellschaft zu einem weitaus umfangreicheren Projekt entwickelt. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Julian Kaspar Genner hat sich in seinem Buch „Im Prepperkeller“ intensiv mit dem Phänomen auseinandergesetzt, das weit über den Vorrat an Raviolidosen hinausgeht.

Jenseits der behördlichen Empfehlungen

Die von Genner untersuchten Prepper orientieren sich oft an einem Zeitraum von drei Monaten. In den Kellern und Bunkern finden sich dabei nicht nur die vom BBK empfohlenen Wasserkanistern, Medikamente oder Kurbelradios. Zum Standardrepertoire gehören häufig auch Fluchtrucksäcke, inselfähige Solaranlagen, Satellitentelefone und eine breite Palette an Ausrüstung zur Selbstverteidigung – von der Armbrust bis zur Schusswaffe. Auch Tauschwaren wie Zigaretten oder Alkohol werden gezielt gehortet, um für einen „Tag X“ gewappnet zu sein.

Ein Phänomen der Mitte

Entgegen dem Klischee des isolierten Einzelgängers zeigt Genners Forschung, dass Prepper in der Mehrheit mitten im Leben stehen. Es sind Familienväter mit Festanstellung, Eigenheim und einem geregelten Alltag. Der Autor argumentiert, dass das Preppen ein genuiner Ausdruck bürgerlicher Lebensentwürfe ist. Hierbei werden Werte wie Autonomie, Privateigentum und Individualismus ins Extreme gesteigert. Status- und Abstiegsängste der Mittelschicht spiegeln sich in der akribischen Vorbereitung wider.

Individualismus statt Solidarität

Ein zentraler Punkt in Genners Analyse ist die Abgrenzung zur staatlichen Katastrophenvorsorge. Während staatliche Empfehlungen auf dem Prinzip der Solidarität basieren – wer vorsorgt, entlastet im Krisenfall die Einsatzkräfte –, folgt das Preppertum einer individualistischen Logik. Die Gesellschaft wird hierbei als potenziell bedrohlich wahrgenommen, vor der sich der Einzelne abschotten muss. Dies geht bis hin zu einer „Misstrauensspirale“, bei der sich der Prepper in einem Labyrinth aus Sicherheitsbedürfnissen verliert, ähnlich wie das Dachswesen in Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“.

Zwischen Härte und politischer Einordnung

Die Szene ist jedoch vielgestaltig. Genner selbst räumt ein, dass er bei seinen Recherchen auf ein breites Spektrum an Menschen getroffen ist – von politisch Desinteressierten bis hin zu extremen politischen Positionen. Kritiker werfen dem Autor jedoch vor, diese Vielfalt zu ignorieren und eine pauschale Verbindung zwischen der bürgerlichen Mitte und rechtsextremen Tendenzen zu ziehen. Die im Buch vorgenommene Einordnung der historischen Wurzeln, die den Fokus stark auf libertäre und fundamentalistische Strömungen legt, vernachlässigt zudem alternative Traditionen der Selbstversorgung, wie sie etwa in der ökologischen Bewegung oder durch Henry David Thoreaus „Walden“ geprägt wurden.

Die Rolle der Medien und der Gesellschaft

Die Popularität des Preppens wird durch die aktuelle ökonomische und politische Lage befeuert. Reality-TV-Formate und spezialisierte Onlineshops haben das Thema in den Mainstream getragen. Während das BBK die Resilienz der Gesellschaft stärken will, sieht Genner in der aktuellen Entwicklung ein Symptom für eine zunehmende Entsolidarisierung. Ob die private Vorsorge tatsächlich zwangsläufig in eine politische Radikalisierung führt, bleibt in der Debatte umstritten. Die Forschung zeigt jedoch eindrücklich, wie stark das Gefühl der gesellschaftlichen Verunsicherung die privaten Rückzugsorte der Bürger beeinflusst.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/tanzen-gruppe-auffuhrung-auftritt-10275130/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/julian-kaspar-genner-ueber-prepper-krisenvorsorge-erobert-die-mittelschicht-200935922.html