News aus aller Welt
Start
Kinder von Zwangsarbeitern: Sie waren verborgen, jetzt sind sie sichtbar
Technik · 24.07.2026 19:34

Kinder von Zwangsarbeitern: Sie waren verborgen, jetzt sind sie sichtbar

Kurz: Eine Wanderausstellung beleuchtet das Schicksal von Kindern, die aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Staat hervorgingen.

Ein Kapitel der Geschichte tritt aus dem Schatten

Lange Zeit waren sie ein gesellschaftliches Tabu, ihre Existenz wurde verschwiegen oder gar aktiv unterdrückt: Kinder, die während des Nationalsozialismus aus Beziehungen zwischen deutschen Frauen und ausländischen Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen entstanden. Ein neues Forschungs- und Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Trotzdem da!“ bricht nun dieses Schweigen. Die Wanderausstellung, die derzeit in den Frankfurter Adlerwerken gastiert, widmet sich den Biografien dieser Menschen und gibt ihnen einen Platz im öffentlichen Bewusstsein.

Verbotene Liebe im NS-Staat

Das NS-Regime setzte während des Zweiten Weltkriegs etwa dreizehn bis zwanzig Millionen Menschen als Zwangsarbeiter in der deutschen Industrie, im Handwerk und in der Landwirtschaft ein. Trotz einer ideologisch begründeten strikten Rassentrennung und der massiven Kriminalisierung jeglicher Kontakte zwischen den Zwangsarbeitern und der deutschen Bevölkerung ließen sich zwischenmenschliche Beziehungen nicht vollständig unterbinden. Besonders in ländlichen Regionen, wo Arbeitskräfte direkt in den Familien lebten, entwickelten sich über die tägliche Arbeit hinaus freundschaftliche oder romantische Bande.

Das Regime reagierte auf solche Verbindungen mit äußerster Härte. Schwangerschaften bei deutschen Frauen wurden als „Sabotage im Arbeitseinsatz“ gewertet. Die Konsequenzen waren verheerend: Abtreibungen wurden erzwungen, Kinder zwangsadoptiert oder in sogenannte „Ausländerkinder-Pflegestätten“ verschleppt. In diesen Einrichtungen war die Sterblichkeitsrate aufgrund gezielter Vernachlässigung extrem hoch. Wer gegen die Kontaktverbote verstieß, riskierte Zuchthausstrafen oder gar die Todesstrafe.

Die Last des Verschweigens

Die Ausgrenzung der betroffenen Kinder endete nicht mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Viele der im Projekt dokumentierten Lebenswege zeigen, dass die Stigmatisierung in der Nachkriegszeit fortbestand. Betroffene wuchsen oft bei Adoptiveltern auf, die ihre Herkunft verschwiegen oder weitere Nachforschungen untersagten.

Ein Beispiel ist Anton Model, der erst als Zwölfjähriger durch Zufall in einem Nachttisch Dokumente über seine Adoption fand. Seine leibliche Mutter war eine ukrainische Zwangsarbeiterin, die nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehrte. Sein Vater, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, lebte nach der Kriegsgefangenschaft in der Nähe, nahm jedoch nie Kontakt zu seinem Sohn auf. Erst 1984 erkannte er die Vaterschaft an; Model konnte seine Mutter erst Jahrzehnte später in der Ukraine ausfindig machen.

Ein wissenschaftlicher und menschlicher Aufarbeitungsprozess

Das Projekt „Trotzdem da!“, das von der Gedenkstätte Lager Sandbostel initiiert wurde, leistet Pionierarbeit. Erstmals wurden Biografien dieser Kinder systematisch erforscht. Die Kuratoren um Lucy Debus haben eine Ausstellung geschaffen, die den Porträtierten eine Stimme gibt. Großformatige Stelen und QR-Codes mit Videointerviews machen die Schicksale der heute hochbetagten Menschen unmittelbar erfahrbar.

Für Teilnehmer wie Detlef Klingenhäger, dessen Vater ein polnischer Zwangsarbeiter war, bedeutet das Projekt weit mehr als eine historische Dokumentation. Der Austausch mit anderen Betroffenen und die Unterstützung des Forschungsteams bei der Suche nach Verwandten im Ausland helfen dabei, die Lücken in der eigenen Lebensgeschichte zu schließen – auch wenn manche Fragen, etwa nach dem Verbleib der Väter, für immer unbeantwortet bleiben werden.

Die Leerstelle des Unbekannten

Wie viele Kinder aus diesen verbotenen Beziehungen tatsächlich hervorgegangen sind, lässt sich historisch nicht exakt beziffern. Die Ausstellung verdeutlicht diese Unwissenheit durch einen leeren Stuhl, der als Symbol für das „unbekannte Kind“ dient. Er steht stellvertretend für all jene, deren Herkunft aufgrund von Scham oder staatlicher Zerstörung von Dokumenten für immer im Verborgenen bleiben wird.

Die Ausstellung „Trotzdem da!“ ist ein wichtiger Schritt, um ein bisher vernachlässigtes Kapitel der NS-Aufarbeitung in den Fokus zu rücken. Sie ist noch bis zum 16. August in den Frankfurter Adlerwerken zu sehen und wird bis zum Jahr 2028 in weiteren Städten präsentiert. Ein begleitender Katalog dokumentiert die Forschungsergebnisse und die berührenden Zeugnisse der Zeitzeugen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-weissen-langarmhemd-das-auf-schwarzem-sofa-sitzt-6437620/ · Foto: Marta Wave
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/eine-ausstellung-zu-kindern-von-zwangsarbeitern-201045378.html