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TanZ IN hELLERAU: Der Kontrakt der Tänzerin
Kultur · 04.11.2026 19:11

TanZ IN hELLERAU: Der Kontrakt der Tänzerin

Kurz: Katja Erfurth widmet ihr neues Tanzstück „Partitur des Körpers“ im Festspielhaus Hellerau der israelischen Choreographin Noa Eshkol und verbindet Tanz mit Gesch

Was geschehen ist: Die Partitur des Körpers in Hellerau

Im renommierten Festspielhaus Hellerau hat die Tänzerin und Choreographin Katja Erfurth ihr neuestes Werk mit dem Titel „Partitur des Körpers“ zur Aufführung gebracht. Das Stück ist in drei Akte gegliedert und stellt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe der israelischen Choreographin Noa Eshkol dar. Die Inszenierung beginnt mit einem Solo von Erfurth, führt über ein Ensemble-Stück für drei Tänzerinnen und schließt mit einer stillen, bildnerischen Performance ab, bei der ein schwebendes Textilobjekt im Zentrum steht. Musikalisch begleitet wird der Abend durch den Violinisten Florian Mayer, der während zweier Akte live auf der Bühne agiert. Die Darbietung findet in einem historischen Kontext statt, der die Verbindung zwischen deutschem Ausdruckstanz und israelischer Moderne beleuchtet. Erfurth nutzt dabei die architektonischen Gegebenheiten des Festspielhauses, um Raum und Zeit in eine choreographische Beziehung zu setzen, die weit über eine bloße tänzerische Darbietung hinausgeht und den Körper als ein komplexes Instrument begreift.

Die Einzelheiten: Akte, Akteure und künstlerische Mittel

Die Struktur des Abends ist präzise durchkomponiert. Im ersten Akt tanzt Katja Erfurth ein Solo, begleitet von einer Violin-Sonate von Paul Ben-Haim, die ursprünglich für Yehudi Menuhin komponiert wurde. Der Mittelteil wird von einem Trio bestritten, bestehend aus den Tänzerinnen Amit Abend, Seraphine Detscher und Helena Fernandino. Sie agieren in schwarzer Kleidung und nutzen den Raum durch geometrische Formationen und dynamische Bewegungsabläufe. Der dritte Teil ist der bildenden Kunst gewidmet: Hier agieren Erfurth und die Künstlerin Sabine Köhler gemeinsam, um ein gazehaftes, schwebendes Textilobjekt an roten Seilen zu lenken. Dieses Objekt, das an Meereswesen oder Zelte erinnert, symbolisiert eine späte Schaffensphase Eshkols, in der sie sich von der Choreographie abwandte und großformatige Textilcollagen schuf. Die Musik für das Trio stammt von Helmut Oehring und wird eingespielt, wobei der Geiger Florian Mayer durch Live-Interventionen eine Brücke zwischen den musikalischen Ebenen schlägt. Alle Beteiligten agieren barfuß, was die Erdung und den Fokus auf die physische Präsenz unterstreicht.

Hintergrund: Von Dresden nach Tel Aviv

Die historische Verwurzelung des Stücks ist bemerkenswert. Noa Eshkol, geboren 1924 im Kibbuz Degania B, entwickelte gemeinsam mit dem Architekten Avraham Wachman die sogenannte Eshkol-Wachman-Movement-Notation. Diese Methode betrachtet den Körper als ein „Bewegungsorchester“, in dem Körperteile wie Instrumente nach festen Regeln agieren. Die Verbindung zu Deutschland ist biographisch: Die Tänzerin Tile Rössler, ausgebildet an der Palucca-Schule in Dresden, wanderte 1933 nach Tel Aviv aus und wurde dort zur Lehrerin von Noa Eshkol. Auch der Komponist Paul Ben-Haim, dessen Musik den Abend prägt, floh 1933 aus Deutschland nach Palästina. Katja Erfurth, selbst an der Palucca-Schule ausgebildet, pflegt durch ihre Arbeit an der Wigman-Villa eine konservatorische Auseinandersetzung mit dem deutschen Ausdruckstanz. Das Stück „Partitur des Körpers“ ist Teil des sächsischen Themenjahres „Tacheles – Jüdisches Leben in Kunst und Kultur“, das die historischen Verflechtungen zwischen den beiden Kulturen in den Fokus rückt.

Die Beteiligten: Institutionen und Akteure

Neben der Hauptakteurin Katja Erfurth sind die Tänzerinnen Amit Abend, Seraphine Detscher und Helena Fernandino maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. Die Künstlerin Sabine Köhler fungiert als Partnerin im dritten Akt, während der Musiker Florian Mayer die akustische Ebene maßgeblich mitgestaltet. Die theoretische Grundlage bildet das Werk von Noa Eshkol und Avraham Wachman. Institutionell ist das Festspielhaus Hellerau der zentrale Ort des Geschehens, ein Gebäude, das als Symbol für die Theaterrevolution der Moderne gilt. Das Projekt ist zudem eingebettet in das sächsische Landesprogramm „Tacheles“, welches im Dezember endet. Die historische Linie der Ausbildung führt direkt von der Wigman-Schule über Gret Palucca und Tile Rössler bis hin zu Eshkol, was Erfurth als eine Art künstlerische Ahnenreihe begreift. Die Einbeziehung von Kompositionen von Paul Ben-Haim und Helmut Oehring unterstreicht die interdisziplinäre Ausrichtung des Projekts.

Einordnung: Eine Reflexion über Zeit und Raum

Den Berichten zufolge ist die Aufführung als eine tiefgreifende historische und ästhetische Reflexion zu verstehen. Einzuordnen ist das Stück als ein Versuch, verloren geglaubte Fäden der Tanzgeschichte wieder aufzunehmen und in die Gegenwart zu überführen. Die Arbeit mit der Eshkol-Wachman-Notation verleiht dem Tanz eine intellektuelle Strenge, die jedoch durch die physische Ausführung eine hohe Sinnfälligkeit erhält. Die Entscheidung, den dritten Akt der stillen Kunst der Textilcollagen zu widmen, wird als eine Hommage an Eshkols radikale Entscheidung interpretiert, während des Jom-Kippur-Krieges 1973 das Tanzen einzustellen. Erfurths Ansatz, den Raum des Festspielhauses – mit seinen Galerien und der vertikalen Dimension – aktiv in die Choreographie einzubeziehen, unterstreicht den architektonischen Charakter ihrer Bewegungssprache. Die Kombination aus historisch informierter Forschung und zeitgenössischer Performance macht das Stück zu einem Bindeglied zwischen der Ära des deutschen Ausdruckstanzes und der israelischen Moderne.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte der Produktion offen. So wird nicht detailliert erläutert, wie genau die Eshkol-Wachman-Movement-Notation in den konkreten Bewegungsabläufen der Tänzerinnen angewendet wurde oder ob es sich eher um eine konzeptionelle Inspiration handelt. Auch die genaue Auswahl der über tausend von Eshkol gefertigten Wandteppiche für die Inspiration des dritten Aktes wird nicht spezifiziert. Zudem bleibt unklar, inwieweit die Einspielung der Musik von Helmut Oehring für das Trio eine direkte Reaktion auf die Bewegungen der Tänzerinnen ist oder ob diese als eigenständige, vorab produzierte Ebene fungiert. Die genaue Dauer des gesamten Stücks sowie die Häufigkeit der geplanten Aufführungen im Rahmen des Programms „Tacheles“ werden im Text nicht explizit genannt. Auch die spezifische Bedeutung der „roten Leinen“, an denen das Textilobjekt geführt wird, wird zwar als visuelles Element beschrieben, jedoch nicht in ihrer symbolischen Tiefe weiter ausgeführt.

Wie es weitergeht: Ein Ausblick

Das Tanzstück „Partitur des Körpers“ ist ein zentraler Bestandteil des sächsischen Themenjahres „Tacheles – Jüdisches Leben in Kunst und Kultur“. Da dieses Programm im Dezember endet, ist davon auszugehen, dass die Aufführungen in diesem Kontext zeitlich begrenzt sind. Weitere Termine oder eine mögliche Tournee des Stücks werden im Quelltext nicht erwähnt. Die künstlerische Arbeit von Katja Erfurth, insbesondere ihre konservatorische Tätigkeit an der Wigman-Villa, lässt jedoch darauf schließen, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte des expressionistischen Tanzes auch über das aktuelle Projekt hinaus ein zentraler Bestandteil ihres Schaffens bleiben wird. Die historische Aufarbeitung, die durch die Ausstellung im Berliner Georg-Kolbe-Museum im Jahr 2024 bereits angestoßen wurde, findet mit diesem Tanzabend in Hellerau eine lebendige Fortsetzung, die den Fokus auf die wechselseitige Beeinflussung von deutscher und israelischer Tanzgeschichte legt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-tanzen-auffuhrung-auftritt-10274701/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/tanz/katja-erfurths-partitur-des-koerpers-in-hellerau-201647412.html