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Islamistischer Terror: Die losen Enden der Radikalisierung
Kultur · 30.07.2026 16:30

Islamistischer Terror: Die losen Enden der Radikalisierung

Kurz: Das BKA nutzt das Instrument RADAR-iTE zur Risikobewertung von Gefährdern. Doch wie verlässlich sind Täterprofile bei der Vorhersage islamistischer Radikalisier

Die Grenzen der Vorhersehbarkeit bei islamistischer Radikalisierung

Die Bekämpfung des islamistischen Terrors stellt Sicherheitsbehörden weltweit vor eine komplexe Herausforderung: Wie lässt sich das Risiko, das von sogenannten Gefährdern ausgeht, präzise einschätzen? Das Bundeskriminalamt (BKA) setzt hierbei seit 2017 auf das Risikobewertungsinstrument RADAR-iTE. Die Anwendung dieses Systems verdeutlicht jedoch, dass eine eindeutige Bestimmung der Ursachen für Radikalisierung kaum möglich ist. Politische oder therapeutische Patentlösungen, die den Prozess der Radikalisierung auf einfache Faktoren wie mangelnde soziale Integration reduzieren, greifen nach Einschätzung des BKA zu kurz.

RADAR-iTE: Struktur statt Kausalität

Das gemeinsam mit der Universität Konstanz entwickelte Instrument RADAR-iTE dient primär dazu, biographische Verläufe von Personen aus dem militant-salafistischen Spektrum systematisch zu erfassen. Durch standardisierte Fragen und Kategorien unterstützt das System die Polizei dabei, Informationen zu strukturieren und den Ressourceneinsatz durch eine Priorisierung der Fälle effizienter zu gestalten.

Das BKA betont jedoch ausdrücklich die erkenntnistheoretischen Grenzen dieses Verfahrens. Die erhobenen Daten erlauben lediglich die Identifikation von Risiko- und Schutzmerkmalen. Sie liefern jedoch keine Informationen darüber, welche tatsächliche Relevanz diese Merkmale im individuellen Fall besitzen oder wie sie miteinander interagieren. Eine mathematische Ausrechenbarkeit des menschlichen Verhaltens ist mit diesem Instrument nicht zu erreichen.

Die Illusion der psychischen Kompaktheit

Ein zentraler Punkt der Debatte ist die Annahme, dass menschliches Handeln einer logischen Kette von Ursache und Wirkung folgt. Oft wird unterstellt, die Psyche eines Gefährders sei ein in sich geschlossenes System, in dem jeder Schritt zwingend aus dem vorherigen resultiert. Das BKA warnt jedoch davor, sich von Risikobewertungsinstrumenten zu viel zu versprechen. Die Vorstellung, man könne durch eine Analyse von Merkmalen die „losen Enden“ der Radikalisierung zu einem festen Knoten verknüpfen, ignoriert die Komplexität und Unvorhersehbarkeit psychischer Prozesse.

Die psychologische Forschung, von Carl Gustav Carus bis Sigmund Freud, hat bereits früh darauf hingewiesen, dass weite Teile des menschlichen Handelns durch unbewusste Suggestionen und nicht vollständig transparente Prozesse gesteuert werden. Täterprofile können daher niemals als deterministische Vorhersagemodelle gelesen werden.

Sicherheit als Handeln unter Unsicherheit

Trotz dieser erkenntnistheoretischen Vorbehalte bleibt der öffentliche und politische Druck hoch. Forderungen nach verschärften Maßnahmen wie der elektronischen Fußfessel, präventiven Haftmöglichkeiten oder einer intensiveren Überwachung von Gefährdern sind direkte Reaktionen auf die Bedrohungslage.

Die Herausforderung für den Rechtsstaat besteht darin, dass Sicherheitspolitik immer in einem Zustand der Unsicherheit operieren muss. Die Unmöglichkeit, in die Köpfe potenzieller Täter zu blicken, entbindet die Politik nicht von der Pflicht, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Dennoch bleibt die Erkenntnis bestehen, dass eine absolute Sicherheit, die auf der perfekten Vorhersage individueller Radikalisierung basiert, eine Illusion bleibt. Das Handeln der Sicherheitsbehörden ist somit ein fortwährender Prozess, bei dem Fährten verfolgt, bestätigt oder verworfen werden müssen, ohne jemals eine vollständige Gewissheit über die zugrunde liegenden Intentionen der Akteure zu erlangen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-stehen-kleid-religion-20785238/ · Foto: Zeynep Sude Emek
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/bka-und-radikalisierung-gefaehrder-im-fokus-der-risikoanalyse-201078026.html