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Technik · 23.09.2026 18:56

KI: SAP-Entwickler sollen vor Ort bei Bayer und H&M Probleme lösen

Kurz: SAP entsendet spezialisierte Entwicklerteams direkt zu Großkunden wie Bayer und H&M, um maßgeschneiderte KI-Agenten für komplexe Geschäftsprozesse zu entwickeln

Was geschehen ist: SAP setzt auf Vor-Ort-Entwicklung für KI-Lösungen

Der Softwarekonzern SAP hat eine neue Strategie zur Beschleunigung seiner KI-Entwicklung eingeschlagen. Um praxistaugliche Funktionen für Künstliche Intelligenz schneller auf den Markt zu bringen, schickt das Unternehmen spezialisierte Entwicklerteams direkt zu seinen Großkunden. Diese sogenannten „Forward Deployed Engineers“ arbeiten in kleinen Gruppen vor Ort bei Unternehmen wie dem Pharma- und Agrarkonzern Bayer oder dem schwedischen Modehändler H&M. Ziel dieser Maßnahme ist es, gemeinsam mit den Kunden reale Probleme zu identifizieren und innerhalb kurzer Zeit maßgeschneiderte KI-Agenten zu entwickeln. Diese Agenten sollen nicht nur mit den spezifischen Daten der jeweiligen Firmen arbeiten, sondern auch nahtlos in deren bestehende IT-Infrastrukturen eingebettet werden. Die Initiative unterstreicht den wachsenden Druck auf SAP, im Bereich der KI-Agenten zügig Ergebnisse zu liefern, um gegenüber der Konkurrenz nicht ins Hintertreffen zu geraten. Die Zusammenarbeit ist als Co-Innovations-Projekt angelegt, bei dem das tiefgreifende Branchen- und Prozesswissen der Kunden eine zentrale Rolle spielt, während SAP die technische Umsetzung und Skalierung übernimmt.

Die Einzelheiten: Teams, Zeitrahmen und konkrete Anwendungsbeispiele

Die Entwicklerteams, die SAP zu seinen Kunden entsendet, bestehen in der Regel aus drei bis zehn hochqualifizierten Programmierern, die teilweise durch externe Berater unterstützt werden. Laut Berichten, die SAP-Sprecher Björn Emde teilweise bestätigt hat, sind diese Einsätze auf mehrere Monate angelegt. Innerhalb eines Zeitfensters von sechs bis neun Wochen entwickeln die Teams erste einsatzfähige KI-Agenten. Ein konkretes Beispiel für diese Arbeit findet sich bei Bayer: Ein vierköpfiges SAP-Team entwickelte dort ein KI-Werkzeug, das den Prozess der Rechnungsmahnung optimiert. Das System fordert ausstehende Zahlungen, etwa von Landwirten in Lateinamerika, automatisiert und deutlich effizienter ein als bisherige manuelle Prozesse. Ein weiteres Beispiel ist H&M, wo die Entwickler an Systemen für die Retourenabwicklung arbeiten. Diese KI soll in Echtzeit berechnen, ob ein passendes Ersatzkleidungsstück in einer spezifischen Filiale vorrätig ist, bevor ein Umtausch eingeleitet wird. Weitere Unternehmen, bei denen diese Teams zum Einsatz kommen, sind laut Berichten der Automobilhersteller Toyota und der Technologiekonzern Bosch. Wichtig ist dabei die vertragliche Regelung: Die Ergebnisse dieser Entwicklungen gehören vollständig SAP, was dem Konzern erlaubt, die gewonnenen Erkenntnisse in seine Standardprodukte zu integrieren.

Hintergrund: Strategischer Wandel durch Co-Innovation

Die Entscheidung, Entwickler direkt in die Betriebsumgebungen der Kunden zu entsetzen, ist eine direkte Reaktion auf die Notwendigkeit, branchenspezifische Aufgaben zu lösen, für die es keine fertigen Standardlösungen gibt. SAP verfolgt damit den Ansatz der Co-Innovation. Die Nähe zum Kunden soll sicherstellen, dass die entwickelten KI-Funktionen den tatsächlichen Anforderungen der Nutzer entsprechen. Laut Björn Emde ist das Branchen-Know-how der Kunden essenziell, um die KI-Agenten so zu trainieren, dass sie Geschäftsprozesse effektiv automatisieren können. Sobald eine Lösung in einem Pilotprojekt bei einem Kunden erfolgreich validiert wurde, plant SAP, diese in seine Standardprodukte zu integrieren. Auf diese Weise sollen aus individuellen Lösungen skalierbare Angebote werden, die für eine breitere Kundenbasis verfügbar sind. Dieser Ansatz soll den Übergang von einer reinen Software-Plattform hin zu einem intelligenten System beschleunigen, das autonom agierende KI-Agenten in den Mittelpunkt stellt. Die Strategie ist ein Versuch, die Lücke zwischen theoretischer KI-Entwicklung und der harten Realität komplexer industrieller Geschäftsprozesse zu schließen.

Die Beteiligten: Akteure und strategische Partner

Im Zentrum dieser Strategie steht SAP-CEO Christian Klein, der den Konzern durch die KI-Transformation führen muss. Auf operativer Ebene kommuniziert SAP-Sprecher Björn Emde die Strategie und bestätigt die Ausrichtung des Unternehmens. Zu den prominenten Kunden, die als Partner in diesen Co-Innovations-Projekten fungieren, zählen Bayer, H&M, Toyota und Bosch. Diese Unternehmen liefern nicht nur die notwendigen Daten und die Infrastruktur für die Tests, sondern bringen auch ihr spezifisches Fachwissen ein, das SAP für die Entwicklung der KI-Agenten benötigt. Auf der anderen Seite stehen die Entwicklerteams, die als Forward Deployed Engineers agieren. Sie sind das Bindeglied zwischen den technologischen Möglichkeiten von SAP und den praktischen Anforderungen der Industrie. Die Zusammenarbeit ist eng getaktet und erfordert eine hohe Abstimmung zwischen den SAP-Teams und den IT-Abteilungen der jeweiligen Kunden, um sicherzustellen, dass die KI-Agenten nicht nur funktionieren, sondern auch die Compliance- und Sicherheitsvorgaben der Großkonzerne erfüllen.

Einordnung: Der Kampf um die Relevanz im ERP-Markt

Einzuordnen ist das Vorgehen von SAP als eine defensive und zugleich offensive Reaktion auf einen massiven Wandel im Softwaremarkt. SAP steht unter erheblichem Druck, da verschiedene Wettbewerber versuchen, das Geschäftsmodell des klassischen ERP-Anbieters durch KI-Agenten anzugreifen. Die Gefahr für SAP besteht darin, zu einer bloßen, austauschbaren Datenbasis – einer sogenannten Commodity – zu degradieren, während die wertschöpfenden intelligenten Prozesse und die direkte Benutzerinteraktion von den KI-Agenten der Konkurrenz übernommen werden. Zu den Wettbewerbern, die diesen Druck erhöhen, gehören Salesforce mit seiner Plattform Agentforce, Microsoft und Servicenow. Zudem drängen Datenspezialisten wie Palantir und aufstrebende Automatisierungs-Start-ups wie N8n in diesen Markt. Diese Unternehmen setzen darauf, Geschäftsprozesse vollständig durch autonome KI-Agenten zu automatisieren. SAP muss daher beweisen, dass seine Plattform nicht nur Daten speichert, sondern durch die Integration von KI-Agenten selbst zum intelligenten Akteur wird, der die Wertschöpfungskette seiner Kunden aktiv steuert und optimiert.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Obwohl SAP die Strategie der Forward Deployed Engineers und einige Anwendungsbeispiele erläutert hat, bleiben zahlreiche Details im Unklaren. Der Quelltext nennt beispielsweise keine konkreten Funktionen der geplanten KI-Agenten, die über die genannten Beispiele (Rechnungsmahnung, Retourenabwicklung) hinausgehen. Es bleibt offen, wie genau die Preisgestaltung für diese maßgeschneiderten KI-Lösungen aussieht und ob die Kunden für die exklusive Co-Innovation bezahlen oder ob SAP die Kosten als Investition in die eigene Produktentwicklung betrachtet. Zudem wird nicht explizit ausgeführt, wie SAP mit den sensiblen Daten der Kunden umgeht, wenn diese für das Training der KI-Agenten genutzt werden, und welche spezifischen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, um diese Daten vor dem Zugriff durch Dritte zu schützen. Auch die genaue Anzahl der aktuell laufenden Projekte oder die langfristige Kapazitätsplanung für diese spezialisierten Entwicklerteams wird nicht genannt. Es bleibt somit unklar, wie viele Kunden SAP mit diesem Modell tatsächlich erreichen kann und ob dieser ressourcenintensive Ansatz für eine breite Masse an Unternehmen skalierbar ist.

Wie es weitergeht: Ausblick auf die KI-Roadmap

SAP hat klare Ziele für die nahe Zukunft formuliert. Bis zum Jahresende plant das Unternehmen, mehr als 50 sogenannte „Joule Assistants“ bereitzustellen. Diese sollen auf ein Netzwerk von über 200 spezialisierten KI-Agenten zugreifen können, um Geschäftsprozesse über verschiedene Funktionsgrenzen hinweg zu automatisieren. Die Arbeit der Forward Deployed Engineers vor Ort bei den Kunden dient dabei als Innovationsmotor, um diese Agenten kontinuierlich zu verfeinern und neue Anwendungsfälle zu erschließen. Die Ergebnisse dieser Projekte werden fortlaufend in die Standardprodukte von SAP integriert, um die KI-Funktionen für die gesamte Kundenbasis verfügbar zu machen. Der Erfolg dieser Strategie wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell SAP in der Lage ist, die individuellen Kundenlösungen in standardisierte, skalierbare Angebote zu überführen, ohne dabei die spezifische Leistungsfähigkeit zu verlieren, die durch die enge Zusammenarbeit vor Ort erreicht wurde. Die kommenden Monate werden zeigen, ob SAP mit diesem Ansatz seine Marktposition gegen die aufstrebende Konkurrenz behaupten kann.

Quelle: https://www.golem.de/news/ki-sap-entwickler-sollen-vor-ort-bei-bayer-und-h-m-probleme-loesen-2609-213373.html