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Gabriela Adameșteanu: So sieht eine große europäische Erzählerin aus
Kultur · 06.08.2026 08:55

Gabriela Adameșteanu: So sieht eine große europäische Erzählerin aus

Kurz: Mit ihrem neuen Roman „Stimmen auf Abstand“ festigt Gabriela Adameșteanu ihren Status als eine der bedeutendsten europäischen Stimmen der Gegenwartsliteratur.

Eine literarische Ausnahmestellung

Neben Mircea Cărtărescu gilt Gabriela Adameșteanu als die wohl wichtigste lebende Stimme der rumänischen Literatur. Beide Autoren werden regelmäßig als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Mit Blick auf die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2028, bei der Rumänien als Gastland fungieren wird, zeichnet sich ab, dass Adameșteanu trotz ihres dann hohen Alters von 86 Jahren eine zentrale Rolle als Botschafterin ihrer nationalen Literatur einnehmen dürfte.

Die Herausforderung der deutschen Rezeption

Obwohl Adameșteanu international hochgeschätzt ist, gestaltet sich ihre Präsenz auf dem deutschsprachigen Buchmarkt komplex. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 2013 – fast vier Jahrzehnte nach ihrem literarischen Debüt – wechselten ihre Werke häufig die Verlage. Während andere Autoren von einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit einem Verlagshaus profitieren, erschien Adameșteanus Werk bei einer Vielzahl von Verlagen, darunter Schöffling, die „Andere Bibliothek“, Wieser, Aufbau und aktuell der Wallstein Verlag. Diese wechselhafte Publikationsgeschichte erschwert die Etablierung einer konstanten Leserschaft, obwohl die Qualität der Übersetzungen durch renommierte Fachleute wie Georg Aescht, Eva Ruth Wemme und Jan Koneffke stets auf höchstem Niveau blieb.

Ein leiser Blick auf die Geschichte

Ihr aktueller Roman „Stimmen auf Abstand“ unterscheidet sich in seiner Tonalität von den groß angelegten historischen Epen wie „Verlorener Morgen“. Es handelt sich um ein eher leises Werk, das die Chronik der aktuellen Ereignisse in Rumänien mit den persönlichen Erinnerungen der Protagonistin Anda Movila verknüpft. Die 1945 geborene Ärztin dient dabei als Spiegel der rumänischen Geschichte: Sie hat alle Systemwechsel durchlebt und deren Auswirkungen am eigenen Leib erfahren.

Die Handlung ist in der Pandemiezeit angesiedelt. Anda lebt in der Provinz und pflegt den Kontakt zu Weggefährten – allen voran zu ihrer Freundin Letiţia, einer im Ausland lebenden Schriftstellerin, die als Alter Ego der Autorin fungiert – primär über das Telefon. Diese „Stimmen auf Abstand“ bilden das erzählerische Gerüst. In der zweiten Hälfte des Romans wandelt sich die Erzählweise: Anda legt ein Dossier an, das den Fokus auf die Zeit der Diktatur lenkt. Diese Ära wird als das fundamentale Fundament identifiziert, das die heutige rumänische Gesellschaft bis in die Gegenwart prägt.

Leben, Fiktion und die Wandelbarkeit der Figuren

Adameșteanu verwebt in ihrem Werk Lebenswirklichkeit und Fiktion auf eine Weise, die an Marcel Proust erinnert. Die Protagonistin Anda reflektiert über das Handwerk des Schreibens und die Art und Weise, wie Autoren reale Lebensgeschichten in ihre Erzählungen integrieren. Dabei wird die Diktaturzeit nicht nur als historischer Kontext begriffen, sondern als prägende Kraft, die die Charaktere im Guten wie im Schlechten geformt und verändert hat.

Ein wiederkehrendes, fast melancholisches Element im Roman ist der Abba-Hit „The Winner Takes It All“. Während das Lied den Wunsch ausdrückt, nicht über vergangene Ereignisse sprechen zu wollen, tut Adameșteanu in ihren Büchern genau das Gegenteil: Sie arbeitet die Vergangenheit beharrlich auf. Die Protagonistin stellt fest, dass man im Laufe des Lebens Menschen und Orte wiedertrifft, die sich wie die Figuren einer mittelalterlichen Uhr immer wieder neu formieren.

Ein Ausblick auf die Bedeutung des Werks

Die literarische Arbeit von Gabriela Adameșteanu bleibt ein unverzichtbarer Beitrag zum europäischen Diskurs. Indem sie das Schicksal ihrer Protagonistin mit der Geschichte Rumäniens verknüpft, gelingt ihr eine präzise Analyse dessen, was die heutige Zeit ausmacht. Trotz der Schwierigkeiten, die ein leiserer Roman auf dem deutschen Markt haben könnte, bleibt Adameșteanu eine unverzichtbare Stimme, deren Werk die Brücke zwischen der traumatischen Vergangenheit und einer komplexen Gegenwart schlägt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/traditionelles-ungarisches-kircheninterieur-mit-tracht-38752885/ · Foto: Zsolt Bodnár
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/gabriela-adameteanus-roman-stimmen-auf-abstand-eine-grosse-erzaehlerin-201068606.html