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Freispruch nach Mord an maltesischer Journalistin Caruana Galizia
Schlagzeilen · 03.09.2026 00:56

Freispruch nach Mord an maltesischer Journalistin Caruana Galizia

Kurz: Ein maltesisches Gericht hat den Geschäftsmann Yorgen Fenech vom Vorwurf freigesprochen, der Drahtzieher hinter dem Mord an Daphne Caruana Galizia zu sein.

Ein folgenschwerer Freispruch nach fast neun Jahren

Knapp neun Jahre nach dem gewaltsamen Tod der bekannten maltesischen Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia hat das Justizsystem des EU-Staates eine Entscheidung getroffen, die für erhebliches Aufsehen sorgt. Ein Gericht in Valletta hat den 44-jährigen Unternehmer Yorgen Fenech von den schwerwiegenden Vorwürfen freigesprochen, er sei der Drahtzieher hinter dem tödlichen Autobombenanschlag gewesen. Die Geschworenen, die sich am Vormittag zur Beratung zurückgezogen hatten, fällten ein deutliches Urteil: Mit acht zu einer Stimme entschieden sie, dass Fenech weder der Beihilfe zum Mord schuldig ist, noch in eine kriminelle Verschwörung verwickelt war. Damit bleibt die zentrale Frage, wer den Mord an der Journalistin in Auftrag gegeben hat, auch nach fast einem Jahrzehnt intensiver Ermittlungen und juristischer Aufarbeitung unbeantwortet. Der Freispruch markiert einen vorläufigen, aber für viele Beobachter enttäuschenden Wendepunkt in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der maltesischen Geschichte, der das Land seit dem 16. Oktober 2017 in Atem hält.

Die juristischen Details des Prozesses

Der Prozess gegen den wohlhabenden Unternehmer Yorgen Fenech stützte sich maßgeblich auf die Aussagen seines ehemaligen Chauffeurs Melvin Theuma. Dieser hatte den Ermittlern gegenüber gestanden, als Vermittler zwischen den Auftraggebern und den ausführenden Mördern fungiert zu haben. Um seine eigene Haut zu retten, erhielt Theuma eine Begnadigung im Austausch für seine umfassende Aussage. Er präsentierte dem Gericht eine Reihe von Beweismitteln, darunter Textnachrichten und Aufzeichnungen, die nach Ansicht der Anklage belegen sollten, dass Fenech und er über die Mordpläne sowie den Fortgang der polizeilichen Ermittlungen kommuniziert hatten. Fenech selbst räumte zwar ein, von den Plänen zur Ermordung gewusst zu haben, wies jedoch jede direkte Täterschaft von sich. Stattdessen beschuldigte er seinen früheren engen Vertrauten Keith Schembri, den damaligen Stabschef des maltesischen Ministerpräsidenten Joseph Muscat. Fenech behauptete, Schembri habe ihm die Tat angehängt und sei der tatsächliche Drahtzieher gewesen. Die Jury folgte dieser Argumentation der Verteidigung oder sah die Beweislast gegen Fenech als nicht ausreichend an, was schließlich zu dem deutlichen Freispruch führte.

Der Hintergrund einer politischen Zäsur

Die Ermordung von Daphne Caruana Galizia am 16. Oktober 2017, als ihr Auto in der Nähe ihres Wohnhauses explodierte, erschütterte Malta in seinen Grundfesten. Die 53-Jährige war eine der profiliertesten investigativen Reporterinnen des Landes und hatte sich durch ihre hartnäckigen Recherchen zu Korruptionsvorwürfen in Politik und Wirtschaft viele Feinde gemacht. Besonders ihre Untersuchungen zu den Geschäften von Yorgen Fenech, der als Direktor eines Kraftwerkskonsortiums eine einflussreiche Figur war, standen im Zentrum des öffentlichen Interesses. Nach dem Anschlag geriet Fenech schnell ins Visier der Behörden und wurde im November 2019 festgenommen. Die Ermittlungen deckten ein Geflecht aus Macht, Geld und politischer Einflussnahme auf, das bis in die höchsten Ebenen der Regierung reichte. Die Festnahme Fenechs und der Verdacht einer Verstrickung hochrangiger Regierungsvertreter lösten im Dezember 2019 massive landesweite Proteste aus. Die Bevölkerung forderte Aufklärung und Konsequenzen, was letztlich zum Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Joseph Muscat im Januar 2020 führte. Eine spätere Untersuchung im Jahr 2021 bestätigte das, was viele Bürger bereits vermuteten: Die Regierung habe ein Klima der Straflosigkeit geschaffen, das es den Tätern ermöglichte, die Journalistin zum Schweigen zu bringen.

Die Akteure und ihre Rollen im System

In diesem komplexen Fall spielen zahlreiche Akteure eine entscheidende Rolle. Daphne Caruana Galizia selbst steht als Opfer im Mittelpunkt, deren Arbeit die Grundlage für die späteren Ermittlungen bildete. Yorgen Fenech, als einer der reichsten Männer Maltas, war die zentrale Figur auf der Anklagebank. Melvin Theuma fungierte als Kronzeuge, dessen Aussagen den Prozess maßgeblich prägten. Auf der politischen Ebene bleibt der Name Keith Schembri, der ehemalige Stabschef von Joseph Muscat, eine zentrale Figur, da Fenech ihn direkt der Drahtzieherschaft bezichtigte. Die Familie der Ermordeten hat sich nach dem Freispruch öffentlich zu Wort gemeldet und ihre tiefe Enttäuschung zum Ausdruck gebracht. Sie sehen in dem Urteil eine Verweigerung der Gerechtigkeit. Die Bürgerrechtsorganisation Occupy Justice, die sich seit Jahren für die Aufklärung des Falls einsetzt, hat bereits angekündigt, den Druck auf die Behörden aufrechtzuerhalten. Sie fordern weiterhin, dass die gesamte Verantwortungskette, die hinter dem Mord steht, restlos aufgeklärt wird. Institutionen wie die Justiz und die Ermittlungsbehörden stehen dabei unter ständiger Beobachtung, da ihnen von der Familie und zivilgesellschaftlichen Gruppen ein Versagen bei der Aufarbeitung der institutionellen Mängel vorgeworfen wird.

Einordnung der Ereignisse

Einzuordnen ist dieser Freispruch als ein schwerer Schlag für die Rechtsstaatlichkeit auf Malta. Den Berichten zufolge hinterlässt das Urteil ein tiefes Misstrauen in die Fähigkeit des Justizsystems, Verbrechen aufzuklären, in die mächtige Akteure verwickelt sind. Dass die Geschworenen den Unternehmer trotz der vorliegenden Beweise und der Aussagen des Vermittlers freigesprochen haben, deutet darauf hin, dass die Beweiskette entweder als lückenhaft empfunden wurde oder die Verteidigungsstrategie, die Schuld auf andere Regierungsmitglieder zu schieben, erfolgreich war. Die Untersuchung von 2021 hatte bereits das systemische Versagen der maltesischen Regierung diagnostiziert. Der Freispruch scheint dieses Bild einer mangelnden Aufarbeitung zu verstärken. Für die maltesische Gesellschaft bedeutet dies eine weitere Phase der Unsicherheit. Die Tatsache, dass zwar die ausführenden Mörder – drei Auftragsmörder, darunter zwei Brüder, sowie zwei weitere Männer, die die Bombe lieferten – bereits zu Haftstrafen zwischen 15 Jahren und lebenslanger Haft verurteilt wurden, zeigt zwar, dass die untere Ebene der Tat bestraft wurde. Die Frage nach den Hintermännern jedoch bleibt eine offene Wunde im politischen und gesellschaftlichen Gefüge des Landes.

Offene Fragen und der Blick in die Zukunft

Der aktuelle Stand der Dinge lässt zahlreiche Fragen offen, die der Quelltext nicht beantworten kann. Es bleibt unklar, welche Rolle Keith Schembri tatsächlich in dem Mordkomplott spielte, da er trotz der Anschuldigungen durch Fenech bisher keine strafrechtliche Verurteilung in diesem spezifischen Kontext erfahren hat. Zudem ist nicht geklärt, ob die maltesischen Behörden nach dem Freispruch von Fenech neue Ermittlungsansätze verfolgen werden oder ob der Fall für die Justiz nun als abgeschlossen betrachtet wird. Die Lücke zwischen der Verurteilung der ausführenden Mörder und der Identifizierung der Drahtzieher klafft weiterhin weit auseinander. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten. Die Familie von Caruana Galizia und die Organisation Occupy Justice haben deutlich gemacht, dass sie den Kampf für Gerechtigkeit fortsetzen wollen. Ob dies zu neuen juristischen Schritten oder weiteren Untersuchungen führen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar. Die institutionellen Versäumnisse, die den Mord erst ermöglichten, harren weiterhin einer umfassenden Aufarbeitung, die über die bloße strafrechtliche Verfolgung der Täter hinausgeht. Der Fall bleibt damit ein offenes Kapitel in der Geschichte Maltas.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-der-lichtleiste-eines-polnischen-polizeiautos-28490891/ · Foto: SHOX ART
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/freispruch-mord-journalistin-malta-100.html