Ein Dichter abseits der Klassik
Matthias Claudius, 1740 in Reinfeld geboren und 1815 in Hamburg gestorben, nimmt in der deutschen Literaturgeschichte eine besondere Stellung ein. Während Zeitgenossen wie Goethe oder Wilhelm von Humboldt sein Werk als volkstümlich abtaten oder ihn gar als „Null“ bezeichneten, prägt sein Name bis heute das öffentliche Leben in Deutschland. Straßen, Schulen, Kirchen und Kitas tragen seinen Namen. Bekannt ist er primär durch das „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“). Doch sein literarisches Schaffen war facettenreicher und politisch wacher, als es die heutige Wahrnehmung vermuten lässt.
Lyrik als gesellschaftliche Klage
Ein Beispiel für die Ernsthaftigkeit des Dichters ist das Gedicht „Der Schwarze in der Zuckerplantage“, das am 31. August 1773 im „Wandsbecker Boten“ erschien. Das Werk, das zeitgenössisch auch als „Mohrenlied“ bekannt war, thematisiert die Versklavung von Menschen durch Europäer. In zwei Strophen beschreibt Claudius das Leid eines Sklaven, der fernab seiner Heimat unter unmenschlichen Bedingungen leidet.
Die Struktur des Gedichts ist bewusst einfach gehalten, doch die inhaltliche Schwere wird durch das Metrum und gezielte Interjektionen unterstrichen. Es handelt sich um eine Klage an Gott, die den Kontrast zwischen den „klugen“ weißen Männern und dem unschuldigen Leid des lyrischen Ichs hervorhebt. Historisch gesehen reiht sich das Gedicht in eine Tradition von Texten ein, die bereits im 18. Jahrhundert die Sklaverei kritisierten. Der Sprachgebrauch jener Zeit, etwa Begriffe wie „Mohr“ oder „Neger“, ist dabei im Kontext der damaligen Zeit zu betrachten, in der diese Bezeichnungen nicht zwingend die abwertende Konnotation trugen, die sie heute besitzen.
Ein paradoxer Veröffentlichungsort
Besonders bemerkenswert ist der Ort der Erstveröffentlichung: der „Wandsbecker Bote“. Die Zeitung wurde von Baron Heinrich Carl von Schimmelmann gegründet, einem der reichsten Männer Europas, der sein Vermögen maßgeblich durch den atlantischen Dreieckshandel – den Sklavenhandel – anhäufte. Schimmelmann soll den Sklavenhandel als „Herzenssache“ bezeichnet haben.
Dass ein bekennender Christ wie Claudius seine Sklaverei-Kritik ausgerechnet in der Zeitung eines Sklavenhändlers publizierte, erscheint aus heutiger Sicht als massiver Widerspruch. Dennoch gab es offenbar einen Spielraum für solche Texte. Möglicherweise deutete sich bei Schimmelmann ein Umdenken an, oder er ließ seinem Redakteur in dieser Hinsicht freie Hand. Die Zusammenarbeit endete 1775 mit der Entlassung von Claudius, kurz bevor die Zeitung eingestellt wurde.
Historischer Kontext und Nachwirkung
Die Abschaffung der Sklaverei war ein langwieriger Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog. Während Dänemark bereits 1792 ein Verbot erließ, folgten andere Nationen wie England (1807), Frankreich (1794) und die USA (1865) erst später. In Deutschland dauerte es bis 1895, bis der Sklavenhandel offiziell verboten wurde, wobei die praktische Durchsetzung oft noch deutlich länger in Anspruch nahm.
Das „Mohrenlied“ von Claudius blieb nicht unbeachtet. Über die Jahrhunderte hinweg wurde es mehrfach vertont, unter anderem von Johann Rudolf Zumsteeg Anfang des 19. Jahrhunderts und später im Jahr 1937 durch Othmar Schoeck. Diese Vertonungen unterstreichen, dass das Gedicht über die Zeit seiner Entstehung hinaus als ein Dokument der Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte wahrgenommen wurde.