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Film mit Corinna Harfouch: Die Leiche in deinem Keller bist du selbst
Kultur · 12.08.2026 15:58

Film mit Corinna Harfouch: Die Leiche in deinem Keller bist du selbst

Kurz: Corinna Harfouch brilliert in Jutta Brückners neuem Film als Archäologin, die sich in einer komplexen Auseinandersetzung mit ihrer verstorbenen Mutter verliert.

Ein filmisches Porträt der inneren Zerrissenheit

In ihrem neuesten Werk „Im Spiegel meiner Mutter“ widmet sich die Regisseurin Jutta Brückner einer tiefgreifenden psychologischen Auseinandersetzung. Im Zentrum der Handlung steht Ursula Scheuner, eine Archäologin und Professorin in Darmstadt, deren Leben durch den Tod ihrer Mutter aus den Fugen gerät. Die Hauptrolle wird von der renommierten Schauspielerin Corinna Harfouch verkörpert, die der Figur eine Mischung aus Härte, Kühle und verletzlicher Tiefe verleiht. Während Scheuner beruflich mit der Entdeckung einer Moorleiche beschäftigt ist, die ihrem unterfinanzierten Institut neue Perspektiven eröffnen könnte, wird sie privat von Erinnerungen an ihre Mutter eingeholt. Der Film zeichnet den Weg einer Frau nach, die durch die emotionale Distanz und die Einsamkeit ihrer Mutter geprägt wurde. Dabei gelingt es Brückner, die archäologische Arbeit der Protagonistin als Metapher für die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu nutzen. Die Moorleiche, gezeichnet durch einen abgetrennten Kopf und einen durchbohrten Oberkörper, wird zum Spiegelbild der inneren Verletzungen der Archäologin. Es ist eine Erzählung über das Erbe, das wir von unseren Eltern antreten, und die Schwierigkeit, sich aus den Fesseln dieser Prägung zu befreien.

Die Akteure und ihre Rollen

Neben Corinna Harfouch, die in der Rolle der Ursula Scheuner überzeugt, tritt die Theaterlegende Hildegard Schmahl als deren Mutter auf. Die schauspielerischen Duelle zwischen den beiden Frauen bilden das emotionale Zentrum des Films. Während Harfouch ihre Präsenz vor allem aus dem Schweigen und einer beobachtenden Haltung zieht, verkörpert Schmahl eine Form des Spiels, die stark auf dem gesprochenen Wort basiert. Ergänzt wird das Ensemble durch Carla Juri, die die Figur der Melanie Splitter spielt. Als neue Assistentin im Kellerlabor der Archäologin fungiert sie als eine Art Stimme der Vernunft. Sie ist es, die Ursula Scheuner dazu drängt, sich von der Last der Vergangenheit zu lösen und den „Spiegel der Mutter“ zu zerbrechen. Die Dynamik zwischen der lebensfrohen Assistentin und der in sich gekehrten Professorin treibt die Handlung voran und bietet einen notwendigen Kontrast zur düsteren Atmosphäre der Rückblenden, die Ursulas Kindheit und ihre Entwicklung zur einsamen, kinder- und ehelosen Frau beleuchten.

Ein Werk mit langer Entstehungsgeschichte

„Im Spiegel meiner Mutter“ bildet den Abschluss einer autobiografischen Trilogie, die Jutta Brückner bereits in den 1970er und 1980er Jahren mit den Filmen „Tue recht und scheue niemand“ und „Hungerjahre“ begonnen hatte. Dass zwischen den ersten Teilen und dem Abschluss mehr als vier Jahrzehnte liegen, ist ein wesentliches Merkmal des neuen Werks. Brückner, die nach ihrer Zeit als Professorin an der Berliner Hochschule der Künste und ihrem letzten Film „Hitlerkantate“ aus dem Jahr 2006 eine lange Pause einlegte, betont, dass sie dieses Projekt erst nach dem Tod ihrer eigenen Mutter realisieren konnte. Mit nunmehr 85 Jahren blickt die Regisseurin auf eine lange Karriere zurück, was dem Film eine besondere Reife verleiht. Diese zeitliche Distanz ist in der filmischen Ästhetik spürbar, die sich bewusst von konventionellen Erzählweisen abwendet. Es ist das Ergebnis eines langen Reifeprozesses, in dem die Regisseurin ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Mutterschaft und Identität verarbeitet hat, ohne dabei in die Falle einer rein biografischen Dokumentation zu tappen.

Ästhetik und filmische Form

Der Film ist unverkennbar von der Ästhetik des Frauenfilms der 1970er Jahre inspiriert. Er verzichtet auf eine klassische, lineare Erzählstruktur und setzt stattdessen auf Assoziationen, Zeitsprünge und filmische Mosaiksteine. Diese Form der Erzählung dient dazu, das Porträt einer Frau zu zeichnen, die innerlich an ihrem ungelebten Leben leidet. Die Einbindung von Kunstwerken wie Botticellis „Venus“, der „Venus von Willendorf“ oder Courbets „Ursprung der Welt“ unterstreicht die Sehnsucht der Protagonistin nach Liebe, Sexualität und Mutterschaft – Aspekte, die ihr im Laufe ihres Lebens verwehrt geblieben sind. Die Moorleiche, die neben ihrem Säugling auf dem Seziertisch liegt, dient als drastisches Inbild dieser verpassten Chancen. Brückners Inszenierung ist sperrig und fordert das Publikum heraus, doch gerade in den Momenten der Stille und der visuellen Symbolik entfaltet der Film eine Intensität, die den Zuschauer nicht unberührt lässt. Es ist ein bewusster Bruch mit den Konventionen der Kulturindustrie.

Einordnung der filmischen Position

Einzuordnen ist das Werk als ein Beitrag zum deutschen Gegenwartskino, der sich durch seine kompromisslose Haltung auszeichnet. Den Berichten zufolge wirkt der Film wie ein Fundstück in einer ansonsten eher planierten Kinolandschaft. Die Entscheidung, auf eine klassische Geschichte zu verzichten, macht den Film zu einer Herausforderung für das Publikum. Corinna Harfouch selbst äußerte sich im Presseheft zu der Thematik des Films und gab an, dass ihr das ständige Beschäftigen mit sich selbst und den Mutterproblemen bis ins hohe Alter eher fremd sei. Dennoch gelingt es ihr, diese Distanz zu überwinden und eine Figur zu verkörpern, die tief in ihren eigenen Konflikten gefangen ist. Die Bewertung des Films schwankt zwischen der Anerkennung für seine künstlerische Konsequenz und der Irritation über seine sperrige Erzählweise. Dennoch lässt sich festhalten, dass Brückner ein Werk geschaffen hat, das in seiner emotionalen Ehrlichkeit und seiner ästhetischen Strenge eine Sonderstellung einnimmt.

Offene Fragen und erzählerische Lücken

Obwohl der Film tief in die psychologische Struktur der Protagonistin eindringt, bleiben einige Aspekte bewusst im Dunkeln. Der Quelltext gibt beispielsweise keine detaillierte Auskunft darüber, wie die berufliche Zukunft der Archäologin aussieht oder ob die Entdeckung der Moorleiche tatsächlich die erhoffte Rettung für das Institut bedeutet. Auch die genauen Umstände, die zu der Entfremdung zwischen Ursula Scheuner und ihrer Mutter führten, werden eher assoziativ als chronologisch-faktisch behandelt. Es bleibt offen, wie viel von der fiktiven Geschichte der Archäologin auf den tatsächlichen Erlebnissen der Regisseurin basiert, da der Film zwar als Teil einer autobiografischen Trilogie bezeichnet wird, aber dennoch als eigenständiges Werk fungiert. Die Lücken in der Biografie der Mutter und die genauen Hintergründe ihrer Einsamkeit werden dem Zuschauer nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern müssen aus den Mosaiksteinen des Films selbst zusammengesetzt werden.

Die Bedeutung des Generationenkonflikts

Der Film thematisiert den Generationenkonflikt auf eine Art und Weise, die über das bloße Mutter-Tochter-Verhältnis hinausgeht. Die Gegenüberstellung von Ursula Scheuner und ihrer Mutter sowie die Rolle der Assistentin Melanie Splitter verdeutlichen die unterschiedlichen Lebensentwürfe und den Wandel der Frauenbilder über die Jahrzehnte. Während die Mutter in einer Zeit geprägt wurde, in der die Rolle der Frau oft durch das Verlassenwerden und die Einsamkeit definiert war, versucht die junge Generation, sich von diesen Mustern zu emanzipieren. Die Archäologin steht genau an der Schwelle zwischen diesen Welten. Sie ist das Produkt einer Erziehung, die sie zur Einsamkeit erzogen hat, und gleichzeitig eine moderne Frau, die nach wissenschaftlicher Anerkennung strebt. Die Spannung zwischen diesen Polen macht den Kern des Films aus. Es geht um die Frage, wie man die Geister der Vergangenheit loswird, ohne die eigene Identität zu verlieren, und ob es möglich ist, den „Spiegel der Mutter“ zu zerstören, ohne dabei sich selbst zu zerstören.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jutta Brückners „Im Spiegel meiner Mutter“ ein visuell und psychologisch anspruchsvoller Film ist, der durch die schauspielerische Leistung von Corinna Harfouch und Hildegard Schmahl getragen wird. Die Entscheidung, den Film als Abschluss einer Trilogie nach so langer Zeit zu drehen, verleiht ihm eine melancholische Note, die jedoch durch die Kraft der Bilder und die Intensität der Darstellung aufgefangen wird. Der Film ist kein leichtes Unterhaltungskino, sondern ein Werk, das den Zuschauer dazu einlädt, über die eigene Herkunft und die Prägungen durch die Eltern nachzudenken. Trotz der sperrigen Erzählweise gelingt es Brückner, ein Porträt zu zeichnen, das lange nachwirkt. Die archäologische Metaphorik, die sich durch den gesamten Film zieht, unterstreicht die Notwendigkeit, die Vergangenheit auszugraben, um in der Gegenwart bestehen zu können. Es ist ein Film, der nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern sie im Hier und Jetzt lebendig werden lässt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/frauen-mauer-wand-vintage-8294179/ · Foto: Jc Siller
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/film-mit-corinna-harfouch-jutta-brueckners-im-spiegel-meiner-mutter-201114367.html