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Digital Health: McKinsey sieht 80 Milliarden Euro ungenutztes Potenzial pro Jahr
Technik · 07.10.2026 10:00

Digital Health: McKinsey sieht 80 Milliarden Euro ungenutztes Potenzial pro Jahr

Kurz: Eine neue McKinsey-Analyse beziffert das ungenutzte Potenzial digitaler Gesundheitstechnologien in Deutschland auf jährlich 80 Milliarden Euro.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Die Unternehmensberatung McKinsey hat eine umfassende Modellrechnung zum deutschen Gesundheitswesen vorgelegt, die ein erhebliches, bislang ungenutztes Potenzial für digitale Technologien und künstliche Intelligenz (KI) aufzeigt. Den Berechnungen zufolge könnten durch eine konsequente Digitalisierung und den Einsatz moderner KI-Systeme jährlich bis zu 80 Milliarden Euro an zusätzlichem Nutzen generiert werden. Diese Summe entspricht etwa 17 Prozent der für das Jahr 2026 prognostizierten adressierbaren Gesundheitsausgaben, die auf insgesamt 479 Milliarden Euro geschätzt werden. Dabei betont McKinsey ausdrücklich, dass es sich bei dieser Zahl nicht um eine direkte Prognose für sinkende Gesundheitsausgaben handelt. Vielmehr fließt in die Modellrechnung der monetär bewertete Nutzen produktiverer Arbeitsabläufe ein. Die Studie betrachtet dabei ein Portfolio von 28 verschiedenen digitalen Gesundheitstechnologien. Besonders hervorzuheben ist, dass die Unternehmensberatung den KI-Anwendungen allein einen Anteil von rund 22,8 Milliarden Euro an diesem Potenzial zuschreibt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die technologische Transformation im Gesundheitssektor weit über die reine IT-Infrastruktur hinausgeht und tiefgreifende Auswirkungen auf die Effizienz und Qualität der medizinischen Versorgung haben könnte, sofern die Anwendungen im Alltag tatsächlich vollumfänglich genutzt werden.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die Analyse stützt sich auf eine detaillierte Untersuchung von 28 digitalen Technologien. Neben den bereits erwähnten 80 Milliarden Euro an noch erschließbarem Potenzial weist McKinsey zusätzlich 11,5 Milliarden Euro an bereits realisiertem Nutzen aus. Dieser Wert basiert auf einer Modellierung, die verfügbare Nutzungsdaten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wirkung der jeweiligen Anwendungen verknüpft. Ein prominentes Beispiel für den bereits realisierten Nutzen ist die Kategorie „papierlose Daten“, für die McKinsey einen jährlichen Vorteil von 5,9 Milliarden Euro beziffert. Hierbei spielt das elektronische Rezept (E-Rezept), das seit 2024 für verschreibungspflichtige Medikamente verpflichtend ist, eine zentrale Rolle. Laut der Analyse sind bereits mehr als 75 Prozent des modellierten Potenzials des E-Rezepts ausgeschöpft. Die Mitautorinnen der Studie, Kristin Tuot und Katharina Sickmüller, erläuterten die methodischen Hintergründe. Sie betonten, dass die Berechnungen nicht von einer idealisierten Welt ausgehen, sondern Abschläge für Nutzer ohne Smartphone oder für kaum genutzte Applikationen beinhalten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die 80 Milliarden Euro einen Brutto-Vorteil darstellen, da die Kosten für Software, IT-Ausrüstung, Schulungen und den laufenden Betrieb in Kliniken und Praxen von McKinsey nicht gegengerechnet wurden.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die aktuelle Studie ist eine Fortschreibung früherer Analysen der Unternehmensberatung. Bereits im „E-Health-Monitor 2022“ hatte McKinsey das jährliche Potenzial digitaler Technologien untersucht. Damals lag der Fokus auf 26 Technologien, für die ein Potenzial von 42 Milliarden Euro identifiziert wurde, wovon zu diesem Zeitpunkt 1,4 Milliarden Euro als realisiert galten. Die Methodik hat sich seitdem weiterentwickelt: Während die damalige Datenbasis auf einer bestimmten Anzahl von Forschungsdokumenten beruhte, wurde diese für den aktuellen Bericht deutlich erweitert. Die Grundlage von mehr als 500 bestehenden Forschungsdokumenten wurde um knapp 150 neuere Publikationen ergänzt. Diese Erweiterung ermöglichte es, neue Anwendungsfälle wie die prädiktive Bedarfsplanung und erweiterte Mustererkennung in die Modellrechnung aufzunehmen. Die Entwicklung zeigt, dass das Verständnis für den Nutzen digitaler Anwendungen im Gesundheitswesen stetig wächst und durch eine breitere wissenschaftliche Evidenz untermauert wird. Die Diskrepanz zwischen den 42 Milliarden Euro aus dem Jahr 2022 und den heutigen 80 Milliarden Euro verdeutlicht sowohl den Fortschritt der technologischen Möglichkeiten als auch die verfeinerte Analysefähigkeit der Berater, die nun ein breiteres Spektrum an digitalen Lösungen abdecken können.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Die Federführung bei der Erstellung des Berichts lag bei den McKinsey-Autorinnen Kristin Tuot und Katharina Sickmüller. Sie fungierten als zentrale Ansprechpartnerinnen für die Interpretation der Daten und die methodische Einordnung der Ergebnisse. Die Studie selbst richtet sich an Akteure im deutschen Gesundheitswesen, darunter Krankenhäuser, Arztpraxen, Krankenkassen und politische Entscheidungsträger, die für die Digitalisierungsstrategie verantwortlich sind. Die Analyse bezieht sich auf die Situation von rund 73 Millionen gesetzlich Versicherten, die eine elektronische Patientenakte (ePA) erhalten haben. Zudem werden die Erfahrungen von Praxen einbezogen, die teils von einem zusätzlichen Aufwand durch die Einführung neuer digitaler Systeme berichten. Die Datenbasis umfasst zudem Informationen zur Verbreitung der GesundheitsID, von der Anfang Oktober 2026 mehr als fünf Millionen Versicherte Gebrauch machten. Diese Akteure bilden das Ökosystem, in dem die von McKinsey untersuchten Technologien zum Einsatz kommen sollen. Die Studie dient somit als Orientierungshilfe für diese Gruppen, um die Priorisierung von Investitionen in digitale Infrastrukturen und Anwendungen besser bewerten zu können, wobei die Verantwortung für die praktische Umsetzung bei den jeweiligen Institutionen im Gesundheitswesen verbleibt.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist das Ergebnis der McKinsey-Studie als eine theoretische Modellrechnung, die das maximale Potenzial unter bestimmten Annahmen aufzeigt. Den Berichten zufolge handelt es sich keineswegs um eine Summe, die bereits als tatsächliche Ausgabensenkung messbar wäre. Vielmehr verdeutlicht die Analyse, dass der größte Teil des Nutzens von einer intensiven und flächendeckenden Anwendung abhängt. Besonders die elektronische Patientenakte (ePA) nimmt hierbei eine Schlüsselrolle ein: Mit 9,3 Milliarden Euro jährlich wird ihr das größte noch erschließbare Potenzial zugeschrieben. Davon könnten allein 6,2 Milliarden Euro durch eine intensivere Befüllung und Nutzung der Akten erreicht werden, während die bloße Ausweitung des Zugangs nur 0,4 Milliarden Euro beitragen würde. Dies unterstreicht, dass die reine technische Verfügbarkeit nicht ausreicht. Die Modellrechnung zeigt zudem, dass bei einigen Technologien, wie der Videosprechstunde, das Potenzial in der aktuellen Analyse niedriger eingeschätzt wird als in früheren Berichten. Dies liegt daran, dass in der Realität aus erhoffter Zeitersparnis durch Doppelbehandlungen oder ineffiziente Abläufe auch ein Mehraufwand entstehen kann, was die Sensibilität der Modellannahmen gegenüber der Praxiswirklichkeit verdeutlicht.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige wesentliche Fragen offen, die für eine abschließende Bewertung der Digitalisierungsstrategie von Bedeutung wären. Zunächst bleibt unklar, wie sich die bereits realisierten 5,9 Milliarden Euro Nutzen in der Kategorie „papierlose Daten“ exakt auf das E-Rezept, die elektronische Patientenakte (ePA) und andere Anwendungen verteilen, da die schriftliche Antwort von McKinsey hierzu keine detaillierte Aufschlüsselung liefert. Zudem lässt die veröffentlichte Grafik keine Überprüfung der einzelnen Rechenschritte für die 28 analysierten Technologien zu, was die Transparenz der Modellierung einschränkt. Weiterhin wird nicht beantwortet, wie hoch die tatsächlichen Kosten für die Implementierung und den Betrieb der Technologien sind, da diese Investitionen explizit nicht gegen das Potenzial gerechnet wurden. Auch bleibt offen, wie die Akzeptanz bei den medizinischen Fachkräften in der Breite gesteigert werden kann, um den von Praxen berichteten Mehraufwand zu minimieren. Die Frage, wie viele der 73 Millionen Versicherten mit einer ePA diese tatsächlich aktiv und regelmäßig nutzen, wird durch die vorliegenden Daten zur GesundheitsID nur unzureichend beantwortet, da die bloße Existenz einer ID keine Aussage über die tatsächliche Nutzungsintensität zulässt.

Wie es weitergeht – Angekündigte Schritte

Konkrete Termine für die Umsetzung der in der Studie beschriebenen Potenziale nennt der Bericht nicht, da es sich um eine langfristige Modellrechnung handelt. Dennoch lassen sich aus der Analyse und den Rahmenbedingungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen die nächsten Schritte ableiten. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, ob die elektronische Patientenakte und andere digitale Anwendungen im Versorgungsalltag an Akzeptanz gewinnen. McKinsey deutet an, dass die intensivere Befüllung und Nutzung der bestehenden Systeme der entscheidende Hebel für die Realisierung der 80 Milliarden Euro ist. Dies impliziert, dass zukünftige Bemühungen darauf ausgerichtet sein müssen, die Usability für Ärzte und Pflegepersonal zu verbessern, um den berichteten Mehraufwand zu reduzieren. Da die Studie auf einer stetig wachsenden Datenbasis aufbaut, ist davon auszugehen, dass McKinsey auch in Zukunft weitere Analysen vorlegen wird, um den Fortschritt der Digitalisierung zu quantifizieren. Die Branche steht nun vor der Herausforderung, die modellierten Potenziale durch eine verbesserte Integration in die täglichen Arbeitsprozesse der Kliniken und Praxen in einen realen Nutzen für das Gesundheitssystem zu überführen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/festhalten-halten-spielzeug-lacheln-8295026/ · Foto: Pavel Danilyuk
Quelle: https://www.heise.de/news/Digital-Health-McKinsey-sieht-80-Milliarden-Euro-ungenutztes-Potenzial-pro-Jahr-11478052.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag