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Extremes Weltraumwetter kann Bordelektronik von Flugzeugen beeinträchtigen
Technik · 13.08.2026 12:22

Extremes Weltraumwetter kann Bordelektronik von Flugzeugen beeinträchtigen

Kurz: Wissenschaftler warnen: Extreme Sonnenstürme gefährden zunehmend die Bordelektronik moderner Flugzeuge. Neue Sicherheitsstandards sollen nun die Flugsicherheit

Ein neues Risiko für den modernen Luftverkehr

Das Wetter im Weltraum hat sich in jüngster Zeit als ein unterschätzter Faktor für die Sicherheit im internationalen Luftverkehr herauskristallisiert. Wissenschaftler des Surrey Space Centre (SCC) an der Surrey University haben in einer umfassenden Untersuchung aufgezeigt, dass extreme Sonnenaktivitäten weit mehr als nur ein theoretisches Problem für die Luftfahrt darstellen. Während bisher vor allem die Strahlenbelastung für das fliegende Personal und die Passagiere im Fokus der Sicherheitsbetrachtungen stand, rückt nun eine neue, technische Gefahr in den Mittelpunkt: die Beeinträchtigung der hochsensiblen Bordelektronik. Moderne Flugzeuge, die in typischen Reiseflughöhen zwischen 8 und 14 Kilometern operieren, sind zunehmend anfällig für hochenergetische Teilchen, die bei intensiven Sonnenstürmen in die Erdatmosphäre eindringen. Diese Strahlung kann die komplexen Bordsysteme, die für die Steuerung und Überwachung der Maschinen essenziell sind, empfindlich stören. Die Forscher warnen eindringlich davor, dass die aktuelle Sicherheitsarchitektur der Luftfahrtindustrie diese spezifischen Bedrohungen durch extreme Wetterereignisse im All bisher nicht ausreichend berücksichtigt. Es bedarf daher dringend neuer Richtlinien, um die Flugsicherheit auch bei solaren Extremereignissen zu gewährleisten und die Integrität der elektronischen Flugsysteme zu schützen.

Die technischen Auswirkungen der solaren Strahlung

Die von den Wissenschaftlern des Surrey Space Centre identifizierte Gefahr manifestiert sich primär in sogenannten Single-Event Upsets (SEUs). Dabei handelt es sich um punktuelle Störungen in der digitalen Elektronik, die durch den Einschlag hochenergetischer Teilchen ausgelöst werden. In einem normalen Szenario treten solche Ereignisse nur vereinzelt auf und sind für die Systeme meist unkritisch. Unter extremen Bedingungen, wie sie bei heftigen Sonnenstürmen auftreten, kann die Häufigkeit dieser Störungen jedoch sprunghaft ansteigen. Die Studie belegt, dass die Rate der SEUs in solchen Extremszenarien von wenigen Vorfällen pro Stunde auf mehrere Tausend ansteigen kann. Diese Anhäufung von Fehlern kann dazu führen, dass kritische Systeme der Flugzeuge versagen oder falsche Daten liefern. Die Forscher betonen, dass diese elektronischen Störungen potenziell gefährlicher einzustufen sind als die rein biologische Strahlenbelastung für Menschen an Bord. Während Passagiere und Besatzung zwar einer erhöhten Dosis ausgesetzt sind, kann ein Ausfall der Flugsteuerung oder der Avionik unmittelbar die Sicherheit des gesamten Fluggeräts und aller Insassen gefährden, was eine Neubewertung der Risikoparameter für die Luftfahrt zwingend erforderlich macht.

Historische und aktuelle Fallbeispiele

Die theoretischen Erkenntnisse der Wissenschaftler werden durch konkrete Vorfälle aus der jüngeren Vergangenheit untermauert. Ein besonders prägnantes Beispiel ist ein Flug der Fluggesellschaft JetBlue im Oktober 2025, der die Strecke von Cancún nach Newark bediente. Aufgrund von strahlungsbedingten Störungen in der Bordelektronik sah sich die Crew gezwungen, eine Notlandung in Florida durchzuführen. Die anschließende Untersuchung ergab, dass der Flugsteuerungscomputer des betroffenen Flugzeugtyps eine kritische Anfälligkeit gegenüber intensiver Sonnenstrahlung aufwies. Die Konsequenzen waren weitreichend: Der Flugzeughersteller Airbus sah sich veranlasst, rund 6000 Maschinen des Typs Airbus A320 vorübergehend am Boden zu behalten, um die Sicherheit der Flotte zu gewährleisten. Ein weiterer Beleg für die Intensität dieser Ereignisse lieferte ein Sonnensturm im November 2025. Messungen, die unter der Leitung des SCC durchgeführt wurden, zeigten in großen Reiseflughöhen Strahlungswerte, die das Zehnfache des üblichen Normalwerts erreichten. Diese Daten verdeutlichen, dass das Weltraumwetter kein abstraktes Phänomen ist, sondern ein reales, betriebswirtschaftliches und sicherheitsrelevantes Risiko für die globale Luftfahrt darstellt.

Geografische Risikozonen und die Rolle der Erdmagnetosphäre

Nicht jeder Flug ist gleichermaßen durch die solare Strahlung gefährdet. Die Wissenschaftler identifizierten insbesondere die Polarregionen als Hochrisikozonen für den Luftverkehr. Dies liegt an der physikalischen Beschaffenheit des magnetischen Schutzschildes der Erde, das in diesen Regionen am schwächsten ausgeprägt ist. Die Flugroute zwischen London Heathrow und dem Vancouver International Airport gilt laut der Studie als besonders exponiert. Bei schweren geomagnetischen Stürmen kann sich der Bereich der erhöhten Strahlenbelastung zudem weit nach Süden ausdehnen und sogar den Luftraum über dem Vereinigten Königreich erfassen. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Intensität der Strahlung bei historischen Ereignissen, wie dem stärksten jemals aufgezeichneten Sonnensturm im Jahr 1956, ein Ausmaß erreichte, das rein rechnerisch einer jährlichen Dosis kosmischer Strahlung entsprach, der eine Besatzung normalerweise über ein ganzes Jahr hinweg ausgesetzt wäre. Diese geografische Komponente ist entscheidend für die zukünftige Flugplanung, da sie zeigt, dass Routenoptimierungen nicht nur unter ökonomischen, sondern zunehmend unter sicherheitstechnischen Aspekten betrachtet werden müssen.

Wissenschaftliche Einordnung der Forschungsergebnisse

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift „Journal of Space Weather and Space Climate“ unter dem Titel „Assessment of impacts to aviation radiation by extreme space weather events and new atmospheric radiation scales“ veröffentlicht. Einzuordnen ist das Forschungsvorhaben als ein notwendiger Schritt zur Modernisierung der Luftfahrtstandards. Den Berichten zufolge konzentrieren sich die bisherigen Sicherheitsvorgaben fast ausschließlich auf die routinemäßige Strahlenbelastung, die bei normalen Flugbedingungen auftritt. Die extremen Spitzenbelastungen durch Weltraumwetterereignisse finden in den geltenden Zertifizierungsprozessen für Bordelektronik bisher keinen Eingang. Die Forscher kritisieren diesen Umstand scharf und fordern eine Anpassung der Standards. Die wissenschaftliche Arbeit liefert hierfür die notwendige Datenbasis. Die Erstellung einer spezifischen Skala für atmosphärische Strahlung, die auf Messungen hochenergetischer Protonen im Weltraum, bodengestützten Neutronenmonitoren und direkten Daten von Bordgeräten basiert, stellt einen bedeutenden Fortschritt dar. Diese Skala soll es ermöglichen, das Risiko eines Sonnensturms präzise zu quantifizieren und entsprechende Schutzmaßnahmen einzuleiten, bevor die Sicherheit der Flugzeuge beeinträchtigt wird.

Offene Fragen und methodische Herausforderungen

Trotz der fundierten Analyse durch das Surrey Space Centre bleiben wesentliche Fragen unbeantwortet, die für die praktische Umsetzung in der Luftfahrtindustrie von Bedeutung sind. Der Quelltext macht beispielsweise keine Angaben dazu, wie schnell die Luftfahrtbehörden weltweit auf die neuen Erkenntnisse reagieren und ob es bereits politische Bestrebungen gibt, die vorgeschlagene Skala in internationale Abkommen zu integrieren. Zudem bleibt unklar, welche spezifischen technischen Nachrüstungen bei bestehenden Flugzeugflotten möglich oder notwendig wären, um die Anfälligkeit der Bordcomputer gegenüber den identifizierten SEUs effektiv zu senken. Die Frage, inwieweit die Hersteller von Avionik-Systemen bereits an robusteren Hardware-Architekturen arbeiten, die gegen solche Strahlungseinflüsse immun sind, wird im vorliegenden Bericht nicht adressiert. Auch die ökonomischen Auswirkungen von flächendeckenden Flugverboten oder massiven Routenänderungen bei schweren Sonnenstürmen werden nur angedeutet, aber nicht detailliert analysiert. Es bleibt somit offen, wie die Balance zwischen maximaler Sicherheit und der Aufrechterhaltung eines funktionierenden globalen Flugverkehrs in der Praxis gefunden werden soll.

Zukünftige Schritte und notwendige Maßnahmen

Die Wissenschaftler fordern ein einheitliches Verfahren, um die Auswirkungen von extremem Weltraumwetter systematisch zu bewerten und darauf zu reagieren. Die von ihnen entwickelte Skala definiert klare Schwellenwerte, bei deren Überschreitung proaktive Maßnahmen zwingend erforderlich werden. Diese Maßnahmen umfassen ein breites Spektrum: Von einer verstärkten Überwachung der Strahlenwerte in Echtzeit über die kurzfristige Anpassung von Flugrouten, um die gefährdeten Polarregionen zu meiden, bis hin zu vollständigen Flugverboten bei besonders schweren Ereignissen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Wetterdiensten, Luftfahrtbehörden und Fluggesellschaften. Es ist davon auszugehen, dass die Integration dieser neuen Sicherheitsstandards in die Flugplanung ein zentrales Thema für die kommenden Jahre sein wird. Die Notwendigkeit, das Weltraumwetter als festen Bestandteil in die betriebliche Sicherheit der Luftfahrt aufzunehmen, wird durch die zunehmende Empfindlichkeit der modernen Bordelektronik weiter an Dringlichkeit gewinnen, da die technologische Abhängigkeit von digitalen Systemen in der Luftfahrt stetig zunimmt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/laptop-macbook-gras-computer-8533594/ · Foto: Hanna Pad
Quelle: https://www.heise.de/news/Extremes-Weltraumwetter-kann-Flugsicherheit-in-Reiseflughoehe-gefaehrden-11412728.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag