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Enthüllung in Pompeji: Kann dieser Mann wirklich ein Algerier sein?
Kultur · 05.08.2026 18:06

Enthüllung in Pompeji: Kann dieser Mann wirklich ein Algerier sein?

Kurz: Eine neue Bronzerekonstruktion des berühmten Doryphoros in Pompeji sorgt für Debatten. Geht die politische Interpretation des Archäologen Zuchtriegel zu weit?

Ein umstrittenes Abbild der Antike

Die Archäologie gilt seit jeher als ein Feld, das anfällig für ideologische Vereinnahmungen ist. Ob in China, der Türkei oder durch russische Narrative auf der Krim – historische Stätten und Funde werden immer wieder genutzt, um aktuelle politische Ansprüche zu legitimieren. Ein aktuelles Beispiel aus Pompeji zeigt nun, wie brisant die Deutung antiker Kunstwerke in der heutigen Zeit sein kann. Im Zentrum der Debatte steht die am 3. August enthüllte Bronzerekonstruktion des „Kanon“ von Polyklet, auch bekannt als der „Speerträger“.

Die wissenschaftliche Basis der Rekonstruktion

Die neue Statue basiert auf historischen Matrizen der Chiurazzi-Gießerei und kombiniert den Rumpf einer in der Palestra sannitica gefundenen Figur mit dem Hermenkopf aus Herculaneum. Diese Synthese stellt eine aktualisierte Hypothese dar, die auf einem Jahrhundert archäologischer Forschung fußt. In Anlehnung an die „Bunte Antike“, wie sie etwa im Liebieghaus in Frankfurt erforscht wird, wurde die Bronze mit einer dunkleren Patinierung, intarsierten Augen und roten Kupferlippen versehen. Dies entspricht den Erkenntnissen über die ursprüngliche Farbigkeit griechischer Bronzen.

Politische Ambitionen hinter der Kunst

Der Direktor von Pompeji, Gabriel Zuchtriegel, nutzte die Enthüllung der Statue für eine Rede, die weit über rein kunsthistorische Analysen hinausging. Zuchtriegel betonte, dass der „Kanon“ nicht das Ideal eines „blonden und blauäugigen“ Menschen verkörpere. Stattdessen verwies er auf eine mediterrane Herkunft, die theoretisch auch Tunesien, Algerien oder Marokko einschließen könnte. Damit positionierte er die Statue als ein Symbol gegen die Spaltung des Mittelmeerraums.

Besonders brisant ist der Kontext dieser Äußerungen: Zuchtriegel wandte sich explizit gegen die Rhetorik rechter Politiker und Persönlichkeiten wie Elon Musk, die in der Vergangenheit durch eine „Weiße Antike“ argumentierten und nordafrikanische Migranten diffamierten. Mit dem Begriff „orme di zombie“ (Zombie-Gestalten) kritisierte er die Entmenschlichung von Menschen, die an den Küsten Europas Schutz suchen.

Die Gefahr der Instrumentalisierung

Die Einordnung des Doryphoros als potenzieller Nordafrikaner stößt jedoch auf wissenschaftliche Kritik. Experten geben zu bedenken, dass das Original mit hoher Wahrscheinlichkeit einen griechischen Athleten aus dem Umfeld Polyklets darstellte. Die Statue nun als „Kronzeugen“ für aktuelle migrationspolitische Debatten zu nutzen, wird von Kritikern als genauso verfehlt angesehen wie die nationalistischen Umdeutungen, die Zuchtriegel eigentlich bekämpfen möchte.

Die Frage, ob Archäologie als Mittel zur politischen Debatte dienen sollte, bleibt damit offen. Während das Ziel, antike Kunst von rassistischen Mythen zu befreien, wissenschaftlich fundiert ist, erscheint die direkte Übertragung auf moderne politische Konflikte in der Fachwelt umstritten. Kritiker mahnen, dass gut gemeinte Absichten nicht zwangsläufig zu einer besseren wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Einordnung führen, sondern die Gefahr bergen, die Archäologie selbst wieder zur politischen Kampfzone zu machen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/antike-saulen-der-ruinen-von-pompeji-im-sonnenlicht-30204924/ · Foto: Jiří Dočkal
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/mischt-sich-der-pompeji-archaeologe-gabriel-zuchtriegel-mit-seinem-kanon-zu-sehr-in-die-politik-ein-201097687.html