Der schleichende Wandel auf dem chinesischen Arbeitsmarkt
Während in westlichen Industrienationen die Debatte um die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz (KI) auf den Arbeitsmarkt oft noch theoretisch geführt wird, ist die Realität in China bereits deutlich spürbar. Besonders für Menschen in auftragsbasierten Tätigkeiten hat sich die wirtschaftliche Lage durch die rasante Verbreitung von KI-Systemen verschlechtert. Berichten zufolge verzeichnen Berufsgruppen wie Taxifahrer oder Freiberufler signifikante Einkommenseinbußen, die ihre Existenzgrundlage bedrohen.
Robotaxis und der Druck auf das Taxigewerbe
Ein prominentes Beispiel für diesen Wandel ist der Transportsektor. In vielen chinesischen Großstädten gehören autonome Fahrzeuge mittlerweile zum Alltag. Doch der technologische Fortschritt verläuft nicht ohne Reibungsverluste. Im März 2026 kam es in Wuhan zu einem Zwischenfall mit Fahrzeugen des Anbieters Apollo Go, bei dem eine Systemstörung den Verkehr blockierte und Fahrgäste in den Taxis festsaßen. Die Behörden zogen die Flotte daraufhin vorübergehend aus dem Verkehr.
Für menschliche Taxifahrer wie Yao Xinnong ist der Aufstieg der Robotaxis jedoch kein bloßes technisches Ärgernis, sondern ein finanzielles Desaster. Seit dem Markteintritt von Apollo Go im Jahr 2022 beziffert er seine Einkommensverluste auf rund 40 Prozent. Die Unzufriedenheit in der Branche entlud sich 2024 in Wuhan in seltenen Protesten, bei denen Fahrer gegen die autonome Konkurrenz demonstrierten – ein bemerkenswerter Vorgang in einem Umfeld, in dem öffentliche Kritik an staatlich geförderten Projekten meist vermieden wird.
Freiberufler im Sog der Deepfake-Technologie
Nicht nur physische Dienstleistungen sind betroffen, auch die Kreativwirtschaft steht unter Druck. Der Kameramann Tian Zemin berichtet, dass seine Honorare als Freiberufler auf nur noch 40 Prozent des Niveaus von 2019 gesunken sind. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie entwickelt, überfordert viele Fachkräfte. Während KI-Systeme noch im Vorjahr lediglich einfache Avatare erzeugen konnten, ermöglichen aktuelle Tools wie das von Bytedance veröffentlichte „Seedance 2.5“ mittlerweile die Erstellung hyperrealistischer Videos und Spielfilme. Diese Entwicklung hat den Wettbewerb zwischen den USA und China weiter verschärft.
Ein Umdenken in der staatlichen Strategie
Lange Zeit galt die Förderung von KI als oberste Priorität der Pekinger Regierung. Laut der Technologieanalystin Selina Xu lässt sich jedoch mittlerweile ein „großer Stimmungsumschwung“ beobachten. Die staatliche Führung scheint erkannt zu haben, dass der technologische Fortschritt soziale Spannungen erzeugt. Ein Leitartikel in der staatlichen Zeitung „Workers‘ Daily“ warnte jüngst vor einem Zusammenprall zwischen traditionellen Beschäftigungsnormen und der KI-Entwicklung und betonte, dass Arbeitnehmerrechte vor neuen Herausforderungen stünden.
Vertreter der Pekinger Kommunalverwaltung, darunter Cheng Wanhui, signalisieren nun eine stärkere Fokussierung auf die sozialen und ethischen Implikationen der Technologie. Es geht um einen „menschenorientierten Ansatz“, um die Bevölkerung vor den negativen Folgen der Automatisierung zu bewahren.
Rechtliche Schutzmechanismen und zukünftige Perspektiven
Erste juristische Schritte deuten darauf hin, dass die chinesische Justiz bereit ist, Arbeitnehmer zu schützen. Es gibt bereits Gerichtsurteile, die KI-bedingte Entlassungen für unzulässig erklärten und den Betroffenen Entschädigungen zusprachen. Dies unterscheidet die Situation in China maßgeblich von den USA, wo Arbeitnehmer bei KI-bedingten Kündigungen bislang kaum rechtlichen Rückhalt genießen. Dort stieg der Anteil KI-bedingter Entlassungen laut Analysen von Challenger, Gray & Christmas innerhalb eines halben Jahres von unter einem Prozent auf 31 Prozent an.
Experten wie Selina Xu halten es für plausibel, dass China aufgrund der engen staatlichen Kontrolle über den Privatsektor besser in der Lage sein könnte, die Folgen abzufedern. Denkbar wären staatliche Vorgaben für Unternehmen, etwa in Form von Einstellungsquoten. Ob diese Maßnahmen ausreichen werden, um die tiefgreifenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen, bleibt jedoch eine der zentralen Fragen für die kommenden Jahre.