Ein kulturelles Erbe unter Druck
Im Westen von Texas erstrecken sich die Lower Pecos Canyonlands, eine Region von herausragender Bedeutung für die nordamerikanische Kulturgeschichte. In den dortigen Höhlen und Felsüberhängen finden sich archäologische Zeugnisse, die bis zu 6000 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen. Besonders die dortigen Felsmalereien gelten für Wissenschaftler als bedeutende Forschungsstätten, während sie für indigene Gruppen eine tief verwurzelte kulturelle Identität repräsentieren. Doch durch den forcierten Ausbau der Grenzanlagen zu Mexiko gerät dieses Erbe zunehmend in Gefahr.
Die Aushebelung geltender Gesetze
Um den Bau der Grenzbefestigungen voranzutreiben, hat das Heimatschutzministerium mehrfach grundlegende Umwelt- und Denkmalschutzgesetze außer Kraft gesetzt. Dazu zählen unter anderem der *Archaeological and Historic Preservation Act* sowie der *Native American Graves Protection and Repatriation Act*. Diese rechtliche Ausnahmeregelung erstreckt sich mittlerweile auf ein Gebiet, das vom Big Bend National Park bis zum Lake Amistad reicht.
Die offizielle Begründung des Ministeriums verweist auf eine hohe Anzahl illegaler Grenzübertritte. Lokale Organisationen widersprechen dieser Darstellung jedoch vehement und betonen, dass die betroffene Region aufgrund ihrer unwirtlichen Gegebenheiten für eine massenhafte irreguläre Migration ungeeignet sei.
Zerstörung durch das „Smart Wall“-Projekt
Das als „Smart Wall“ bezeichnete Grenzprojekt, dessen Kosten auf 46 Milliarden Dollar taxiert werden, umfasst nicht nur physische Mauern, sondern auch umfangreiche Überwachungstechnologien. Ein Unternehmen aus North Dakota wurde mit dem Bau einer rund 266 Kilometer langen Fahrzeugbarriere beauftragt, die direkt durch die archäologische Zone der Lower Pecos Canyonlands führen soll. Experten und Fachpublikationen wie *Hyperallergic* warnen, dass insgesamt 425 archäologische Fundstätten beeinträchtigt werden könnten, darunter 84 Orte mit bedeutenden Petroglyphen.
Da die rechtlichen Schutzmechanismen in diesen Zonen suspendiert wurden, fehlt es Archäologen sowie Vertretern indigener Nationen an institutionalisierten Mitspracherechten. Dass diese Sorgen berechtigt sind, zeigte sich bereits im April: Die Grenzschutzbehörde räumte ein, dass Bauarbeiter in Arizona das etwa tausend Jahre alte *Las Playas Intaglio*, eine großflächige Bodenzeichnung, teilweise zerstört hatten.
Landesweite Deregulierung des Denkmalschutzes
Die Entwicklung an der Grenze ist Teil einer umfassenderen Strategie. Die US-Regierung arbeitet derzeit an einer Reform, die den Schutz historischer Stätten auf nationaler Ebene grundlegend verändern könnte. Bisher bildet der *National Historic Preservation Act* von 1966 das Fundament, welches Behörden dazu verpflichtet, bei Bauvorhaben die Auswirkungen auf historische Orte zu prüfen und den Dialog mit Fachleuten zu suchen.
Ein vom *Advisory Council on Historic Preservation* (ACHP) entworfener Regelentwurf zielt darauf ab, diese Mitsprachemöglichkeiten von Denkmalschützern und indigenen Gemeinschaften einzuschränken. Da der Entwurf ohne eine direkte Änderung durch den Kongress umgesetzt werden könnte, stünde der Regierung künftig ein größerer Entscheidungsspielraum offen. Befürworter der Maßnahme argumentieren mit dem Abbau bürokratischer Hürden („red tape“).
Mögliche Folgen für die Zukunft
Denkmalschützer blicken mit Sorge auf diese Entwicklung. Sie befürchten, dass Unternehmen künftig leichter Genehmigungen erhalten könnten, um beispielsweise Datencenter auf indigenen Grabstätten zu errichten oder in ökologisch und kulturell sensiblen Regionen wie dem Chaco Canyon in New Mexico Ressourcen wie Öl und Gas zu fördern.
Zudem vermuten Beobachter, dass die Deregulierung auch den eigenen Bauvorhaben der Regierung in Washington zugutekommen soll, die nach bisherigem Recht strengen Prüfungen unterliegen würden. Während seit den 1960er Jahren stets ein Abwägungsprozess zwischen wirtschaftlichen Interessen und kultureller Bedeutung stattfand, scheint die aktuelle politische Linie darauf abzuzielen, diesen Ausgleich zugunsten einer uneingeschränkten Bautätigkeit aufzulösen.