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Debatte um Baukunst: Haben wir verlernt, schön zu bauen?
Kultur · 25.08.2026 10:37

Debatte um Baukunst: Haben wir verlernt, schön zu bauen?

Kurz: Eine tiefgreifende Debatte über Architektur: Warum Schönheit in der Baukunst heute fehlt und was wir von historischen Vorbildern lernen können.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Architekturdebatte hat sich in jüngster Zeit um eine fast vergessene Kategorie erweitert: die Schönheit. In einem Gastbeitrag für die F.A.Z. setzt sich der Autor Albert Kirchengast kritisch mit dem aktuellen Zustand der Baukultur auseinander. Er konstatiert eine Disbalance zwischen Mensch und Natur, die sich in einer zunehmenden ästhetischen Verarmung unserer Lebensumwelt widerspiegelt. Während in der Fachwelt oft über technische Standards, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit debattiert wird, bleibt die Frage nach der Schönheit – also der Qualität von Form, Raum und Material – meist außen vor. Kirchengast beobachtet, dass täglich mehr Schönheit verloren geht, als wir in der Lage sind, neu zu schaffen. Dies zeigt sich besonders deutlich in modernen Neubaugebieten, Gewerbezonen und den stadtnahen Landschaften, die oft als seelenlos wahrgenommen werden. Der Autor fordert eine grundlegende Neubesinnung, die über rein funktionale oder ökologische Aspekte hinausgeht und das Bauen wieder als eine Form der Lebensgestaltung begreift, die das menschliche Bedürfnis nach einem stimmigen Umfeld ernst nimmt.

Die Einzelheiten

Der Autor Albert Kirchengast, der unter anderem das Werk „Weiterbauen an Dorf, Siedlung, Stadt“ im Birkhäuser Verlag veröffentlicht hat, beleuchtet die Problematik anhand historischer Referenzen. Er zitiert William Morris, einen Mitbegründer der Arts-and-Crafts-Bewegung, der bereits um 1880 vor der Zerstörung der Schönheit des Lebens durch die Industrialisierung warnte. Morris forderte eine Einheit von Kunst, Gewerbe und Alltag. Ein weiteres zentrales Beispiel ist der Architekt Heinrich Tessenow, der als Lehrer von Albert Speer bekannt wurde, jedoch für seine sachliche Haltung zwischen Klassik und Moderne geschätzt wird. Tessenow betonte in seinem Buch „Handwerk und Kleinstadt“ die Bedeutung der Gemeinschaft und der angemessenen Größe. Während Morris das Industrieproletariat im Blick hatte, fokussierte sich Tessenow auf das Kleinbürgertum. Beide sahen im Wohnen eine verbindende Lebensform. Kirchengast kritisiert zudem die heutige Ausbildung an Hochschulen, in der Entwurfsklassen zunehmend mit ortlosen Collagen und KI-generierten Bildern geflutet würden, anstatt ein Verständnis für den konkreten Ort und die Bedürfnisse der Menschen zu entwickeln.

Hintergrund – wie es dazu kam

Die aktuelle Misere der Baukultur lässt sich laut Kirchengast auf eine Entwicklung zurückführen, die bereits mit der industriellen Revolution begann. Die Steigerungslogik des Kapitalismus und die Macht der Masse haben dazu geführt, dass Architektur zunehmend als Produktion von Produkten statt als Gestaltung von Dingen verstanden wird. Diese Entwicklung hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt. Die Architekturdisziplin hat sich dabei in ein Fachvokabular zurückgezogen, in dem der Begriff der Schönheit als rein subjektive „Geschmackssache“ abgetan wird, um sich der Diskussion zu entziehen. Der Autor weist darauf hin, dass die Architekturkritik oft wohlmeinend über Projekte berichtet, ohne die grundlegenden Mängel zu benennen. Die soziale Medienlandschaft reagiert auf Kritik an der Baukultur zudem oft mit einem Reflex der Ablehnung, da man jene, die vermeintlich für eine „gerechte Sache“ kämpfen, nicht angreifen wolle. Dadurch wurde jedoch der Blick auf die ästhetische Qualität und die humane Dimension des Bauens über Jahrzehnte hinweg systematisch verstellt.

Die Beteiligten

In der Debatte stehen sich verschiedene Akteure gegenüber. Auf der einen Seite stehen die Architekten und Planer, die sich oft in einem Spannungsfeld zwischen ökonomischen Zwängen, normativen Vorgaben und dem eigenen Anspruch bewegen. Kirchengast erwähnt explizit junge und kleine Büros, die zwar den Kampf für bessere Baukultur antreten, aber oft an den Widerständen des Systems scheitern. Auf der anderen Seite stehen die Institutionen, wie Hochschulen und Universitäten, die durch ihre Lehrmethoden das Verständnis von Architektur prägen. Der Autor kritisiert hierbei eine Abkehr von der lebensweltlichen Einbettung zugunsten einer bildlustigen Referenzkultur. Auch die breite Öffentlichkeit ist betroffen, da sie in einer Umgebung lebt, die zunehmend von industriellen Fertigteilen und der Angst vor Normabweichungen geprägt ist. Historische Figuren wie William Morris und Heinrich Tessenow dienen als moralische und fachliche Kompasse, an denen sich die heutige Praxis messen lassen muss, wobei Kirchengast Tessenow explizit von dessen Verbindung zu Speer abgrenzt und dessen architektonische Leistung würdigt.

Einordnung – was das bedeutet

Einzuordnen ist die Kritik von Albert Kirchengast als ein Plädoyer für eine neue Bescheidenheit und Maßhaltung. Die Bewertung des Autors ist eindeutig: Unser aktuelles Bauen ist in einer Disbalance mit der Natur und uns selbst. Die „Bauwende“, die primär über den CO2-Ausstoß definiert wird, greift laut Kirchengast zu kurz, da sie die Lebenspraxis nicht verändert. Die Architektur läuft Gefahr, sich selbst abzuschaffen, wenn sie nur noch auf kurzlebige Zyklen und die schnelle Dekonstruktion von Objekten setzt. Die Schönheit wird hierbei nicht als luxuriöses Extra verstanden, sondern als eine ethische Kategorie: Schön ist, was in sich schlüssig wirkt und nicht nach einem „Mehr“ verlangt. Kirchengast bewertet den Verlust an Wohnkultur als einen der Hauptgründe für die allgemeine Anspruchslosigkeit, die dazu führt, dass Menschen versuchen, ihrem konkreten Umfeld durch Fernreisen zu entfliehen. Die Architektur muss sich daher wieder als Treffpunkt von Ideal und Konkretion begreifen, um ihre gesellschaftliche Relevanz zurückzugewinnen.

Offene Fragen

Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die für eine praktische Umsetzung der Forderungen entscheidend wären. So bleibt offen, wie genau die Ausbildung an Hochschulen konkret reformiert werden müsste, um das „ungeschulte Auge“ der Studierenden wieder für die Realität des Alltags zu sensibilisieren. Es wird nicht präzisiert, welche regulatorischen oder politischen Rahmenbedingungen geändert werden müssten, um den Druck der „Steigerungslogik“ auf die Architekten zu mindern. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, wie eine breite Öffentlichkeit, die an die Ästhetik von Lifestyle-Magazinen und industriellen Standards gewöhnt ist, für eine neue Form der Genügsamkeit gewonnen werden kann. Der Text benennt zwar das Problem der „konsumförmigen Individualität“, bietet jedoch keine konkrete Strategie an, wie der Einzelne aus diesem Kreislauf ausbrechen kann, ohne sich vollständig von den modernen Errungenschaften der Zivilisation zu isolieren. Die praktische Schnittstelle zwischen der philosophischen Forderung nach Schönheit und der harten Realität von Bauvorschriften und Finanzierung bleibt eine Leerstelle.

Wie es weitergeht

Konkrete Termine oder politische Entscheidungen werden im Text nicht genannt. Die Zukunft der Baukultur hängt laut Kirchengast jedoch von einer bewussten Entscheidung der Akteure ab. Es wird ein Umdenken gefordert, das bei der Ausbildung an den Universitäten beginnt und in einem neuen Selbstverständnis der Praktiker mündet. Die Architektur muss sich entscheiden, ob sie weiterhin nur als Dienstleister für die Industrie fungieren will oder ob sie das „Projekt der Schönheit“ als gesellschaftliche Aufgabe annimmt. Es steht die Entscheidung aus, ob wir bereit sind, die Haltbarkeit der Welt wieder als Wert zu begreifen, anstatt alles als kurzlebige Produkte zu betrachten. Die Debatte ist damit als ein fortlaufender Prozess angelegt, der von jedem Einzelnen – vom Architekten bis zum Bewohner – ein aktives Engagement für die Gestaltung des Lebensraums fordert. Es ist ein Aufruf, das Wohnen wieder als eine Form der Lebenslehre zu begreifen, die uns zeigt, wie wir uns auf der Welt verhalten wollen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/treppe-stufen-stadt-himmel-16721695/ · Foto: Nevtuğ Yalçın
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/architektur/haben-wir-vergessen-wie-schoenes-bauen-funktioniert-accg-201047632.html