Ein neues Mittel gegen die Stille-Störung
In der Welt der klassischen Musik gibt es ein Phänomen, das Musiker seit Generationen zur Verzweiflung treibt: das Husten im Konzertsaal. Sobald das Orchester innehält oder eine leise Passage beginnt, bricht in den Zuschauerreihen oft ein regelrechtes Konzert an Husten und Räuspern aus. Ein neuer Ansatz, um dieses Problem zu lösen, kommt nun von dem 84-jährigen Unternehmer Hans-Dieter Mock. Er hat ein spezielles „Konzert- und Theaterbonbon“ entwickelt, das genau darauf abzielt, den Hustenreiz bei den Zuhörern zu unterdrücken. Die Besonderheit liegt nicht nur in der Rezeptur, die auf Süßholz basiert, sondern auch in der Verpackung: Die Dose ist mit einem speziellen, schalldämmenden Vlies ausgekleidet. Dies soll verhindern, dass das typische Klappern beim Öffnen der Dose oder beim Entnehmen des Bonbons die ohnehin fragile Stille im Saal erneut stört. Das Produkt wurde im Juni auf den Markt gebracht und ist in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich, wobei eine Variante explizit zuckerfrei produziert wird. Damit soll ein langjähriges Ärgernis, das sowohl Künstler als auch das Publikum belastet, auf diskrete Weise aus der Welt geschafft werden.
Die Details zum Produkt und den Hintergründen
Hans-Dieter Mock, der früher als Anwalt und Unternehmer tätig war, stieß auf die Idee für dieses Bonbon durch ein Schlüsselerlebnis im Friedrich-von-Thiersch-Saal in Wiesbaden. Dort beklagte sich ein Dirigent öffentlich darüber, warum Menschen mit Erkältungssymptomen überhaupt Konzerte besuchen, anstatt sich medizinisch behandeln zu lassen. Mock, der nach eigenen Angaben 99 Jahre alt werden möchte, sah hier eine Marktlücke. Er erwarb die Rechte an der Marke „Caruso“, die auf den berühmten Tenor Enrico Caruso zurückgeht. Dieser soll der Überlieferung nach ein ähnliches, damals anonymes Hustenbonbon eines Apothekers genutzt haben, um ein Gastspiel in Hamburg trotz gesundheitlicher Probleme zu überstehen. Mock suchte das Inhaberehepaar der Marke bei Kassel auf und kaufte das Konzept auf. Das neue „Konzert- und Theaterbonbon“ ist nun das Ergebnis dieser Recherche. Während Mock persönlich von der Wirksamkeit überzeugt ist, weist er darauf hin, dass er aufgrund der deutschen Rechtslage keine expliziten Gesundheitsversprechen abgeben darf. Dennoch ist er zuversichtlich, dass das Produkt einen Beitrag zur Erhaltung der notwendigen Stille bei kulturellen Darbietungen leisten kann.
Historische Belastung und die Psychologie des Hustens
Das Problem des Hustens in Konzertsälen ist kein neues Phänomen, sondern ein historisch tief verwurzeltes Ärgernis. Berühmte Musiker wie der Jazzpianist Keith Jarrett oder der Interpret Alfred Brendel sind dafür bekannt geworden, dass sie Konzerte wegen des störenden Hustens aus dem Publikum unterbrachen oder sogar abbrachen. Jarrett nutzte in der Alten Oper Frankfurt sogar symbolisch Hustenbonbons, die er an das Publikum verteilte, um seinen Unmut über die Störungen auszudrücken. Auch auf historischen Tonträgern, etwa einem Mitschnitt aus Bayreuth mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen, ist das „Bellen“ aus dem Zuschauerraum verewigt. Der Kulturökonom Andreas Wagener von der Universität Hannover untersuchte dieses Verhalten 2012 wissenschaftlich. Er stellte fest, dass Menschen im Konzertsaal statistisch gesehen doppelt so häufig husten wie im Alltag. Seine Theorie: Das Verbot, zu husten, erzeugt einen psychologischen Druck, der den Hustenreiz erst recht auslöst. Dieser „Hustenzwang“ wurde bereits von Autoren wie Heinrich Böll, Ephraim Kishon und Loriot literarisch und satirisch verarbeitet, was die kulturelle Bedeutung des Themas unterstreicht.
Die Akteure und Institutionen im Prozess
Im Zentrum dieser Entwicklung steht Hans-Dieter Mock, der als treibende Kraft hinter dem „Kulturbonbon“ fungiert. Seine Motivation speist sich aus seiner lebenslangen Leidenschaft für Musik, die er bereits als Kind am Cello und Klavier auslebte, bevor er sich seiner beruflichen Karriere widmete. Auf der anderen Seite stehen die großen Konzerthäuser, die nun als Partner fungieren. Die Berliner Philharmoniker und die Staatsoper Unter den Linden haben bereits angekündigt, das Bonbon als erste Häuser in der kommenden Saison anzubieten. Diese Kooperation zeigt, dass das Bedürfnis nach einer Lösung für das Husten-Problem auch auf institutioneller Ebene groß ist. Die Einbeziehung der Marke „Caruso“ schlägt zudem eine Brücke zur Geschichte der Oper, indem sie den Namen eines der größten Sänger des 20. Jahrhunderts mit der modernen Lösung für ein Publikumsproblem verknüpft. Es ist eine Zusammenarbeit zwischen einem privaten Unternehmer, der eine Marktlücke füllt, und den renommiertesten Kulturinstitutionen des Landes, die versuchen, den Konzertbesuch für alle Gäste angenehmer und störungsfreier zu gestalten.
Einordnung der kulturellen Dimension
Einzuordnen ist das neue Bonbon als Versuch, die Akustik und die Konzentration in Konzertsälen zu schützen. Den Berichten zufolge ist die Stille eine Grundvoraussetzung für den Kulturgenuss, da gerade in Konzertsälen jedes Geräusch – vom Niesen bis zum Knarren – durch die Architektur verstärkt wird. Kritisch betrachtet könnte man jedoch argumentieren, dass das Husten ein untrennbarer Teil der menschlichen Anwesenheit im Raum ist. Die Studie der Universität Hannover deutet darauf hin, dass bei komplexen Werken häufiger gehustet wird, was als eine Form der unbewussten Kritik oder Überforderung interpretiert werden könnte. Zudem hat das Husten die Kunstgeschichte beeinflusst: Yoko Onos „Cough Piece“ oder Dieter Schnebels „Maulwerke“ nutzen Husten und Atemgeräusche als bewusstes künstlerisches Material. Die Frage ist daher, ob ein „hustenfreies“ Konzert eine sterile Perfektion erreicht, die vielleicht einen Teil der lebendigen, menschlichen Komponente des Live-Erlebnisses opfert. Dennoch überwiegt derzeit der Wunsch nach einer störungsfreien Darbietung, was den Siegeszug des Bonbons in den großen Häusern wahrscheinlich macht.
Offene Fragen zur Wirksamkeit und Akzeptanz
Obwohl das Konzept des „Konzert- und Theaterbonbons“ vielversprechend klingt, bleiben einige Aspekte ungeklärt. Der Quelltext lässt offen, wie effektiv das Süßholz tatsächlich bei einem akuten Hustenreiz wirkt, der durch psychologische Faktoren oder eine echte Erkältung ausgelöst wird. Auch die Frage der Akzeptanz durch das Publikum ist noch nicht abschließend geklärt: Werden die Besucher die Dose tatsächlich als diskrete Hilfe annehmen, oder wird das Auspacken und Lutschen des Bonbons in einer sehr leisen Passage selbst wieder als störend empfunden? Zudem bleibt unklar, wie die Häuser mit der Verteilung umgehen werden – ob die Bonbons kostenlos bereitgestellt werden oder als kommerzielles Produkt an der Garderobe oder im Foyer erworben werden müssen. Auch die langfristige Wirkung auf das Konzertklima ist eine Unbekannte. Wird das Bonbon das Husten tatsächlich signifikant reduzieren, oder bleibt es ein symbolischer Akt, ähnlich wie die Verteilungsaktion von Keith Jarrett vor Jahren? Diese Fragen werden erst nach den ersten Praxistests in der neuen Saison beantwortet werden können.
Der Ausblick in die kommende Saison
Die Einführung des „Konzert- und Theaterbonbons“ steht unmittelbar bevor. Die Berliner Philharmoniker und die Staatsoper Unter den Linden haben sich bereits dazu entschieden, das Produkt in der beginnenden Saison anzubieten. Dies stellt den ersten großen Praxistest für das Konzept von Hans-Dieter Mock dar. Ob sich das Bonbon als Standard in deutschen Konzertsälen etablieren wird, hängt nun von der Resonanz des Publikums und der tatsächlichen akustischen Entlastung ab, die durch das Produkt erzielt wird. Sollte sich das Bonbon als wirksam erweisen, ist es denkbar, dass weitere Konzerthäuser und Opernbühnen dem Beispiel folgen werden. Die Entscheidung, das Produkt in den Spielbetrieb zu integrieren, markiert einen offiziellen Schritt der Institutionen, das Problem des „Hustens im Konzert“ aktiv anzugehen. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Vorstoß den erhofften Effekt hat und ob das „Kulturbonbon“ tatsächlich die ersehnte Ruhe in die Konzertsäle bringt, ohne die künstlerische Atmosphäre zu beeinträchtigen.