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Autor Stephan Thome über Grenzgang in Biedenkopf: Konflikt als Stoff für Roman
Regional · 08.08.2026 15:30

Autor Stephan Thome über Grenzgang in Biedenkopf: Konflikt als Stoff für Roman

Kurz: Der Autor Stephan Thome beleuchtet in seinem neuen Roman den Biedenkopfer Grenzgang und die gesellschaftlichen Spannungen um Tradition und Blackfacing.

Ein Traditionsfest als Brennglas gesellschaftlicher Debatten

Alle sieben Jahre steht Biedenkopf im Zeichen des Grenzgangs. Das historische Volksfest ist tief in der Identität der Region verwurzelt, doch in den vergangenen Jahren ist es zum Schauplatz intensiver gesellschaftlicher Auseinandersetzungen geworden. Im Zentrum der Kritik steht die Praxis des sogenannten Blackfacings, die von Kritikern als rassistisch eingestuft wird. Der Schriftsteller Stephan Thome, der in Biedenkopf aufwuchs und heute in Taipeh lebt, greift diese Dynamik in seinem neuen Roman „Besser als nie“ auf.

Literatur als Instrument der Vermittlung

Thome, der bereits 2009 mit seinem Debütroman „Grenzgang“ literarisch auf seine Heimat blickte, versteht sein neues Werk nicht als Fortsetzung. Vielmehr dient das Fest als „Brennpunkt“ für eine Analyse der ländlichen Befindlichkeiten im Deutschland des Jahres 2026. Der Autor sieht in der Literatur ein probates Mittel, um zwischen gegensätzlichen Standpunkten zu vermitteln. Indem Leser in die Perspektiven verschiedener Figuren eintauchen, könne ein Verständnis für abweichende Sichtweisen entstehen. Dies sei in einer Zeit, in der die Fähigkeit zum Perspektivwechsel abnehme, von besonderer Bedeutung.

Der Konflikt um das Blackfacing

Die Debatte um die schwarze Schminke beim Grenzgang hat sich seit Thomes erstem Roman deutlich gewandelt. Während das Thema vor rund 15 Jahren für den Autor noch keine zentrale Rolle spielte, hat ein gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein – etwa durch Bewegungen wie „Black Lives Matter“ – den Blick auf die Folklore verändert. Thome betont, dass die Tradition zwar nicht aus böser Absicht fortgeführt werde, die historische Herkunft der Figur aus dem Kontext des Kolonialismus jedoch nicht ausgeblendet werden dürfe. Die Weigerung, sich mit diesen historischen Hintergründen auseinanderzusetzen, empfindet der Autor als problematisch.

Stadt-Land-Verhältnis und gesellschaftliche Erschütterung

Der Roman thematisiert zudem die Kluft zwischen Stadt und Land. Laut Thome wird dieser Unterschied in seiner Bedeutung oft überschätzt, da auch ländliche Regionen heute über dieselben Informationsquellen verfügen wie urbane Zentren. Die Reibung entstehe häufig durch das Gefühl der Landbevölkerung, von städtischen Milieus bevormundet oder moralisch beurteilt zu werden.

Zusätzlich durchzieht den Text eine spürbare Verunsicherung, die der Autor auf die Zeit nach der Corona-Pandemie zurückführt. Die Pandemie habe das Vertrauen in politische Institutionen und Experten nachhaltig erschüttert. Viele Menschen hätten sich aus einem gemeinsamen gesellschaftlichen Diskurs zurückgezogen, was für den Zusammenhalt der Demokratie eine Herausforderung darstelle.

Die Notwendigkeit des Dialogs

Die zentrale Botschaft des Romans lässt sich in dem Appell zusammenfassen: „Wir müssen reden.“ Thome sieht in der Demokratie ein „endloses Gespräch“, das trotz aller Kommunikationsschwierigkeiten fortgeführt werden müsse. Auch wenn konkrete Lösungsvorschläge, wie die Umbenennung oder Umgestaltung der kritisierten Figur, vor Ort auf Widerstand stoßen, bleibt der Austausch für den Autor der einzig gangbare Weg. Sein Roman fungiert dabei als Einladung, den Dialog trotz verhärteter Fronten nicht aufzugeben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historisches-altes-rathaus-in-esslingen-deutschland-33790265/ · Foto: Hernan Berwart
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-autor-stephan-thome-ueber-grenzgang-in-biedenkopf-konflikt-als-stoff-fuer-roman-100.html