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Archivfund: „Das ist keine Zigarre, das ist ein Kriegsgrund“
Politik · 09.08.2026 18:22

Archivfund: „Das ist keine Zigarre, das ist ein Kriegsgrund“

Kurz: Ein verschollenes DEFA-Drehbuch von Heiner Müller gibt neue Einblicke in die Zwangskollektivierung der DDR-Landwirtschaft und Müllers frühen Schreibprozess.

Einblicke in ein vergessenes Filmprojekt

Der Dramatiker Heiner Müller, der als einer der bedeutendsten Theaterautoren der DDR gilt, hinterließ ein umfangreiches Archiv, das bis heute Überraschungen bereithält. Bei Recherchen im Heiner-Müller-Archiv der Akademie der Künste stieß die Literaturwissenschaftlerin Janine Ludwig auf Spuren eines bisher unbekannten Filmprojekts namens „Die Brigade“. Das Drehbuch, das um 1960 für die DEFA entstand, befasst sich mit der Kollektivierung eines Dorfes – einem Thema, das Müller kurz darauf mit seinem Theaterstück „Die Umsiedlerin“ ins Zentrum einer kulturpolitischen Kontroverse rückte.

Die „sozialistische Unternehmensberatung“ auf dem Land

Das Drehbuch basiert auf einer Kurzgeschichte der Schriftstellerin Marta Nawrath. Diese beschrieb den Einsatz staatlicher Brigaden, die Ende der 1950er Jahre durch DDR-Dörfer zogen, um Bauern zum Eintritt in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) zu bewegen. Hintergrund war die schleppende Umsetzung der Kollektivierung, die seit 1952 auf freiwilliger Basis nur etwa 30 Prozent der Landwirte erreicht hatte. Ab 1958 verschärfte die SED den Druck durch gezielte Kampagnen, bei denen Brigaden aus Funktionären und Agitatoren die Dörfer besuchten.

Im Fokus des Drehbuchs steht das Dorf Riesigk bei Dessau, das tatsächlich Schauplatz einer solchen Kampagne war. Müller und seine damalige Frau Inge recherchierten vor Ort und verarbeiteten die Erfahrungen der Bauern in ihrem Skript. Während die offizielle Darstellung der Zeit den heroischen Kampf gegen „reaktionäre Großbauern“ betonte, zeichnete Müller ein differenzierteres Bild. Er hinterfragte die einseitige Darstellung der Konflikte und versuchte, die Ängste der Landwirte um ihr Eigentum und ihre Lebensleistung einzubinden.

Künstlerische Freiheit versus ideologische Vorgaben

Obwohl Müller das Projekt aus finanziellen Gründen annahm, zeigt der Vergleich zwischen den verschiedenen Entwürfen – von der Materialskizze bis zum 168-seitigen Rohdrehbuch – eine zunehmende Distanz zur ideologischen Vorlage. Müller strich plakative Szenen wie Maifeiern und Kampfgruppen-Aufmärsche. Seine handschriftlichen Notizen belegen kritische Reflexionen über die schematische Zeichnung der Figuren. Er verlieh den Bauern menschlichere Züge, während er die Brigademitglieder teils als ahnungslose Eindringlinge darstellte, die das Dorf „im Galopp“ in den Sozialismus zwingen wollten.

Besonders bemerkenswert sind die Dialoge, die durch lakonische Oneliner wie „Das ist keine Zigarre, das ist ein Kriegsgrund“ aufgelockert werden. Müller war zwar von den ökonomischen Vorteilen der LPG-Struktur überzeugt, glaubte jedoch an die Notwendigkeit einer echten Überzeugungsarbeit statt an bloßen Zwang.

Das Scheitern des Films und der Weg zur „Umsiedlerin“

Das Projekt scheiterte letztlich an der historischen Entwicklung. Als das Drehbuch 1960 eingereicht wurde, hatte die Zwangskollektivierung die Realität längst überholt. Die DEFA-Dramaturgie lehnte das Skript mit der Begründung ab, es halte dem gesellschaftlichen Prozess nicht mehr stand. Müller wurde nahegelegt, das Material in eine Komödie umzuwandeln – ein Schritt, den er jedoch nicht vollzog.

Stattdessen konzentrierte er sich auf die Arbeit an „Die Umsiedlerin“. Motive und Figuren aus dem DEFA-Drehbuch flossen in dieses Theaterstück ein, das 1961 kurz nach der Premiere verboten wurde. Die Entdeckung des Drehbuchs im Bundesarchiv bietet nun die seltene Gelegenheit, die Entwicklung von Müllers kritischem Blick auf die DDR-Gesellschaft nachzuvollziehen. Aktuelle Recherchen zu den Nachkommen der damaligen Riesigker Bürger sollen zudem klären, wie die Kampagne vor Ort tatsächlich wahrgenommen wurde und welche Spuren der Druck der damaligen Zeit bei den Betroffenen hinterließ.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/modell-eines-tanks-auf-weissem-hintergrund-35546855/ · Foto: Matias Luge
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/verschollenes-defa-drehbuch-von-heiner-mueller-wiederentdeckt-accg-201091171.html