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Alex Haleys „Roots“: Gesprengte Ketten?
Kultur · 29.07.2026 09:31

Alex Haleys „Roots“: Gesprengte Ketten?

Kurz: Alex Haleys „Roots“ veränderte 1976 die Wahrnehmung der Sklaverei nachhaltig. Ein Blick auf die Saga einer Familie zwischen historischem Anspruch und Fiktion.

Ein Meilenstein der literarischen Aufarbeitung

Die weltweite Bekanntheit der Grausamkeiten, die während der Ära der Sklaverei in den Vereinigten Staaten verübt wurden, beruht auf einer Vielzahl von Quellen. Von authentischen Berichten ehemaliger Sklaven bis hin zu literarischen Fiktionen reicht das Spektrum der Aufarbeitung. Doch im Jahr 1976 gelang es einem Werk, alle bisherigen Darstellungen in ihrer Breitenwirkung zu übertreffen: Alex Haleys „Roots“. Das Buch, das den Untertitel „Die Saga einer amerikanischen Familie“ trägt, markierte einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie die US-amerikanische Öffentlichkeit ihre eigene Gewaltgeschichte wahrnahm.

Vom Journalismus zur Familiensaga

Alex Haley, 1921 in Upstate New York geboren, war bereits als Journalist etabliert, bevor er sich seinem ambitionierten Projekt widmete. Bekanntheit erlangte er zuvor unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtler Malcolm X an dessen Autobiografie. Die Suche nach den eigenen afroamerikanischen Wurzeln führte Haley schließlich zu dem monumentalen Werk, das Millionen von Lesern weltweit in seinen Bann ziehen sollte.

Die Erzählung setzt Mitte des 18. Jahrhunderts im heutigen Gambia ein. Im Zentrum steht Kunta Kinte, ein Mann, der gewaltsam verschleppt und in die Kolonie Maryland deportiert wird. Die Geschichte begleitet ihn und seine Nachfahren über Generationen hinweg bis in die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, als sie sich als freie Siedler in Tennessee niederlassen. In den abschließenden Kapiteln legt Haley offen, wie er die historische Recherche mit romanhaften Elementen verwob.

Die Perspektive des Leidens

Die erzählerische Kraft von „Roots“ liegt in der unmittelbaren Nähe zum Protagonisten. Der Leser begleitet Kunta Kinte von seinem muslimisch geprägten Aufwachsen in Juffure über die traumatische Überfahrt in Ketten bis hin zur erzwungenen Namensänderung in „Toby“. Die Darstellung seines Widerstands und der darauffolgenden Bestrafungen verlieh der historischen Debatte eine emotionale Dimension, die weit über akademische Abhandlungen hinausging.

Der Schriftsteller James Baldwin betonte in seiner zeitgenössischen Rezension für die „New York Times“, dass Haley den Leser förmlich in die Haut des Protagonisten zwinge. Man teile Kintes Entsetzen, seine Wut und seinen Schmerz. Trotz der Anerkennung als „Werk der Liebe“ merkte Baldwin jedoch an, dass die Geschichte des Freiheitskampfes der Nachfahren damit keineswegs abgeschlossen sei.

Kulturelles Erbe und kritische Einordnung

Noch gewaltiger als der Erfolg des Buches war die Resonanz auf die Verfilmung durch den Sender ABC im Jahr 1977. Die Serie löste eine Welle der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei aus, die bis heute in der US-amerikanischen Kultur nachwirkt. Filme wie Steven Spielbergs „Amistad“, Steve McQueens „12 Years a Slave“ oder Serienadaptionen wie Colson Whiteheads „The Underground Railroad“ stehen in einer direkten Traditionslinie dieses öffentlichen Diskurses.

Interessanterweise konnte der dauerhafte Erfolg von „Roots“ auch durch kontroverse Aspekte nicht geschmälert werden. Kritiker wiesen dem Werk im Laufe der Jahre historische Ungenauigkeiten und Plagiatsvorwürfe nach, und auch die literarische Qualität wurde vereinzelt als kitschig eingestuft. Dennoch bleibt das Epos ein zentraler Bestandteil des amerikanischen Selbstverständnisses. Im Kontext der Serie „Amerika, wie es im Buche steht“, die anlässlich des 250. Geburtstags der USA fünfzig prägende Werke beleuchtet, nimmt Haleys „Roots“ einen festen Platz ein – als ein Werk, das den Blick auf die eigene Geschichte nachhaltig geschärft hat.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-architektur-25053933/ · Foto: detait
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/wie-alex-haleys-roots-die-geschichte-der-sklaverei-bekannt-machte-accg-201067910.html