Ein vergessenes Kapitel der US-Geschichte
Lange Zeit wurde das Ereignis vom 10. November 1898 in Wilmington, North Carolina, in der öffentlichen Wahrnehmung der USA kaum beachtet. Während Massaker wie jene in Tulsa oder Rosewood in das kollektive Gedächtnis eingingen, blieb der Umsturz in der Hafenstadt am Cape Fear River über Jahrzehnte hinweg ein weitgehend verschwiegenes Thema. Dabei handelte es sich um ein historisch einzigartiges Ereignis: Es war der einzige erfolgreiche Putsch gegen eine demokratisch gewählte Regierung in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Der Kontext: Ein früher Versuch der Teilhabe
Um die Tragweite des Putsches zu verstehen, muss man die Zeit der sogenannten Reconstruction betrachten. Nach dem Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei hatten schwarze Männer erstmals das Wahlrecht erworben. Im Süden, wo Afroamerikaner in vielen Regionen die Bevölkerungsmehrheit stellten, führte dies zu einer bemerkenswerten politischen Teilhabe. Bis 1877 bekleideten rund 2000 Afroamerikaner öffentliche Ämter, darunter auch Sitze im US-Kongress.
In Wilmington war diese Entwicklung besonders ausgeprägt. Die Stadt verfügte über eine einflussreiche schwarze Mittelschicht aus Ärzten, Akademikern und Geschäftsleuten. Die politische Führung der Stadt lag bei den sogenannten „Fusionists“ – einer Koalition aus schwarzen Republikanern und weißen Populisten, die ihre Zusammenarbeit auf gemeinsame wirtschaftliche Interessen gründeten.
Die Zerstörung einer multikulturellen Demokratie
Dieses politische Bündnis war den weißen Eliten, die in der Demokratischen Partei organisiert waren, ein Dorn im Auge. Nachdem die Unionstruppen 1877 aus dem Süden abgezogen worden waren, erstarkte die „Redemption“-Bewegung, die mit Terror, Gewalt und restriktiven Wahlgesetzen die Vormachtstellung der weißen Bevölkerung wiederherstellen wollte.
Im Jahr 1898 erreichte die rassistische Propaganda ihren Höhepunkt. Unter dem Banner der „White Supremacy“ wurden Wähler eingeschüchtert und rassistische Narrative verbreitet. Obwohl die Demokraten bei den Wahlen zum Senat und Repräsentantenhaus siegten, blieb die lokale Stadtregierung in der Hand der Fusionists. Die Verschwörer, zu denen Honoratioren, Geschäftsleute und Akademiker zählten, wollten diesen Zustand nicht länger hinnehmen.
Der Ablauf des Putsches
Am Vorabend des 10. November 1898 unterzeichneten die Aufständischen ihre „White Declaration of Independence“. In einer koordinierten Aktion brannten bewaffnete weiße Männer die Redaktion der schwarzen Zeitung „Daily Record“ nieder. Es folgten gezielte Morde an schwarzen Bürgern. Schätzungen über die Opferzahlen variieren zwischen sechzig und weit über einhundert Toten. Unter dem Druck der Gewalt wurden der Bürgermeister und der Stadtrat zum Rücktritt gezwungen. Viele afroamerikanische Familien verloren ihr gesamtes Eigentum und ihre politische Heimat; sie sahen sich gezwungen, die Stadt für immer zu verlassen.
Die Langzeitfolgen und das Ringen um Erinnerung
Die Journalistin Lauren Collins, die in Wilmington aufwuchs, beleuchtet in ihrem Buch „They Stole a City“ die tiefgreifenden Langzeitfolgen dieses Verbrechens. Sie beschreibt sich selbst als „implicated subject“, da sie in einer Gesellschaft groß wurde, deren Strukturen noch immer von den Folgen des Massakers geprägt sind. Während das Ereignis früher als spontaner „race riot“ verharmlost wurde, ist heute unbestritten, dass es sich um einen geplanten Umsturz handelte.
Heute gibt es in Wilmington Gedenkfeiern, Denkmäler und Ausstellungen, die an die Opfer erinnern. Dennoch bleibt die Aufarbeitung unvollständig. Kritiker bemängeln, dass die Anerkennung der Geschichte dort endet, wo sie materielle Konsequenzen hätte. Forderungen nach Reparationen für die enteigneten Familien wurden nie umgesetzt. Die Stadt steht damit exemplarisch für eine landesweite Debatte in den USA über den Umgang mit der eigenen Geschichte und die Frage, wie eine echte „multiracial democracy“ in einem Land gelingen kann, das noch immer mit den Schatten seiner Vergangenheit ringt.