Ein Leben für das Bild: Wilhelm Schürmann zum Achtzigsten
An diesem Mittwoch vollendet Wilhelm Schürmann sein achtzigstes Lebensjahr. Der Fotograf, Sammler und Kurator hat über Jahrzehnte hinweg die deutsche Kunstszene maßgeblich geprägt. Seine Arbeiten, die sich oft mit der Art und Weise beschäftigen, wie sich Deutschland und seine Bewohner einrichten, herrichten oder gar zurichten, sind weit mehr als bloße Dokumentationen. Schürmann, der ursprünglich Chemie studierte, fand seinen Weg zur Fotografie über ein tiefes Interesse an der visuellen Struktur der Welt. Sein Wirken ist dabei stets von einer kritischen Distanz geprägt, die den Betrachter dazu zwingt, die scheinbare Normalität des Alltags zu hinterfragen. Dabei ist die Kunst für Schürmann keineswegs eine einfache Lösung für gesellschaftliche Probleme. Vielmehr versteht er sie als ein Instrument, um den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, diese Wunden offenzulegen und den Betrachter mit der oft abweisenden Kälte der Realität zu konfrontieren. Sein achtzigster Geburtstag ist ein willkommener Anlass, um auf eine Karriere zurückzublicken, die stets den Anspruch erhob, über das Offensichtliche hinauszublicken und die tieferliegenden Strukturen unserer Umwelt sichtbar zu machen.
Von Aachen in die Welt: Die Anfänge und Meilensteine
Die Karriere von Wilhelm Schürmann ist eng mit der Stadt Aachen verknüpft. Bereits 1973 gründete er dort gemeinsam mit Rudolf Kicken die Galerie „Lichttropfen“, eine der ersten Fotogalerien Deutschlands. Der Legende nach soll er für dieses ambitionierte Unterfangen sämtliche seiner Sparbücher aufgelöst haben, um den Grundstein für eine Institution zu legen, die das Medium Fotografie in Deutschland maßgeblich voranbringen sollte. Schürmanns Engagement beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Galeriearbeit. Er kuratierte bedeutende Ausstellungen, allen voran die visionäre Schau „In Deutschland – Aspekte gegenwärtiger Dokumentarfotografie“ im Jahr 1979, die er zusammen mit Klaus Honnef für das Rheinische Landesmuseum realisierte. Diese Ausstellung gilt bis heute als wegweisend. Im Jahr 2017 folgte unter dem Titel „Reloaded“ eine Neuauflage, die um Aufnahmen aus der DDR erweitert wurde und damit ein noch umfassenderes Bild der deutschen Befindlichkeit zeichnete. Auch akademisch war Schürmann tätig: Von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 lehrte er als Professor an der Fachhochschule Aachen, wo er sein Wissen an Generationen von Studierenden weitergab.
Ein Kosmos aus Konstruktivismus und Humor
Gemeinsam mit seiner Frau Gaby hat Wilhelm Schürmann über Jahrzehnte eine beeindruckende Sammlung aufgebaut, die heute Tausende von Arbeiten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst. Dabei ging es den beiden nie um das bloße Anhäufen eines Kanons. Ihre Kriterien für die Aufnahme eines Werkes in die Sammlung sind klar definiert: Die Kunst muss reflektiert, leichtfüßig, lapidar und uneitel sein. Diese Sammlung entfaltet einen Kosmos, der oft von einer fast abweisenden Kälte geprägt ist. Doch diese konstruktivistische Strenge wird immer wieder durch eine hinterlistige Prise Humor gebrochen, die sich sogar in den Wohnräumen des Ehepaares widerspiegelt. Schürmann selbst reflektiert diese Wechselwirkung zwischen seinem eigenen fotografischen Schaffen und seiner Sammelleidenschaft: Er stellt sich oft die Frage, ob er diese spezifische Kunst sammelt, weil er selbst so fotografiert, oder ob sein fotografischer Blick durch die Kunst, mit der er sich umgibt, geformt wurde. Diese Symbiose aus Sammeln und Schaffen macht Schürmanns künstlerische Identität aus.
Der dokumentarische Blick auf die deutsche Realität
Schürmanns eigene Fotografien sind eng mit seiner Sammlertätigkeit verwandt. Sie zeichnen sich durch eine dokumentarische Strenge aus, die vorgibt, die Welt lediglich abzubilden, dabei jedoch tief in die Strukturen unserer Umgebung eindringt. Besonders dort, wo der Glanz der modernen Welt verblasst ist, findet Schürmann seine Motive. Seine frühen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einfallslosen Neubausiedlungen dokumentieren eine Ästhetik des Funktionalen, während seine späteren Farbfotos, die unter dem Serientitel „Suburban Constructivism“ zusammengefasst sind, chaotisch zusammengesetzte Wohnhäuser mit ihren unzähligen An- und Umbauten in den Fokus rücken. Schürmann gelingt es, diesen oft trostlosen Anblicken charmant abstrakte Kompositionen abzugewinnen. Ein Beispiel für seine Beobachtungsgabe ist die Landschaft hinter seinem Wohnhaus in Kohlscheid: Dort ragen die Panzersperren des historischen Westwalls aus den Wiesen hervor, die Schürmann wie eine Form von Land Art betrachtet. Auch der Blick aus seiner Berliner Wohnung auf den Strausberger Platz dient ihm als Brennglas, in dem sich die vielfältigen Facetten der deutschen Befindlichkeit spiegeln.
Einordnung: Kunst als Stachel im Fleisch
Einzuordnen ist das Werk von Wilhelm Schürmann als eine konsequente Auseinandersetzung mit der gebauten Umwelt und der damit verbundenen menschlichen Existenz. Den Berichten zufolge ist Schürmanns Fotografie keineswegs eine bloße Abbildung der Realität, sondern eine bewusste Inszenierung, die den Betrachter dazu anregt, über die Notwendigkeit des Bestehenden nachzudenken. Wenn er den Finger in die Wunden der Gesellschaft legt und diesen Finger so lange dreht, bis es wehtut, dann ist das ein bewusster Akt der Provokation. Die Anerkennung für dieses Lebenswerk fand unter anderem 2020 ihren Ausdruck, als Wilhelm Schürmann und seine Frau Gaby den Art-Cologne-Preis erhielten. Diese Auszeichnung unterstrich, dass Schürmanns Interesse weit über die Fotografie hinausgeht. Er sucht nach dem Bild, das entsteht, wenn aus Altvertrautem etwas Neues geschaffen wird. Dabei bleibt er seinem Anspruch treu, dass Kunst nicht die Lösung für gesellschaftliche Probleme sein kann, sondern vielmehr die Aufgabe hat, Fragen aufzuwerfen und den Status quo kritisch zu hinterfragen.
Lücken im Bild: Was bleibt offen?
Obwohl das Werk von Wilhelm Schürmann umfassend dokumentiert und gewürdigt wurde, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext gibt beispielsweise keine Auskunft darüber, welche spezifischen Kriterien bei der Auswahl der Tausenden von Werken für die Sammlung im Detail angewandt wurden, abgesehen von den genannten abstrakten Attributen wie „leichtfüßig“ oder „lapidar“. Auch bleibt offen, wie Schürmann den Prozess der digitalen Transformation der Fotografie in seinem eigenen Spätwerk bewertet, da der Text sich primär auf seine bisherigen Serien und die dokumentarische Strenge konzentriert. Zudem werden die konkreten Auswirkungen seiner Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Aachen auf die nachfolgende Generation von Fotografen nur angedeutet, jedoch nicht in ihrer inhaltlichen Tiefe oder methodischen Ausrichtung spezifiziert. Auch die Frage nach der Zukunft der umfangreichen Sammlung, etwa ob sie in eine öffentliche Stiftung überführt werden soll oder wie der Erhalt dieser Kunstwerke langfristig gesichert werden kann, wird im vorliegenden Text nicht thematisiert. Diese Lücken lassen Raum für weitere Betrachtungen über das Wirken eines Mannes, dessen Werk noch lange über seinen achtzigsten Geburtstag hinaus Bestand haben wird.